Kommentar

Die letzte Machete

Über das Aus der Sendung „Kulturpalast“ als bitterer Abschluss der Marginalisierung von Theater im öffentlich-rechtlichen Fernsehen

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© Michael Khano / Kobalt Productions
© Michael Khano / Kobalt Productions

Als im Dezember 1999 der ZDFtheaterkanal auf Sendung ging, war das europaweit eine Sensation. Ein Spartenprogramm, bei dem man schon zum Frühstück eine alte Peter-Zadek-Inszenierung und nach Mitternacht noch eine Theater-Doku sehen konnte, etwa eine der 150 Folgen „Theaterlandschaften“, mit denen praktisch das gesamte deutschsprachige Theater in halbstündigen Einzelporträts vorgestellt wurde. Im Ausland staunte man: So etwas können nur die Deutschen haben. Für die aktuelle Berichterstattung gab es dazu die – zeitweise wöchentlich laufende – Sendung „Foyer“, ein Theatermagazin mit Premierenberichten und Porträts, auch aus den Sparten Tanz und Musiktheater, sowie Sondersendungen samt ganzer Aufzeichnungen vom Theatertreffen. Goldene Zeiten fürs Theater im Fernsehen.

Zehn Jahre später feierte der digitale Theaterkanal sein Jubiläum, doch da hatten die Programmoberen in Mainz schon die Kahlschlagmacheten aus dem Schreibtisch gezogen. Der Theaterkanal – ein Jahr Laufzeit kostete das ZDF so viel wie eine Sendung „Wetten dass ...?“ – wurde aufgelöst und ein kleiner Teil dessen ab 2011 in das Programm des neuen Senders ZDFkultur einbezogen. Das lebende Theatermuseum der alten Zadek-Aufzeichnungen verschwand ganz, aus „Foyer“ wurde der „Kulturpalast“, eine Sendung nunmehr für Performing Arts im weitesten Sinne, die mit neuen Formen der Kulturberichterstattung experimentierte und dabei mit engagiertem Interesse das Theater im Auge behielt, vor allem auch mit Studiogästen wie Herbert Fritsch, Charly Hübner und zuletzt Thomas Ostermeier. Insgesamt 166 Sendungen entstanden, in den letzten Jahren waren sie, auf drei Staffeln im Jahr verteilt, jeweils einem Oberthema verschrieben, mit dem gesellschaftliche Großthemen in aktueller Theaterarbeit, Musiktrends und neuen Filmen gespiegelt werden sollten. Die ausführende Produktionsfirma, Tita von Hardenbergs Kobalt in Berlin, hatte auch schon „Foyer“ produziert und besaß personell wie Knowhow-mäßig eine breite Basis für die ständige Weiterentwicklung des Formats der Sendung, die von Pegah Ferydoni und Nina Sonnenberg moderiert wurde.

Am 1. Dezember lief die letzte Ausgabe „Kulturpalast“ bei 3sat. Zur Einstellung der Sendung machte der öffentlich-rechtliche Dachsender ZDF keine Angaben und verwies lediglich darauf, dass man „das Profil des prominenten Sendeplatzes am Samstag um 19.20 Uhr schärfen“ wolle. Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass die weitere Marginalisierung des Theaters, die allgemein in den Mainstream-Medien zu beobachten ist, beim ZDF (gebührenfinanziertes) Programm ist. Ein Indiz für diese Ausrichtung ist auch die Streichung der Festivalreportagen „Theater: ein Fest!“ bei 3sat. Nun gibt es nichts mehr wegzusäbeln – und man könnte von dem eingesparten Geld die zeitlich immer überziehende „Wetten dass ...?“-Sendung ganz offiziell um anderthalb Minuten verlängern. Aber die gibt es ja auch schon nicht mehr. //

Der Autor realisierte selbst ab 2003 Theaterbeiträge für die Sendungen „Foyer“ und „Kulturpalast“. 2004 erhielt er zusammen mit Matthias Schmidt einen Grimme-Preis für die 3sat-Produktion „Die Bühnenrepublik. Theater in der DDR“.

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