Protagonisten

Keine Anbiederung, nirgends

Unter neuer Intendanz zeigt sich am Landestheater Detmold auch der neue Schauspielchef Jan Steinbach ambitioniert

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Nicht nur die Chefetage ist neu besetzt. 40 der 273 Beschäftigten nehmen frisch engagiert ihre Arbeit auf. Aufbruchseuphorie im ehemaligen Hoftheater des Fürstentums Lippe mitten in Detmold. Im heutigen Landestheater. Alles steht auf Anfang. Nichts wie hin. 19 Uhr. In der idyllisch ums Residenzschloss kuschelnden, zur Geisterstadt geleerten City herrscht zu dieser Zeit schon aufgeräumte Ruhe. Nur an Theatertagen huschen zu solch später Stunde noch mal kurz bis zu 650 Menschen aus dunklen Parkplatzwinkeln der sparsamen Jugendstilschönheit des Bühnen­hauses entgegen. Nicht unwahrscheinlich, dass dort auch der leibhaftige Schlossbewohner Stephan Prinz zur Lippe, als Mitglied des Vorstands der Theaterfreunde, Platz genommen hat nebst Gemahlin Maria, Gräfin zu Solms-Laubach. Was Bürger und Adel eint, „ist hier eine besonders große Liebe zum Theater als Fixpunkt des Kulturlebens, das merke ich bei jedem Gespräch in der Stadt“, hat die neue Chefdramaturgin Lea Redlich festgestellt, nachdem sie von der sturmumtosten Nordseeküste ins windstille Tal am Fuße des Teutoburger Waldes gewechselt war. Schauspielchef Jan Steinbach holte sie an seine Seite. Beide haben an der Landesbühne Niedersachsen Nord in Wilhelmshaven zusammengearbeitet, bringen also die für Detmold notwendige Erfahrung für Produktionen mit, die sowohl im Stammhaus wie auch in ­Aulen, Gemeindehäusern, Stadthallen der Region funktionieren müssen. Steinbach ver­antwortet in seiner ersten Saison für das Schauspiel 292 Aufführungen in Detmold und 117 an Gastspiel­orten. Mit allen Sparten gastiert das Haus insgesamt an 52 Orten. 1,6 Millionen Euro des 21-Millionen-Etats werden daheim, 1,4 Millionen auswärts eingespielt, 10,3 Millionen spendiert das Land, weiterer Gelder kommen unter anderem vom Kreis, von der Stadt, dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe.

Vorstadtgeplapper oder die Banalität des Normalen – Heiner Junghans und Alexandra Riemann in „Gute Nachbarn“ von Will Eno in der deutschsprachigen Erstaufführung von Jan Steinbach am Landestheater Detmold. Foto Jochen Quast
Vorstadtgeplapper oder die Banalität des Normalen – Heiner Junghans und Alexandra Riemann in „Gute Nachbarn“ von Will Eno in der deutschsprachigen Erstaufführung von Jan Steinbach am Landestheater Detmold. Foto Jochen Quast

Was Steinbach an dieser Situation reizt? „Der Intendant ­Georg Heckel. Ich kannte ihn überhaupt nicht, wir wurden einander vorgestellt, und es war sofort Liebe auf den ersten Blick in künstlerischen Fragen“, erklärt der Schauspielchef. Das passte prima, denn der klassisch ausgebildete Gesangsolist Heckel war bisher als Chefdisponent, künstlerischer Betriebsdirektor und Operndirektor tätig, ist also Fachmann für ­Musiktheater sowie Verwaltung und brauchte für das Vier-Sparten-Haus dringend ­jemanden, der auch Sprechtheater kann. Steinbach kann. Elf ­Jahre hat er zwischen Kiel und Bregenz, Greifswald, Stendal, ­Meiningen und Bonn als freier Regisseur gearbeitet, „das Hin-und-her-Fahren auch sehr geliebt“. Aber Spartenleitung sei nun der reizvoll nächste Schritt seiner Karriere, nicht mehr nach Premieren aus der Stadt zu verschwinden, „sondern mit Publikum und Ensemble gemeinsam zu wachsen“.

Eine weiße Seite hochwertig mattes Papier, Landestheater Detmold 2018 / 2019 darauf gedruckt, in einer fett mit Serifen auf altmodisch getrimmten Schrifttype, darüber die modern stilisierte Minigrafik des Säulenportals des Bühnentempels, darunter eine abstrahierte Lippische Rose: So nüchtern prunkt das Cover des ersten Spielzeithefts um Aufmerksamkeit. 176 Seiten dick. Nicht künstlerisch ausgefuchste Porträts der Mitarbeiter sind darin der Hingucker, sondern ihre Kunst dezenten Lächelns auf seiten­großen Passbildern. Keine Anbiederung, nirgends. Woran sich auch die Eröffnungspremiere des Schauspiels hält. Am Anfang ist der leere Raum. Warten auf den Urknall. Den „Sturm“. Shakespeares philosophische Zauberromanze, in der von Natur und ­Zivilisation, Macht und Unterwerfung, gerechter Herrschaft und Realpolitik die Rede geht. Steinbach nutzt den Stoff als Präsenta­tionsplattform für das neue Ensemble. Sechs Schauspieler suchte er per Vorsprechen aus, sechs Etablierten verlängerte er den Vertrag, und seine beiden Lieblinge aus Wilhelmshaven und Bregenz brachte er mit.

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