Stück

Kolyma in Miniatur

Das Lager auf die Bühne bringen – Zu Warlam Schalamows Stück „Anna Iwanowna“

von

Das Lager erzählen. Das ist die Prämisse für das Schreiben von Warlam Schalamow. Der russische Schriftsteller (1907–1982) musste das GULag-System während mehrerer erzwungener Aufenthalte in den zwanziger, dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren am eigenen Leib erfahren. Dabei war er nicht der antikommunistische Dissident, als den der Westen sich ihn gewünscht hatte. Schon gar nicht sehnte er Russland – wie der Literaturnobelpreisträger und gänzlich andere Chronist des Lagers, Alexander Solschenizyn – ­zurück ins Zarenreich. Er gehörte zur linken Opposition in der Sowjetunion, die in den Jahren Stalin’scher Herrschaft erbarmungslos verfolgt wurde. Nach kleineren publizistischen Arbeiten in den dreißiger Jahren widmete er sich seit Beginn der Chruschtschow-Ära einer Aufgabe, für die er bereits in seiner Haftzeit mit seinen „Kolymaer Heften“ den Grundstein gelegt hatte: Er wollte das Lager erzählen und hat dafür eine große Literatur geschaffen, die Worte für die Unmenschlichkeit sucht.

Foto: Von NKVD - Official NKVD photo from Varlam Shalamow personal file after arrest 1937, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44219046
Foto: Von NKVD - Official NKVD photo from Varlam Shalamow personal file after arrest 1937, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44219046

Für dieses Thema eine Öffentlichkeit zu finden in dem Staat, der doch angetreten war, mehr Menschlichkeit hervorzubringen, war freilich schwer. Wenn auch der Mythos, es sei unmöglich gewesen, nicht stimmt, vielmehr Unkenntnis der Bedingungen für das literarische Arbeiten im Realsozialismus offenbart. Zwischen Samisdat und Tamisdat erkämpfte Schalamow sich ein Publikum; in den Literaturzeitschriften der Sowjetunion erschienen vereinzelt seine Werke, in der Hauptsache Lyrik. Unter anderem in deutscher und französischer Übersetzung war seine Prosa ohnehin zu lesen.

Ein weitaus breiterer Leserkreis und eine angemessene wissenschaftliche Rezep­tion entwickelten sich – in Russland wie im deutschsprachigen Raum – aber doch erst mit dem Zerfall der Sowjetunion. 1990 erschien im Verlag Volk und Welt ein Prosaband mit dem bezeichnenden Titel „Schocktherapie. Kolyma-Geschichten“. Das Kolymagebiet ist jene Gegend im Osten Sibiriens, in der eine Reihe von Arbeitslagern errichtet wurde; Schock ist die Erfahrung der Häftlinge angesichts von unmenschlicher Arbeit, enormer Kälte, der Bedeutungslosigkeit des einzelnen Lebens. Übersetzt hat dieses Buch Thomas Reschke, der seit den fünfziger Jahren in OstBerlin zuerst im Verlag Kultur und Fortschritt, dann im erwähnten Verlag Volk und Welt, der zehn Jahre nach der Wiedervereinigung seine endgültige Abwicklung erfahren hat, als ­Lektor arbeitete. Neben dieser Tätigkeit übersetzte er zahlreiche literarische Texte aus dem Russischen ins Deutsche. In den letzten Dekaden hat Reschke, Jahrgang 1932, sich übersetzerisch vor allem den schwierigen ­Kapiteln sowjetischer Geschichte gewidmet: Verbannung, Lagerhaft, Repression. Und viel hat der Kulturmittler auch für das Theater ­getan: Gogol und Gorki, Pristawkin und die Brüder Presnjakow hat er unter anderem übertragen. Seine Übersetzungen waren die Grundlage für Frank Castorfs Spielfassungen nach Texten von Michail Bulgakow.

Noch im Erscheinungsjahr von „Schock­therapie. Kolyma-Geschichten“ gab der neu formierte Bühnenvertrieb henschel SCHAUSPIEL den Übersetzungsauftrag für Schalamows Drama „Anna Iwanowna“ an Reschke. Wenn auch nicht gänzlich erschlossen, so war doch zumindest bekannt, dass Schalamows Œuvre journalistische und essayistische Arbeiten, Kurz- und Langprosa wie auch Gedichte beinhaltet. Das Stück allerdings ist eine Überraschung: Das Werk, das dem Kolyma-Kosmos entstammt, wird auch in Russland kaum gespielt. In Deutschland steht die Erstaufführung noch aus; das Stück ist, dem zunehmenden Interesse an dem Autor zum Trotz, nahezu unbekannt.

Reschke hörte von Schalamow erstmals nach dessen Tod 1982. In den achtziger Jahren wurde er allmählich zum Thema im literarischen Leben der Sowjetunion, was auch in die DDR durchdrang. „Anna Iwanowna“ zeichne sich durch die Sprache, die Atmo­­sphäre aus. Das Thema benennt Reschke knapp: „diese furchtbare Entmenschlichung, die da stattgefunden hat“. „Die Notwendigkeiten des Einzelnen sind nichts; das Individuum ist nichts.“ Den Voraussetzungsreichtum benennt er als große Hürde. Man müsse doch einiges wissen über das Lagersystem: „Es gibt eine riesige Unwissenheit über die Geschichte des Lagers in Deutschland, zumal in Westdeutschland.“ Das Ausmaß der Gewalt, die Unzahl der Toten dürften hierzulande tatsächlich kaum bekannt sein. „Stirb du heute, ich morgen“ – dieses Zitat aus dem Drama beschreibe den eigentlichen Grundsatz für das Leben im Lager. „Im Lager hatten die Kriminellen die Vorherrschaft, keineswegs die Politischen – die ja größtenteils Intellektuelle waren. Es gibt in Russland seit der Zeit Peters des Großen eine Mafia, eine uralte ­Tradition des Ganoventums. Die Mafia existierte an der Oktoberrevolution vorbei und konnte zu Kriegszeiten sogar die Herrschaft erlangen.“ Bis heute sei das ein russisches Problem.

Und das Verhältnis zu Solschenizyn? „Schalamow mochte ihn nicht“, so Reschke. Er habe „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ gelesen und sei entsetzt gewesen. Schalamow fühlte sich der Wahrheit ver­pflich­tet. Solschenizyn habe die Freude an der Arbeit beschrieben, die es so nicht ge­geben habe. Im Lager sei, so Reschke, das Krankenhaus, wo doch Tod und Leben so nah beieinander liegen, noch der hoffnungsvollste Ort gewesen, der Ort, „wo man der Schinderei für ein paar Tage entkommen konnte, der ­unmenschlichen Sklavenarbeit, und etwas Essen bekam, wenn auch nicht sättigend“. Das zeigt sich auch in „Anna Iwanowna“. Aber ist das entsetzliche Grauen ein Stoff für die Bühne? „Das ist tatsächlich die entscheidende Frage“, sagt Reschke.

Das Stück ersetzt nicht die Geschichtsstunde. Aber es kann eine Vorstellung davon geben, wie Entmenschlichung entsteht, was sie aus den fragilen Beziehungen der Personen untereinander im Lager macht. Der Überlebenskampf bestimmt alles. Das Krankenzimmer sei, so heißt es im Stück, „Kolyma in Miniatur“. Hier herrschen eigene Regeln: Der Gefangene, der gerade noch als Arzt arbeiten konnte, wird im nächsten Augenblick zur Schwerstarbeit in die Kälte geschickt; wer sich gerade noch in vorteilhafter Situation wähnte, liegt vielleicht schon bald mit einer Schusswunde im Krankenbett und geht dem Tod entgegen; wen die Arbeit schon zu vernichten drohte, der findet hier vielleicht Genesung inmitten des Schreckens. Das Lager ist ein konfliktreicher Ort mit archaischen Machtstrukturen. Wer hier scheitert, der stirbt. Derjenige, der es geschafft hat, darf leben. Soll das kein dramatischer Stoff sein? Man muss die Konfrontation damit nur aushalten können.

Im Nachwort des 1964 verfassten Stücks heißt es: „Der Autor weiß selbstverständlich, dass es in dem Jahr, in dem sein Stück spielt, Penicillin und Maschinenpistolen noch nicht gab. Das Stück ist ein Vorkriegsstück.“ Eine Vorsichtsmaßnahme: historisieren, um die politische Brisanz zu reduzieren. Und doch musste jedem, der das Drama zu lesen bekam, der es gesehen hätte, klar gewesen sein, dass die Schrecken in gar nicht allzu ferner Vergangenheit liegen. Ein weiterer Satz aus dem Nachwort ist überaus bemerkenswert, formuliert er doch äußerst knapp das Ungeheuerliche: „Alle sind Menschen und zugleich keine Menschen.“ Vielleicht sind die fünf Bilder, die sich hier zu einem Bühnenwerk fügen, selbst Kolyma in Miniatur. //

Quelle: https://www.theaterderzeit.de/2019/05/37532/komplett/