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Moral zum Wohlfühlen

Bernd Stegemann: Die Moralfalle. Für eine Befreiung linker Politik. Matthes & Seitz, Berlin 2018, 205 Seiten, 18 EUR.

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Im Februar 2018 debattierte der Deutsche Bundestag in einer Aktuellen Stunde zum Thema „Erinnerungskultur“. Der Grünen-Abgeordnete Cem Özdemir stand am Rednerpult. Gerade hatte er mit gespielter Verwegenheit in der Stimme die Abgeordneten der AfD als „Rassisten“ bezeichnet. Applaus brandete auf, in den hinein Özdemir „Diese Damen und Herren hier“ sagte. Immer wieder sagte er: „Diese Damen und Herren hier“, und dabei stach sein ausgestreckter Zeigefinger mehrmals anklagend in Richtung der AfD-Fraktion.

Foto: Foto By Times - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11470038
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„Ich hab das Mikrofon, und Gott sei Dank können Sie es mir nicht abstellen“, rief er. „Ich weiß, in dem Regime, von dem Sie träumen, könnte man das Mikrofon abstellen. Aber das können Sie hier nicht. Und Sie werden es nicht schaffen, glauben Sie es mir.“ Dabei hätte ihm in diesem Moment niemand das Mikrofon abstellen wollen, erst recht nicht die AfD. Denn die weiß ganz genau, dass der Grüne wieder einmal das Spiel der Rechten spielte – und ihnen mit dieser kurzen Rede weitere Wähler geschenkt haben dürfte.

Bernd Stegemann verfolgt offenbar nicht allzu oft Bundestagsdebatten. Vielleicht ist das auch gut so, denn dann wäre sein neues Buch „Die Moralfalle“ unmöglich zweihundert Seiten schlank geblieben, so viele Belege für seine zentrale These hätten sich aufgedrängt. Der Mitinitiator der linken Sammlungsbewegung Aufstehen stellt in der politischen Kommunikation eine Tendenz zum aggressiven Moralisieren fest: „Die Verurteilung des Schlechten in der Welt hat weder zur Ursache noch zum Ziel, an diesem Elend etwas ändern zu wollen, sondern dient allein der Aufwertung desjenigen, der sich über die Schlechtigkeit empört.“

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