Auftritt

Paris: Zwischen Protest und Poesie

Théâtre du Soleil: „Kanata – Épisode I – La Controverse“ von Robert Lepage und dem Théâtre du Soleil

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Kulturelle Aneignung oder überfällige Aufarbeitung der indigenen Geschichte Kanadas? – Robert Lepages „Kanata – Épisode I – La Controverse “ feierte seine Weltpremiere am Théâtre du Soleil in Paris. Foto Michèle Laurent
Kulturelle Aneignung oder überfällige Aufarbeitung der indigenen Geschichte Kanadas? – Robert Lepages „Kanata – Épisode I – La Controverse “ feierte seine Weltpremiere am Théâtre du Soleil in Paris. Foto Michèle Laurent

Robert Lepage ist dafür bekannt, dass seine Stücke zur Premiere nicht fertig sind. Das hat mit seiner Arbeitsweise zu tun. Da er stets mit mehreren Projekten gleichzeitig beschäftigt ist, werden die jeweiligen Proben für Wochen, oft auch Monate unterbrochen und bereichern sich durch die Pausen und Überlappungen. Die verschiedenen halbfertigen Arbeiten befeuern sich gegenseitig, und die Proben gehen auch nach der Premiere weiter.

Er liebt es, alles immer wieder infrage zu stellen, die Reaktionen des Publikums zu verarbeiten und die Schauspieler mit Unvorhergesehenem herauszufordern. Das hält die Aufführungen frisch und verhindert jene genüssliche Spielroutine, die er so sehr hasst. Seine eigenen Leute können diesen Ritt über den Bodensee souverän, auch lustvoll bewältigen – für ein fremdes Ensemble ist er wohl eher angstbesetzt.

Bei der Weltpremiere von „Kanata“ am 15. Dezember 2018 im Théâtre du Soleil in Paris beschloss Ariane Mnouchkine, den Zuschauern das Eintrittsgeld zurückzuzahlen, da sie nicht die Aufführung, sondern nur „eine letzte Probe“ sehen würden. Sie hat Ähnliches auch schon bei eigenen Produktionen gemacht; warum also nicht auch jetzt, wo sie zum ersten Mal in der fünfzigjährigen Geschichte des Theaters ihr Ensemble einem anderen Regisseur anvertraut hatte. Dabei waren die Misslichkeiten des Abends weniger den Spielern als den schleppenden Umbauten geschuldet, die es dem Publikum schwer machten, sich auf das Geschehen einzulassen.

Ohnehin stand „Kanata“ unter einem dunklen Stern. Das Wort, aus dem später der Landesname Kanada wurde, bedeutet „Dorf“ und stammt aus der Sprache der Ureinwohner. Deren Geschichte sollte in einem dreiteiligen Bühnenepos erzählt werden: ausgreifend und facettenreich, über Generationen und Erdteile hinweg. Lepage ist ein Meister dieser Form – man denke nur an „The Seven Streams of the River Ota“, das von Hiroshima handelte und jahrelang um die Welt tourte. Doch diesmal war alles anders.

Im vergangenen Sommer setzte das Jazzfestival Montreal Lepages szenisches Konzert „SLV“ mit Betty Bonifassi ab, weil es wütende Proteste gab. Grund: Die Sängerin ist weiß und darf deshalb keine Sklavenlieder singen, auch wenn sie es noch so toll kann. Es lebe die PC! Kurz danach traf der Vorwurf der „Kulturellen Aneignung“ auch „Kanata“. Natürlich wäre es besser gewesen, First-Nation-Künstler miteinzubeziehen, aber in Mnouchkines internationalem Ensemble gibt es nun einmal keine. Und den Vorschlag eines autochthonen Koregisseurs lehnte Lepage ab, was nachvollziehbar ist.

Während noch nach einer einvernehmlichen Lösung gesucht wurde, stieg der geldmächtigste Koproduzent (die Kulturfabrik The Armory in New York) aus dem Projekt aus; der Canada Council for the Arts folgte, und Lepage sagte die Produktion ab. Aber das wollte das Théâtre du Soleil, ebenfalls Koproduzent, nicht zulassen: Ariane Mnouchkine überzeugte den Regisseur, der seit Jahren immer wieder an dem Stück gearbeitet hatte, „Kanata“ nach dreiwöchigen Endproben termingerecht in der Cartoucherie herauszubringen, vielleicht auch in der verzweifelten Hoffnung, in Europa neue Koproduzenten für die Fortsetzung zu finden. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, wird das geplante Bühnenepos aber wohl nicht über den ersten Teil, der noch bis zum 17. Februar in Paris zu sehen sein wird, hinauskommen. Das wäre ein Jammer, denn trotz aller Unfertigkeit lässt sich erahnen, wie viel Kraft, Klarheit und Kunst darin stecken.

Es beginnt mit einem Ausstellungsmacher, der im Kanadischen Nationalmuseum nach First-Nation-Porträts sucht – ein Präludium voller Selbstironie und Sarkasmus. Gleich darauf sieht man einen Mann im Einbaum über einen von Wald umgebenen See fahren, ein magisches Bild von großer Poesie und Wehmut, ganz langsam und still, jäh unterbrochen von einem Dutzend lärmender Männer mit Motorsägen und Helmen, die den Wald abholzen. In der nächsten, sehr kurzen Szene wird einer schreienden Mutter ihr Säugling entrissen und einem Priester übergeben.

Dieser Auftakt ist grandios und punktgenau, und natürlich geht es dann erst einmal ganz anders weiter, nämlich mit einem jungen Künstlerpaar, das sich in Vancouver ein viel zu teures Loft mietet. Er ist Schauspieler, sie Malerin, und sie wissen beide nicht so recht, was sie vom Leben wollen, bis die Ereignisse um sie herum ihnen den Weg vorgeben. Die Namen der beiden, Frederic und Miranda, verleiten dazu, das Stück auch als schräge Übermalung von Shakespeares „Sturm“ zu lesen, mit Tanya, einer drogenabhängigen First-Nation-Frau, als Ariel mit gebrochenen Flügeln, einem Schweinezüchter und Massenmörder als pervertiertem Prospero und dem Ausstellungsmacher vielleicht als Caliban in einer umgedrehten Terra incognita. Lepage schmuggelt gerne solche Rätselspuren in das Geschehen hinein, man kann ihnen folgen oder auch nicht.

Miranda (Dominique Jambert) erkundet ihre neue Umgebung mit einer Mischung aus Neugier und Empathie angesichts der vielen Drop-outs auf der Straße. Sie freundet sich mit Tanya (Frédérique Voruz) an, die durch Gelegenheitsprostitution überlebt. Sie möchte ihr helfen, stößt aber sowohl bei ihr als auch bei verschiedenen Behörden an ihre Grenzen. „Das Einzige, was wir für sie tun können, ist, dafür zu sorgen, dass sie saubere Nadeln hat“, sagt eine ernüchterte Sozialarbeiterin. Die Autochthonen werden weder angeklagt noch verklärt; man begreift recht gut, was so viele von ihnen kaputtgemacht hat. Schließlich wird Tanya vom Schweinezüchter umgebracht – eine schreckliche Szene, gerade weil man den Mord nicht sieht, nur das Blut, das ans Fenster klatscht. Miranda ist erschüttert über die Nachricht – in ihrer Trauer will sie ein Porträt von Tanya malen, aber man sagt ihr, dass sie das nicht darf ohne die Zustimmung der Familie, und die wird sie nie bekommen. Wieder geht es um den Vorwurf der kulturellen Aneignung, und Miranda, eingeschüchtert, flüchtet sich in die Abstraktion.

Am Ende kommt das Boot noch einmal zurück. Diesmal fährt es nicht über den See, sondern hängt unter der Decke. Menschen seilen sich ab, schweben zwischen Himmel und Erde wie im Traum. Der Einbaum ist kein Nutzgerät mehr, sondern ein kulturelles Symbol. Das Bild ist magisch und mysteriös, und es drückt mehr aus, als Worte es könnten. Auch den Respekt vor dieser Kultur, die man sich gar nicht unbefugt aneignen könnte, selbst wenn man es wollte. Dafür ist sie viel zu stark. //

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