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Altruismus oder Kampf

Wie begegnet Italiens Kulturszene dem budgetären Raubbau, fragt der Intendant der Theaterbiennale in Venedig Antonio Latella

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Im Jahr 2018 versprach Italiens neuer Kulturminister Alberto ­Bonisoli von der Fünf-Sterne-Bewegung mehr Geld: für Musik, die ­Theater und ­andere Kulturbereiche. Doch das Gegenteil ist der Fall. Das Haushaltsgesetz für 2019 sieht weitere Kürzungen des Kulturetats vor, der sich von der ­radikalen Halbierung durch die Regierung Berlusconi 2008 nie ­erholt hat. Die Arbeit vieler Theater, Museen, Orchester und Kultur­einrichtungen ist bedroht. Italiens Kulturszene hat noch keine Antwort darauf gefunden, auch keine politische.

„Die drei Musketiere” nach Alexandre Dumas in einer Bearbeitung von Antonio Latella und Federico Bellini, Regie Antonio Latella (Theater Basel 2019). Foto Sandra Then
„Die drei Musketiere” nach Alexandre Dumas in einer Bearbeitung von Antonio Latella und Federico Bellini, Regie Antonio Latella (Theater Basel 2019). Foto Sandra Then

Ich mache Theater, seit ich 17 bin. Heute bin ich 52, habe viele Regierungen kommen und gehen sehen, viele Versprechen gehört, sogar engagierte Kulturminister erlebt – und doch haben sich die Zustände nicht verbessert. Im Gegenteil, in mancher Hinsicht sind sie schlechter geworden. Heute frage ich mich: Warum? Wer trägt dafür die Verantwortung?

Meine einzige Antwort ist, dass die italienischen Theater­macher nie wirklich für ihre „künstlerische“ Freiheit gekämpft haben, nicht für ihre Arbeitnehmerrechte, nicht für die Anerkennung ihrer Kunst als Arbeit, die oft als voluntaristischer Zeitvertreib verstanden wird. Junge Theaterschauspieler in Italien müssen heute viele Jobs jenseits der Bühne suchen, um über die Runden zu kommen. Gegen Ende der achtziger Jahre bekam ich als Schauspieler den gewerkschaftlichen Mindestlohn in Höhe von 54 000 Lire, während einige Schauspieler in meinem Ensemble eine Million am Tag bekamen. Beachtliche Summen, die zeigten, dass das Theater nicht arm war. Eine wahre Verschwendung, die unsere Väter mitfinanzierten, besonders an den institutionellen Bühnen und im Unterschied zu den schon immer stiefmütterlich behandelten experimentelleren Theatern. Was haben wir gegen diese wirtschaftlichen Ungleichheiten unternommen? Wir hatten so wenig, dass wir aus Angst, auch noch das zu verlieren, nicht gekämpft haben. Haben wir vielleicht Einschnitte, verheerende Kürzungen legitimiert, weil wir zeigten, dass wir auch im Elend noch zurechtkommen? Ein oft gehörtes Motto war: „Es wird sowieso weiter Theater gemacht, auch mit wenig Geld.“ Wir haben es zugelassen. Gegenwärtig ist das ­italienische Theater im Vergleich zum deutschen auf Dritte-Welt-Niveau. Ein italienischer Schauspieler kann sich glücklich schätzen, wenn er drei oder vier Monate arbeiten kann. Warum ist es so gekommen? Vielleicht weil ihr Deutschen zuerst für die Würde der Arbeit und dann erst für die der Kunst gekämpft habt? Ich stelle das nur als Frage in den Raum.

Angesichts der italienischen Widrigkeiten bin ich froh, trotzdem auf talentierte junge Künstler zu stoßen. Leider werden sie finanziell nicht gefördert, weshalb ich mich als Intendant der Thea­terbiennale, mit Unterstützung von Biennale-Präsident ­Paolo Baratta, gerade für sie einsetze. Jedes Jahr fördern wir die Produktion eines Regisseurs unter dreißig Jahren mit 110 000 Euro. Das ist für einen italienischen Regisseur eine stattliche Summe. Auch junge italienische Autoren finden oft keinen Ort, an dem sie sich Gehör verschaffen können. Um auch sie zu unterstützen, haben wir unsere Ausschreibung so erweitert, dass neben Regisseuren auch junge Autoren 2020 ins Festivalprogramm aufgenommen werden können. Wir kämpfen. Nicht für uns, sondern für die nach uns. Besonderen Wert legen wir auf Ausbildung und die ­Begleitung der Künstler in ihren Arbeitsprozessen – und auf ­Altruismus.

Das italienische Theaterpublikum ist meines Erachtens bereit, sich aufrütteln zu lassen, um neue Ausdrucksformen zu erleben. Leider trifft dies wohl nicht auf die Künstlerischen Leiter der Theater zu, die zu sehr wirtschaftliche Aspekte geltend machen – mit der Folge, dass sie häufig sehr konventionelle Programme ­gestalten und der Geburt eines neuen Publikums keine Chance ­geben. Manchmal müsste man den Mut haben, Zuschauer zu ­verlieren, um ein neues Publikum heranzuziehen – den Mut zur Unbequemlichkeit.

In Italien Theater zu machen ist also von vornherein politischer Kampf, weil wir in der Ungewissheit versuchen, unsere Stimme zu Gehör zu bringen. Meine kulturpolitische Entscheidung ist es, heute jungen Menschen zu helfen, gerade, weil ich Glück hatte: Meine Kompanie stabilemobile hat sich entschieden, ohne jegliche staatliche Unterstützung zu arbeiten, um der von den Gesetzen ­verlangten Kommerzialisierung des Theaters zu entgehen. Leider glaube ich nicht, dass Experimentieren und Qualität in naher Zukunft mehr Wertschätzung erfahren werden. Ich fürchte, dass nur die Zahlen zählen. Aus den Zahlen herauszukommen, ist jedoch wichtig, wenn man versuchen will, eine eigene Sprache zu finden. Aber Italien und seine Regierung haben noch nicht begriffen, dass Kultur auch ein „Wirtschaftszweig“ sein kann, dass sie Arbeitsplätze schafft. Sie bringt Konsum, wohingegen Unterhaltung etwas anderes ist. //

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