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Anale Phase

Österreichs Künstler und die Polit-Malaise – Ein Land zwischen Ibiza-Skandal und Nationalratswahl

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Österreich ist so schnell nichts peinlich. Aber im Fall des ­Ibiza-Videos, das im Mai überraschend die Regierung zu Fall brachte, war es dann doch so weit. Bundespräsident Alexander Van der Bellen entschuldigte sich für den geistig-moralischen ­Zustand der darin agierenden Politiker mit dem einfachen Satz „So sind wir nicht“. Aber wie sind wir dann? Immerhin handelt es sich bei Heinz-Christian Strache um einen demokratisch gewählten Politiker und niemand Geringeren als den damals amtierenden Vizekanzler. Tausende seiner Fans haben ihm am Tag eins nach Bekanntwerden seiner korrupten Pläne gleich trotzig ihre weitere Unterstützung zugesagt. Das muss die Faszination am Grauen sein. Andererseits war die FPÖ aber auch immer gut darin, sich das Märtyrer-Mäntelchen umzuhängen. Und daran wird die Partei, die sich vornehmlich aus rechtsnational bis rechtsextrem gepolten Burschenschaftern rekrutiert, vermutlich wieder genesen.

Foto: Anton Waldburg
Foto: Anton Waldburg

Traditionell linksliberal gesinnte Kulturschaffende beißen sich an der FPÖ jedenfalls seit Jahren die Zähne aus. Gegen billigen Populismus ist eben schwer anzukommen. Künstlerinnen und Künstler in Österreich sind aber auch schon müde geworden, sich ideologisch immer wieder gegen eine latent rassistische, mit dem Faschismus liebäugelnde, fremdenfeindliche und frauen­verachtende Partei zu positionieren. Von den im Video zutage getretenen Abgründen (Errichtung eines regierungstreuen Pressemonopols, Ausverkauf heimischer Wasservorräte etc.) zeigten sich viele keineswegs überrascht. Eher schulterzuckend quittierten Autoren wie Robert Menasse oder Daniel Kehlmann (der den Video-Protagonisten eine „Neandertalerpsyche“ attestierte) das „Ibiza-Gate“. Auch Regisseur Paulus Manker hat keine Lust mehr auf differenzierte Diagnosen und bezeichnete die FPÖ-Männer im ORF schlichtweg als „plemplem“ – ein schnoddriges Fazit, das bestens zum Ibiza-Sachverhalt passt.

Die FPÖ ist im Geschichtenerzählen allerdings verdammt gut. HC Strache urlaubt längst wieder auf Ibiza. Sein Sommer-Gag war es, Ehrenbürger auf dem Baleareneiland werden zu wollen. ­Strache schreibt die Schmierenkomödie also selber weiter, womit er Macht zurückgewinnt. Seine Ehefrau Philippa tritt für die FPÖ bei den nächsten Landtagswahlen an. Die Realität ist von Satire nur schwer zu überbieten. Dazu gehört auch die sogenannte „Schredder-Affäre“ aus dem Juli, das Prozedere rund um die unsachgemäße Entsorgung von Datensätzen durch die ÖVP. ­Jeder Krimi-Drehbuchschreiber sollte hier die Ohren spitzen.

Die Ibiza-Witzkiste wurde jedenfalls reichlich geplündert. Sogar René Pollesch ließ in „Deponie Highfield“ im Mai am ­Akademietheater den glorreichen Cowboy Martin Wuttke, in Anspielung an die ibizenkische Kokain-Nacht, das weiße Fell seines Lipizzanerhengstes nach seiner „Line“ absuchen. Dabei verwechselte der abgehalfterte Mann auch stets die Orte Lipizza und Ibiza. Und Regisseur Markus Öhrn integrierte bei den Wiener Fest­wochen Straches Abdankungs-Pressekonferenz, ohne sie persi­flieren zu müssen, in seine von Täter-Opfer-Umkehr handelnde Trilogie „3 Episodes of Life“. Auch Ibiza-Memes kursierten schlagartig in sozialen Medien. Die Verwertungskette läuft heutzutage eben schnell, das Netz verzeiht kein Zuspätkommen. Und bis zu einem gewissen Teil ist Ibiza auch schon im Museum gelandet. Denn das neu eröffnete Haus der Geschichte Österreich (hdgö) hat Transparente von Ibiza-Demonstrationen bereits stolz in die Sammlung aufgenommen.

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