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Laudatio zum Martin Linzer Theaterpreis 2019

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Die Kapriolen, die die Geschichte vor unseren Augen schlägt, in ein Verstand und Gefühl des Zuschauers erhellendes Spiel zu bringen, ohne vergessen zu machen, dass es sich um Kapriolen handelt, darin besteht die Kunst. Eine Kunst, die das Staatstheater Braunschweig auf eine so besondere Weise beherrscht, dass es ­dafür den von der Zeitschrift Theater der Zeit vergebenen Martin Linzer Theaterpreis erhält!

Es gab Zeiten, da kam man wegen Wilhelm Raabe nach Braunschweig – sogar Hermann Hesse kam wegen ihm im Jahre 1909 hierher, den bewunderten Greis zu treffen. Darüber hat er 1933 den überaus lesenswerten Text „Besuch bei Wilhelm Raabe“ geschrieben. Hesse hatte ein drängendes Anliegen: Er wollte vor allem über den von ihm hochverehrten Eduard Mörike mit dem fast achtzigjährigen Raabe sprechen – und dieser schildert ihm dann auch den Dichter aus seinen Begegnungen heraus in allen Farben als überaus unangenehmen Menschen, dessen pfäffische Natur ihm zutiefst unsympathisch gewesen sei. Hesse schreibt das treulich auf. In einem verspäteten Nachtrag zu seinem Bericht allerdings notiert er dann irritiert, es stünde zweifelsfrei fest, dass Raabe Mörike nie getroffen habe. Da ist der Autor mit seiner ­Bewunderung am falschen Platz dem Eulenspiegel Raabe auf den Leim gegangen – und braucht mehr als ein Vierteljahrhundert, es überhaupt zu bemerken. Also, Vorsicht mit Schwärmereien, ­deren Adressat nicht das direkte Gegenüber ist!

Dabei hätte der Raabe-Leser durchaus gewarnt sein können. In seinem Erstling, der „Chronik der Sperlingsgasse“ von 1856, maskiert sich der 25-jährige Jungdichter als weiser Greis, der konstatiert: „Verkehrt auf dem grauen Esel ‚Zeit‘ sitzend, reitet die Menschheit ihrem Ziele zu.“ Wahrlich ein geradezu Brechtscher Gedanke – und da vollziehen wir, ohne den Braunschweiger Genius Raabe darum zurücklassen zu wollen, den Sprung in die Gegenwart des Staatstheaters Braunschweig unter seiner Intendantin Dagmar Schlingmann. Hier entstehen Räume mit lauter Handicaps. Das ist erkenntnisfördernd, denn es vermindert die Illusionen über die Wägbarkeiten dessen, was wir Fortschritt nennen.

Theater der Zeit, seit 1946 erscheinend, das darf man bei dieser Gelegenheit vielleicht einmal erwähnen, war jahrzehntelang die prägende ostdeutsche Theaterzeitschrift. In den Turbulenzen der Nachwendezeit drohte sie zu verschwinden, wurde dann 1993 in der heutigen Form neu gegründet, eben unter maßgeblicher Beteiligung von Martin Linzer, der sein ganzes Berufsleben bis zu seinem Tod 2014 als Chefredakteur, Kritiker und Kolumnist ausschließlich für diese Zeitschrift geschrieben hat – ein beharrender Geist, dem es darum nicht an Beweglichkeit und Witz fehlte. Auch er war eine jener glücklichen Wilhelm-Raabe-Figuren, zu denen die Deutschen immer wieder fähig sind. Ich selbst kam 1991 das erste Mal nach Braunschweig, über Wolfenbüttel, wohin ich, damals Doktorand des Instituts für Philosophie der Berliner Humboldt-Universität, an die dortige Bibliothek, die mit Lessing so eng verbunden ist, geradezu emigrierte. Denn an den ostdeutschen Universitäten begann gerade die Invasion jener verspäteten westelbischen Privatdozenten, die sich nun, ohne falsche Rücksichten zu nehmen, auf die von ihnen handstreichartig eroberten Professu­ren stürzten – ich war jung, fühlte mich soeben noch revolutionär selbstbefreit und sah mich plötzlich wieder rückwärts auf dem „grauen Esel ‚Zeit‘“ sitzend. Da bekam ich rettenderweise das Günther-Findel-Stipendium für die Lessing-Bibliothek, dessen Stifter mit der Wolfenbütteler Jägermeister-Likörfabrik verbandelt war – und fühlte mich nun wie ein Felix Krull, gerettet und leicht benebelt.

Braunschweig mochte ich gleich, eben weil hier nichts so heil war, wie das Klischee des siegreichen Westens vermuten ließ – Raabes winklige Gassen und windschiefe Häuser waren zerstört, die Stadt war voller Brüche und Wunden, die erst der Krieg und dann die überhasteten architektonischen Modernisierungsschübe der Wirtschaftswunderzeit hinterlassen hatten. Nur das Theater lag – und liegt – wie eine Insel in einem unruhigen Meer der Zeit da, sich seiner eigenen Wirkmächtigkeit jederzeit bewusst, ein stolzer Bau inmitten all der eilfertigen Funktionalitäten. Als ich vor anderthalb Jahren wieder hierherkam, um über den Beginn der Intendanz von Dagmar Schlingmann am Staatstheater Braunschweig zu schreiben, und mir die ersten neuen Inszenierungen hier anschaute, darunter „Haus der gebrochenen Herzen“ (ich ziehe allerdings den Titel „Haus Herzenstod“ vor) von Bernard Shaw, da traf der absurde Grundgestus der Inszenierung einen Nerv in mir, die Sicht auf Geschichte betreffend.

Schlingmanns Inszenierung vom „Haus der gebrochenen Herzen“, das Shaw eine „Fantasie englischer Themen nach russischer Manier“ nannte, bezauberte sofort durch das endzeitliche Bühnenbild von Sabine Mader: ein Schiffswrack, längst auf dem Meeresgrund liegend. In seinem Bauch aber sind die Gespenster höchst lebendig. Ein Totentanz des alten Europa am Vorabend des Ersten Weltkriegs. In diesem von der Zeit zum Torso zernagten englischen Oberschichtensalon treffen sich Leute, die nicht mehr als die Tatsache verbindet, dass sie sich gegenseitig ungeheuer auf die Nerven gehen. Eine „zornige Komödie“, so Shaw, eine, die man mit der dazugehörigen Bitterkeit spielen können muss – und siehe, sie konnten es, von Saskia Taeger als Kellnerin mit Machtkomplexen bis zu Larissa Semke, die in höchster Quietschtonlage ihr virtuoses Talent als Nervensäge unter Beweis stellte. So erforscht das Staatstheater Braunschweig immer wieder die Gesetze und Gesetzlosigkeiten von Geschichte auf eine besondere Weise im Zusammenklang von dokumentarischen und grotesken Spielelementen. Dabei ersteht ein überraschendes Kaleidoskop der Wandlungen, dessen Ausdrucksstärke fasziniert.

Doch die Groteske begann schon, als ich das Haus über den Bühneneingang zum verabredeten Treffen mit Dagmar Schlingmann betrat. Man hatte gerade keine Augen und Ohren für mich, denn soeben war hier ein Rettungseinsatz beendet worden. Vor dem Bühneneingang stand eine Ambulanz. Mir entgegen kam ein Sanitäter mit Apathie im Gesicht und seltsamerweise einer Art Schmetterlingsnetz in der Hand. Wieder jemand nicht gerettet? Eine Szenerie wie bei Tschechow. Da kommen die Landärzte zuverlässig zu spät, aber retten kann man bekanntlich ohnehin niemanden. Oder doch? Rette dich selbst, dachte offenbar eine im Theater verirrte Krähe und fand in letzter Sekunde einen Weg ins Freie. Ich hätte es wissen können, denn auf dem offenbar ausrangierten Rettungswagen entdeckte ich nun beim genaueren Hin­sehen seine neue Bestimmung: „Tierrettung“. Das Absurde, in dem der Ernst der Geschichte überwintert, blieb anwesend, als wir uns in Schlingmanns Büro zum Gespräch setzten: Ein Glas Wasser fiel zu Boden, die Scherben flogen ziemlich weit. „Ach“, sagte die Intendantin, „darum kümmern wir uns jetzt nicht, das hat Zeit bis morgen.“ Eigentlich wusste ich jetzt bereits alles über den ­neuen Geist, der hier am Hause umging: Scherben stören nicht, selber schuld, wer da reintritt. Aber da ist wohl noch mehr: eine echte Sympathie für Bruchstücke, auch scharfkantige.

„Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ in der Regie von Dagmar Schlingmann. Foto Birgit Hupfeld
„Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ in der Regie von Dagmar Schlingmann. Foto Birgit Hupfeld

Aus dem gleichen Geist entsprang auch Dagmar Schlingmanns zweite bemerkenswerte Braunschweiger Inszenierung, Bertolt Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, in der eine ganze Verbrecherbande sich fatal erfolgreich bemüht, seriös zu wirken. Eine medial konditionierte Konstellation, in der das Verbrechen sich ansehnlich und unterhaltsam gibt: Cino Djavids Arturo Ui braucht das Reden nicht erst zu lernen – wie es Martin Wuttke in Heiner Müllers gelegentlich immer noch ­laufender Inszenierung von 1995 am Berliner Ensemble lallend, kreischend, schreiend tat. Nein, dieser Ui redet schnell und rou­tiniert wie ein Verkäufer, der keinen Widerspruch duldet. Dieser Überfall kommt auf samtenen Pfoten. Und die letzten renitenten Nein-Sager werden liquidiert in der schönen neuen Warenwelt des unaufhaltsam verfaulenden Karfiols.

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