Gespräch

Was macht das Theater, Sabine Westermaier und Dorothea Lautenschläger?

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Foto: Michael Baumann
Foto: Michael Baumann

Frau Lautenschläger, Frau Westermaier, wie kam es zur Gründung von rua. Kooperative für Text und Regie? Und für was steht der Name?
Dorothea Lautenschläger
: Es begann alles mit einem Kaffee in Berlin im Februar vergangenen Jahres. Sabine und ich kannten uns von der Arbeit bei henschel SCHAUSPIEL. Während dieser Zeit haben wir uns oft über unseren Wunsch nach einer anderen Arbeitsweise ausgetauscht. Dann erzählte sie mir von einem losen Treffen mit Theaterschaffenden …
Sabine Westermaier: … diese erste Zusammenkunft mit zwei Autorinnen und zwei Regisseurinnen war ein lockerer Austausch über die Arbeit am Stadttheater und in der freien Szene. Eine Qualität dieses Gesprächs war: Es wurde nicht lamentiert, sondern diskutiert, wie wir gemeinsam die Strukturen verändern können. Ich war durch dieses Treffen sehr inspiriert, und mir fiel Dorothea ein. Sie sagte sofort zu. Drei Monate später, Ende Mai, konstituierte sich die Kooperative mit einem Dutzend Theaterschaffenden.
Lautenschläger: Die Namensfindung war ein bisschen kompliziert. Unser erster Vorschlag, der unsere zentrale Idee der vernetzten und zugleich offenen Zusammenarbeit aus­drücken sollte, ist prompt durchgefallen. Dann haben wir rua erfunden, weil wir uns im Feb-rua-r erstmals getroffen haben. Das Wort hat etwas Literarisches und ist zugleich auch eine Abkürzung für „Regisseur*innen und Autor*innen“.

Können Sie kurz skizzieren, welches Unbe­hagen Sie in den Strukturen hatten?
Westermaier: In der klassischen Verlagsarbeit wird man schnell zum Dienstleistenden der Theater. Ältere Kollegen haben immer Geschichten erzählt, wie sie sich früher stundenlang mit den Dramaturgen über Inhalte austauschten – heute erreicht man selten jemanden persönlich, und in der Verzweiflung schreibt man Tonnen von E-Mails, die keiner liest. Wir wollen das wieder zusammenbringen: Text, Regie, Theater. Idealerweise wollen „wir“ – damit sind alle an der Kooperative Beteiligten gemeint – schon im Austausch mit der Dramaturgie sein, während oder sogar bevor die Spielpläne entstehen, um Projekt- und Stückideen, Überschreibungen und Bearbeitungen zu entwickeln.
Lautenschläger: Wir wollen nicht, dass die Regie einfach einen Text zugewiesen bekommt und dann ist es ein Glücksfall, ob sie damit etwas anfangen kann oder nicht. Indem wir Text und Regie enger verbinden, können wir in einem zweiten Schritt beispielsweise ­Arbeitskonstellationen mit einer konkreten Idee anbieten. In der Praxis sieht das so aus, dass wir bei unseren Kooperativentreffen – zu denen auch Dramaturgen als Gäste eingeladen werden – uns Rückmeldung geben, diskutieren, einander kritisieren und gemeinsam Ideen bündeln.

Ist Ihr Eindruck, dass im Theater zurzeit inhalt­licher Austausch fehlt?
Westermaier: Ja – das hat mit der Hamsterradsituation zu tun, in der viele stecken, die Premierendichte ist enorm hoch, da bleibt wenig Zeit. In unserer Kooperative nehmen wir uns wieder Zeit. Wir wollen Theaterarbeit gemeinsam reflektieren, Neues anstoßen, uns selbst herausfordern. Im Theater stehen die Theater­macher als Freie ja oft unter einem großen Druck, weil sie es sich mit niemanden verscherzen möchten.

Ihre Kooperative ist eine für Text und Regie. Wie begreifen Sie das Verhältnis zwischen beiden?
Westermaier
: Die Kommunikation zwischen Verlag und Autor einerseits und Theatern und Regisseuren andererseits ist in unseren Augen oft zu sehr getrennt. Warum sollten Autoren nicht wie Bühnenbildner oder Sounddesigner an der Aufführung des eigenen Textes beteiligt sein? Man muss doch mit Bühnenbildnern auch absprechen, wenn man eine Wand einreißt – und ebenso doch mit Autoren, wenn man den fünften Akt streicht? Wir wollen der teils feindseligen Beziehung zwischen Text und Regie, die meist durch strukturelle Gegebenheiten am Theater entsteht, mit unserer kooperativen Arbeit entgegentreten.
Lautenschläger: Was wiederum heißt, dass wir Text und Regie als absolut gleichwertig ansehen. Wir wollen explizit den Austausch zwischen Autoren und Regisseuren stärken. Das Schöne dabei ist, wir greifen ja innerhalb der Gruppe auf bereits erprobte Arbeitskonstellationen zurück, beispielsweise zwischen Martin Bieri und Marie Bues, Ivna Žic und Natascha Gangl, Alice Buddeberg und Tine Rahel Völcker. Und wenn sich aus unseren Treffen weitere Arbeitskonstellationen ergeben, dann ist das ein wunderbarer Effekt dieses Dialogs. //

Die Fragen stellte Jakob Hayner.

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