Gespräch

Was macht das Theater, Jürgen Holtz?

von und

Jürgen Holtz, Ende Dezember lief am Berliner Ensemble die dreihundertste Vorstellung der „Dreigroschenoper“ in der Regie von Robert Wilson. Haben Sie im September 2007, als die Premiere war, erwartet, dass die Inszenierung so erfolgreich sein würde?
Über so was habe ich mir nie Gedanken gemacht. Es gibt gute Inszenierungen, die schlecht laufen, und schlechte, die gut laufen. Dies ist eine gute, die gut läuft. Kommt auch vor.

Foto Lesley Leslie-Spinks
Foto Lesley Leslie-Spinks

Ich hatte den Eindruck, dass Wilsons formal zugespitzter Inszenierungsstil im Widerspruch steht zu Brechts Gestus von „Kunst ist Waffe“, wie Friedrich Wolf es formulierte. Wird hier der Anklagegestus der Bettleroper einem artifiziellen Selbstzweck geopfert?
Nein, finde ich gar nicht. Die Künstlichkeit ist von Bert Brecht und Kurt Weill unbedingt gewollt. Das „Glotzt nicht so romantisch“ zeigt ja die Richtung, in die es geht: Stummfilmästhetik, schnelle Auf- und Abblenden, kalter Beobachtergestus. Bei Probenhalbzeit zeigte Wilson den Film, den er über unsere Arbeit bis dahin gemacht hatte. Da sah ich etwas! Diese merkwürdige Aufführungsästhetik trifft den schrillen Charme des frühen 20. Jahrhunderts sehr genau. Die Aufführung ist aus Musik, Bewegung, Sprache und Licht gemacht. Ein Konstrukt!

Manche erblicken darin eine Art Marionettentheater, das den Schauspielern jede Freiheit nimmt.
Das Gegenteil ist der Fall! Aber man muss sich natürlich erst einmal auf die Künstlichkeit, die exakten Vorgaben einlassen. Und dann entdeckt man die Freiheitsräume darin. Das ist das Gegenteil jedes Sozialnaturalismus, der naiv und sentimental bleibt. Das ist vor allem fremd.

Brechts Standpunkt ist der des proletarischen, nicht des bürgerlichen Theaters – und wo steht Wilson?
Wilson versteht sich als amerikanischer Brecht-Erbe, war mit Heiner Müller befreundet. Natürlich begibt er sich mit seiner schrillen Art zu arbeiten auch in die Gefahr des Kunstgewerbes. Aber allein schon wie er die Farbe einsetzt, ist immer überraschend. Schwarz-Weiß-Kontraste wechseln in der Bordellszene plötzlich ins Grellbunte. Diese Dinge entwickeln einen ungeheuren Ausdruck. Da sind dann solche Begriffe wie bürgerlich oder proletarisch, die in der Geschichte bekanntlich des Öfteren ihre Bedeutung wechselten, am Anfang positiv besetzt waren, sich dann ins Negative wendeten, nicht mehr so entscheidend.

Sie sind der Bettlerkönig Jonathan Peachum, der sogar noch aus dem Betteln – also weniger als nichts – systematisch ein Geschäft macht. Heißt das, es gibt im Kapitalismus nichts, womit man nicht handeln könnte, sogar noch mit den Ausgestoßenen?
Der Neoliberalismus suggeriert uns ja, dass jeder ein Geschäftsmann sein soll. Das ist natürlich Unsinn. Nicht jeder kann oder will das. Da hat das Theater stärker denn je seine utopische Funktion, es muss zeigen, dass es nicht bloß den sich immer schneller drehenden Kreisel von Geldverdienen und Konsumieren, von Arbeiten, Fressen, Schlafen und Ficken gibt.

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