Kolumne

Die drei von Ventotene

Über den Ursprung der europäischen Idee als ein Europa der Völker

von

Die Strache-Partei, die Österreicher-AfD, auf Deutsch gesagt, hat bei der Europawahl meiner Erinnerung nach um die 17 Prozent eingefahren. Die deutschen Linken dagegen nur 5,5 Prozent. Genau so viel haben im Vergleich zu vorausgegangenen Landeswahlen beide Parteien verloren. Heißt: Die deutsche Linke ist für Europa in Deutschland halbiert worden. Die Strache-Sause („Ja bist du deppert: Is de schoaf.“) in Ibiza hat gleich die ganze österreichische Regierung abgetakelt. Die deutschen Linken haben sich darauf geeinigt, dass die Verluste bei ihnen mit ihrer Zerrissenheit in Sachen EU zu tun haben: Die einen wollen sie, die anderen nicht. Die sie wollen, glauben an (oder hoffen auf) ein Europa der Völker. Die, die Europa ablehnen, tun es, weil sie genügend Belege zu haben meinen, dass Europa sowieso von Anfang an als Europa der Konzerne gedacht war. Auf jeden Fall ist Brüssel ein beliebter Treffpunkt von Lobbyisten: Laut der Zeitung der Freitag vom 4. Juli 2019 kommen vier von denen auf eine(n) EU-Beamt(e)in. Die werden also alle permanent geviertelt. Wie soll da ein einiges Europa herauskommen? Und dieses Gemetzel soll die neue Übermutter Frau von der Leyen im Auftrag von Macron und Merkel nun koordinieren – also im Auftrag der europäischen Konzerne.

Foto: Kolumnenzeichnung (basierend auf einem Foto von David Baltzer)
Foto: Kolumnenzeichnung (basierend auf einem Foto von David Baltzer)

Ganz stimmt das aber nicht. Die ersten Ideen eines geeinten Europas dürften sich vermutlich in qualvoll schlaflosen Nächten in den Köpfen politischer Häftlinge in deutschen KZs herausgebildet haben. Kopfgeburten beim Erhoffen einer unverhofften Zukunft, um die unerträgliche Gegenwart zu ertragen. Vielleicht vergleichbar den ersten Christen in den Katakomben Roms, die sich in aussichtloser Lage mit ihrem Glauben an ein Leben nach dem Tod in ein Himmelreich hinein hofften, das sich dann völlig unverhofft im Lauf der folgenden Jahrhunderte zu einem ziemlich realen Weltreich auswachsen sollte.

Die Überlebensfantasien der Gefolterten in den KZs formten sich gewiss ein Europa der Völker. Ihnen wollte der Österreicher Robert Menasse ein Denkmal setzen, als er in seinem Roman „Die Hauptstadt“ die Gründungsrede zur EWG ähnlich fantasiebewegt in Auschwitz verortet hat. Was aber so nicht stimmt, weshalb er danach schwer attackiert worden ist für diesen absolut grandiosen Gedanken, denn: Europäischer geht’s gar nicht. Aber Hüter der geschichtlichen Korrektheit haben geglaubt, einschreiten zu müssen auf eine Art, die das geschichtliche Wahrnehmungsvermögen eingrenzt statt erweitert.

Ein korrekter Umgang mit historischen Fakten erschwert bestimmt das Klittern von Geschichte. Aber zum geschichtlichen Verständnis der Gegenwart gehört auch „die Wahrheit der Literatur“, die zusätzlich auf ihre Weise zum Verstehen der unbegreiflichen Vergangenheit beiträgt. Walter Benjamin hat es so gesagt: „Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen‚ wie es denn eigentlich gewesen ist‘. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt.“

Am Anfang war bestimmt das Volk gemeint, ein geeintes europäisches! Davon müssen wir wie selbstverständlich ausgehen, wenn wir immer wieder versuchen wollen, „die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen“ (auch W. Benjamin). Aber genauso selbstverständlich dürfen wir annehmen, dass die Kriegsverbrecher Krupp von Bohlen und Halbach, Josef Abs und alle anderen opportunistischen Gelegenheits-Volksgenossen aus Indus­trie und Wirtschaft, die bei der SS ohne Scham Menschenfleisch für ihre Fabriken geordert haben, nach ihrer Freilassung aus dem Gefängnis, in das sie von den alliierten Richtern für ein paar Urlaubstage geschickt wurden, um sich erholen zu können für zukünftige, internationale Aufgaben – dass die im Knast schon begonnen haben, die Idee von einem „Europa der Konzerne“ zu entwerfen, nachdem sie sich unmittelbar zuvor in ihren Fabriken schon an einer Art Blaupause in die europäische Idee eingeübt hatten: bei der mörderischen Nutzbarmachung dieses „Menschenfleisches“, den Zwangsarbeitern aus allen von der deutschen Wehrmacht überfallenen europäischen Ländern. Demnach wäre die Idee Europa vor allem in Gefängnissen entstanden, wenn auch in höchst unterschiedlichen.

Mein Andenken gilt den drei von Ventotene: Altiero Spinelli, Ernesto Rossi und Eugenio Colorni, die auf dieser Gefängnisinsel und Mussolini-Folterkammer auf Zigarettenpapier ihr gleich­namiges Manifest für ein Europa der Völker, vereint in einem ­europäischen Bundesstaat, entworfen und erfolgreich nach draußen geschmuggelt haben.

Die europäischen Nationalstaatsführer dagegen, die gerade im Hinterzimmer ihr europäisches Führungspersonal zusammengeschachert und zuvor noch über zweihundert Millionen Menschen zu einer Europawahl gelockt und so ein demokratisches Verfahren angetäuscht haben – diese politischen Repräsentanten eines Europas der Konzerne dürfen getrost als demokratisch legitimierte Helfer der jetzigen Nachfolger vom Geist der Krupps und Abs gesehen werden.

Und so, wie sie zu Zeiten mit den Flüchtlingen umgehen, die in Europa Asyl begehren, gerieren sich welche von ihnen auch noch wie Nachfolger im Geist der Verwalter der Konzentrationslager. Das ist nix Neues. Man sollte es nur immer wieder erinnern. //

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