Protagonisten

Die Unbestechlichen

Lars-Ole Walburg hat während seiner Intendanz am Schauspiel Hannover bewiesen, wie man eine Stadt gewinnt, ohne sich künstlerisch zu verbiegen. Ein Rückblick

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Das Theater ist ein flüchtiges Medium. Um es festzusetzen, bedarf es drastischer Mittel. Selbst die Staatsmacht ist mitunter machtlos. Die Polizeidirektion Niedersachsen verfolgt seit einigen Jahren eine Charmeoffensive in Sachen Überwachung. Auf ihrer Internetseite sind per Foto die Standorte polizeilicher Überwachungskameras in verschiedenen niedersächsischen Städten verzeichnet. 2010 war in Hannover auf dem Bild vom Thielenplatz, unweit des Theaters, ein Plakat mit einem Slogan zu sehen. „Wer an seine Zukunft glaubt, gehört zu uns!“, stand darauf geschrieben. Wolfgang Stieler, Autor auf heise.de und normalerweise Kritiker von Big Data, zeigte sich begeistert: Sah das nicht fast wie die Aktion eines situationistischen Künstlers aus?!

Foto: Katrin Ribbe
Foto: Katrin Ribbe

Das Schauspiel Hannover unter der Leitung von Lars-Ole Walburg hat sich in den vergangenen zehn Jahren immer wieder in diesem irisierenden Bereich zwischen Fiktion und Wirklichkeit, Kunst und Agitprop, Bildungsauftrag und politischem Ungehorsam aufgehalten. Es war ein eingreifendes Theater, sperrig, niemals anbiedernd, das sich, so Walburg, immer den Vorteil erarbeiten wollte, den gesellschaftlichen Entwicklungen einen halben Schritt voraus zu sein. Fast gespenstisch, wie oft das auch gelang. Wer das vom Schauspiel Hannover herausgegebene fast siebenhundert Seiten starke Heft zum Abschluss der Intendanz von Lars-Ole Walburg durchblättert, blättert in einem großen Bogen durch zehn politisch brisante Jahre – vom Finanzkollaps über ­Islamismus, Wutbürger-Bewegung, Flüchtlingskrise bis hin zum Rechtsruck. Bereits die Eröffnungsinszenierungen 2009 waren diesem Zerfallsprozess auf der Spur.

In seinem Doppelabend aus Heiner Müllers „Wolokolamsker Chaussee“ und Ilja Ehrenburgs „Das Leben der Autos“ zeigte ­Walburg, wie der Mensch unter dem Druck politischer und wirtschaftlicher Systeme geistig und auch sprachlich degeneriert. Am Ende standen nur noch Witzfiguren auf der Bühne, die keine ­Reflexion mehr kannten, sondern nur noch Reflexe, konditioniert auf das reine Haben-Wollen, Jammern-Wollen, Hetzen-Wollen. Ein schrill-bunter Totentanz ohne Chance auf einen Austausch von Argumenten. Wohin das führt? Zu einem Kampf jeder gegen jeden. Florian Fiedlers und Soeren Voimas Adaption von Grimmelshausens „Der abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“ (2009), ebenfalls eine der Eröffnungsinszenierungen, war Schlacht­feld und Ideologiemüllhalde zugleich: Das Ensemble, von Kostümbildnerin Dorothee Curio mit Che-Guevara-Mützen, Bin-Laden-Bärten und Andreas-Baader-Lederjacken versehen, verknäuelte sich zu einem grausigen Panoptikum von Revolutionären, Aufständischen und Terroristen. Der Mensch, eingeklemmt zwischen Vergangenheitsschutt und gestauter Zukunft, ganz so, wie es ­Heiner Müller, dessen „Glückloser Engel“ durch die erste Spielzeit geisterte, beschwor. Und so stand er plötzlich da, der erste Wutbürger Sachsens: Rainer Frank in Lars-Ole Walburgs Inszenierung von István Tasnádis „Staatsfeind Kohlhaas“ (2011). Ein fiebriger Händler, der statt der Gesetzestexte bald nur noch eine Axt in den Händen hielt. „Empört euch!“, zitierte die Inszenierung hoffnungsfroh Stéphane Hessel. Bis die Empörung, wie heute geschehen, in Aggression und Hetze umschlug. Auf der Bühne herrschte eine Stimmung wie im Wilden Westen.

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