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Theater als Common Space

Das FFT Düsseldorf feiert zwanzigjähriges Jubiläum

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Diskurs über Macht und Eigentumsverhältnisse am FFT – im Stadraum und auf der Bühne: hier mit She She Pops "Oratorium" 2019. Foto Benjamin Krieg
Diskurs über Macht und Eigentumsverhältnisse am FFT – im Stadraum und auf der Bühne: hier mit She She Pops "Oratorium" 2019. Foto Benjamin Krieg

Zum Jubiläum eines derart lebendigen ­Wesens wie des FFT ist es nicht damit getan, seine Geschichte knapp zu skizzieren. Auch lässt sich das FFT kaum fixieren. Eher gleicht es einer Spielerin, die sich der Kunst der ­Begegnung und des Austauschs hingibt, die ihre vielen Arme in vielerlei Richtungen zugleich ausstreckt und die mit einem bewundernswürdig langen Atem begabt ist. So ist in Düsseldorf an den Schnittstellen von Theater, Performance, Tanz, bildender Kunst und ­Musik mit der Zeit eine riesige Fülle entstanden. Angebunden an ein internationales Netzwerk freier Produktionsstätten, wird koproduziert und gezeigt, was heute Rang und Namen hat, aber nicht selten seine erste oder sehr beständige Beheimatung im FFT gefunden hatte: She She Pop, Claudia Bosse und das theatercombinat, andcompany&Co., Showcase Beat Le Mot, Monster Truck, Gintersdorfer/Klaßen usw. An die frühen Arbeiten von Antje Pfundtner, Martin Nachbar oder Jochen Roller ist zu denken, an die jungen Künstler aus Düsseldorf, die wie Billinger & Schulz im FFT angefangen haben, an die engen Kooperationen mit Thea­tern der Region oder dem Seniorentheater SeTa, das Fassbinder und Kaurismäki aufführt, an die Performances von Kindern und Jugendlichen, wie Ingo Toben sie verfolgt. Eine unglaubliche Vielzahl von Arbeitsweisen, Konzepten und Publikumsformaten von sehr verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern – und dennoch würde sich das FFT nicht als deren Summe bezeichnen. Geht es doch immer um die Kontextualisierung des Singulären, eine eigenständige Recherche und Diskursproduktion, mit der die Arbeitsweisen und Ästhetiken begleitet und so erlebbar ­werden.

Das FFT ist in Bewegung. Denn vielleicht noch mehr als eine begabte Spielerin und extrem arbeitsame Netzwerkerin ist das FFT auch ein Thinktank. Wohl an kaum einem anderen Produktions- und Veranstaltungsort wird auf so beharrliche und freimütige Weise nach dem gesellschaftlichen Bedeutungswandel und den künstlerischen Möglichkeiten von Theater gefragt, das sich durch die permanenten Verschiebungen zwischen den Sphären des Öffentlichen und Privaten herausgefordert sieht und infrage stellen lassen muss.

Das FFT zieht um. Auf Beschluss der Stadt soll das riesige Gebäude der ehema­ligen Hauptpost in Sichtweite des Hauptbahnhofs ab 2021 als Kulturzentrum genutzt werden und neben dem FFT auch der Zentralbibliothek und dem Theatermuseum eine neue Wirkstätte bieten. Die Umnutzung dieses funktionslos gewordenen Logistikzentrums hängt symbolträchtig mit der Digitalisierung der Städte und ihrem Smartwerden zusammen. Das FFT nahm diesen Vorgang zum Anlass, das Rechercheprojekt „Stadt als Fabrik“ zu gründen. Seit zwei Jahren widmet es sich nun der Stadtentwicklung am Beispiel der Global City Düsseldorf. Mit vielen Experten und in unterschiedlichen Veranstaltungsformaten ist so eine Denkfabrik für die ­aktuellen Kontexte von Stadt, Theater und Öffentlichkeit entstanden. Welche Anforderungen und Erwartungen verbinden wir mit Theater in diesen Zeiten, in denen frei zugängliche common spaces zur Beute „intelligenter Städte“, von Logistiknetzwerken und Onlinehandel werden? Welchen Ort kann ­Theater in dieser Umbruchsituation einnehmen? In Städten zumal, die von Finanzspekulation, Kreativindustrien, Gentrifizierung und Mieterproblemen heimgesucht werden, die sich also im Sinn traditioneller städtischer Begegnungszonen immer weniger bewohnen lassen? Diese programmatische Auseinandersetzung mit dem Stadtumbau wird durch ­Mittel der Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien Monika Grütters ermöglicht, die seit 2016 das Bündnis Internationaler Produk­tionshäuser fördert, zu dem das FFT gehört.

Risiko, Ausdauer und Leidenschaft tragen das große, quicklebendige Programm des FFT, das sich für seine Feier am 9. September in die einfachen Worte kleidet: „Wir blicken zurück auf die Anfänge und schauen uns die Welt von heute an, wie sie sich verändert hat und was das für unsere Theaterpraxis bedeutet.“ Allerherzlichste Glückwünsche ergehen an Kathrin Tiedemann, seit 2004 die Künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin, und an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die das FFT tragen. //

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