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Mit blauem Auge davongekommen

Intendantinnen und Intendanten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen über das Selbstverständnis der Theater in politisch angespannten Zeiten – Ergebnisse einer Umfrage von MDR Kultur

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Stimmungsmache auf dem Land – Rechte Slogans auf dem Elbdeich zwischen Jerichow (Sachsen-Anhalt) und Burg (Brandenburg) 2019. Foto Fritz Engel / Archiv Agentur Zenit
Stimmungsmache auf dem Land – Rechte Slogans auf dem Elbdeich zwischen Jerichow (Sachsen-Anhalt) und Burg (Brandenburg) 2019. Foto Fritz Engel / Archiv Agentur Zenit

Eine Re-Nationalisierung sowie eine mythische Überzeichnung von ‚Volk‘ und ‚Nation‘ wird es am Theater nicht geben.“ So antwortet Ralf-Peter Schulze, Intendant des Mittelsächsischen Theaters in Freiberg-Döbeln, auf die Frage, wie die Theater auf das derzeitig raue, von Rechtspopulisten aufgeheizte gesellschaftliche Klima im Osten Deutschlands reagieren. Und weiter: „Unsere Bühne, die sich weltoffen präsentiert, entwickelt ein positives Bild unserer diversen Gesellschaft.“ Schulzes Antworten klingen wie ein Manifest. Die anderen 31 Intendantinnen und Intendanten ­aller Theaterhäuser in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, denen der MDR im Sommer dieses Jahres einen Fragebogen zusandte, um die Situation ihrer Bühnen angesichts der politisch angespannten Lage zu eruieren, geben sich hingegen bemerkenswert entspannt.

Auf gesellschaftliche Veränderungen zu reagieren sei für sie „grundsätzlich wichtig“. Nur fünf Theater bejahen, dass diese Aufgabe jetzt „an erster Stelle“ stehe. Auch die Frage nach Hassmails, danach, ob diese Kommentare seit 2015 signifikant mehr geworden seien, beantworten 19 Bühnen mit: Nein. Sechs Theater erklären, dass sie zwar solche Mails bekämen, aber nur wenige; sieben Theater bekämen mehr als früher. Oft sei das anlassbezogen – Christoph Dittrich (Chemnitz) zählt dazu die „Ereignisse“ in seiner Stadt. Ansgar Haag (Meiningen) bekommt keine Hassmails, weist aber auf Anfragen von AfD-Abgeordneten hin, „warum so viele fremdsprachige Opern gespielt würden ... und warum Flüchtlinge oder Ausländer bei uns spielen dürften“. Haag hofft, dass sich dieser Trend nicht verstärkt. Ende Oktober stehen in Thüringen die Landtagswahlen an. Noch regiert eine Rot-rot-­grüne Koalition. Die AfD kam 2014 auf elf Prozent.

Ende Mai hatten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen parallel zur Europawahl bereits Kommunalwahlen stattgefunden. Derzeit kommen die neu gewählten Stadtparlamente zusammen. Bei Theatern, die – besonders auf dem Land – als GmbH betrieben werden, sitzen nun auch AfD-Aufsichtsräte mit am Tisch. Die meisten Intendanten geben sich dahingehend prag­matisch und hoffen auf konstruktive Politik in der Sache. Für ­Joachim Klement (Staatsschauspiel Dresden) ist die künftige ­Strategie klar. Er zitiert, wie schon im Vorwort der Saisonbroschüre 2017/18, Carolin Emcke: „Es gilt zu mobilisieren, was den Hassenden abgeht: genaues Beobachten, nicht nachlassendes Differenzieren ... Vielleicht ist der wichtigste Gestus gegen den Hass: sich nicht vereinzeln zu lassen.“ Also verbündet man sich. In Dresden gibt es seit Herbst 2014 die „Initiative weltoffenes Dresden“. Im Mai 2016, zur Eröffnung des Sächsischen Theatertreffens, betonten die Intendanten in der „Bautzener Erklärung“ den Wert der Kunstfreiheit. Man wende sich „mit aller Entschiedenheit gegen jene Pegida-Spaziergänger, die, sich hinter der Maske der Sorge versteckend, bereits jetzt dafür gesorgt haben, dass man über den Freistaat nicht mehr staunend als Kulturland spricht, sondern ihn als Synonym für dumpfe, brutale, gehässige und vor allem mitleidslos egoistische Positionen versteht“.

Gegen egoistische, mitleidslose Positionen setzen die Theater kulturelle Bildung. 24 der 32 Theater finden verpflichtende Theaterbesuche für Schülerinnen und Schüler sinnvoll. Sechs Theater setzen auf Kooperationsverträge mit Schulen. Ulrich ­Fischer (Eisleben) bringt es auf den Punkt: „Die Freiwilligen sind uns lieber. Allerdings haben wir weniger das Problem der unwil­ligen Schüler, vielmehr könnte eine Integrierung in die Lehrpläne einen positiven Effekt auf Lehrer und Schulleiter ausüben. Da fehlt es mancherorts am Engagement.“ Auf die Frage, ob Theaterbesuche kostenfrei sein sollen, antworten 29 Theater mit: Nein. „Was nichts kostet, ist nichts wert“, lautet das mehrfach geäußerte Argument. Roland May (Plauen-Zwickau) spricht darüber hinaus eine ganz andere Problematik an, nämlich den „Druck, der auf Theater ausgeübt wird, die gerade als GmbH festgelegte Eigeneinnahmen für die Finanzierung erbringen müssen. Kategorien wie Wirtschaftlichkeit zwingen die Theater zu immer mehr kommerziellem Denken bei der Spielplangestaltung.“

Dies dürfte auch dem konservativen Kulturverständnis von AfD und CDU entgegenkommen. Im vollmundig so genannten „Regierungsprogramm“ der sächsischen AfD steht, Kultur und ihre religiösen Ursprünge seien ein wesentlicher Teil „unserer Identität“. Die AfD wolle Sachsen wieder zu dem machen, was es einmal war. Was übrigens im „Regierungsprogramm“ der CDU ähnlich klingt: Reformation und Kunst seien besondere kulturelle Prägungen Sachsens, die es in Deutschland einbringe. Ein christliches Menschenbild ebenso. „Diese ganz besondere sächsische Identität verteidigen wir, indem wir unsere Kultur mit anderen teilen sowie ihren unerwünschten Wandel abwehren.“ Zusammen haben AfD und CDU in Sachsen bei der Landtagswahl sechzig Prozent bekommen. Holk Freytag, der Präsident der Sächsischen Akademie der Künste und ehemals ­Intendant des Staatsschauspiels Dresden, spricht im MDR-Interview nach der Landtagswahl mit Blick auf eine mögliche Kenia-Koalition davon, dass man jetzt sagen könnte, man sei noch mal mit einem blauen Auge davongekommen. Doch malt er auch den Teufel an die Wand: „Wenn ich mir vorstelle, dass 75 Jahre nach Kriegsende eine, in der Ideologie, Folgepartei der NSDAP 27 Prozent in Dresden bekommt, dann werde ich wahnsinnig.“ Ist das Öl ins Feuer ­gießen?

Rückblick: Nach einem Vierteljahrhundert der Fusionen, Spartenabwicklungen und Haustarifverträge, nach Jahren der ­Suche nach publikumsaffinen Stoffen jenseits von „Die Olsen­bande“ und Sommertheater kam 2015 endlich die lang ersehnte Theaterwende: Die Politik hatte entdeckt, dass die Theater eine ideale Infrastruktur für den gesellschaftlichen Diskurs boten, der damals anstand. Schnell waren Floskeln da: Theater als Ort der Demokratie. Gerade – nächste Floskel – im ländlichen Raum, aus dem seit 1989 junge Menschen Richtung Arbeit in den Westen gezogen waren. Zurück blieben alte weiße Männer und Frauen und oftmals prekäre Verhältnisse – ein Nährboden für Ratten­fänger. 2018 schloss die CDU-SPD-Koalition in Sachsen einen „Kulturpakt“ mit den Theatern. Der beinhaltet vierzig Millionen Euro verteilt auf vier Jahre, um weg von den prekären Haustarifen zu kommen und wieder übliche Tariflöhne zahlen zu können. In Thüringen und Sachsen-Anhalt gibt es vergleichbare Entwicklungen. Wo die Gleichung bisher weniger Lohn für mehr Freizeit hieß, heißt die Vereinbarung jetzt: für mehr Arbeit bitte mehr ­partizipative Formate à la Bürgerbühne. Theater als moralische Anstalt des 21. Jahrhunderts. In der MDR-Umfrage geben 24 von 32 Thea­tern an, dass es eine Bürgerbühne am Haus gibt. Fünf Thea­ter denken über eine Gründung nach. Für Wolf E. Rahlfs (Stendal) hat die Bürger­bühne „mittlerweile den Rang einer eigenständigen Sparte“: Er habe es an seinem Haus „verstärkt mit einem Publikum zu tun, für das ‚Theater-Sozialisation‘ nicht mehr selbstverständlich ist, weshalb wir neue Angebots- und Kommunikationsflächen schaffen“.

Die Frage ist nur, ob sich die Politik für diese partizipativen An­gebote weiterhin starkmachen wird. Die AfD Sachsen wendet sich in ­ihrem „Regierungsprogramm“ gegen „ein vor­rangig politisch motiviertes, propagandahaft-erzieherisches Musik- und Sprechtheater“. Sind damit auch die Bürgerbühnen gemeint? Was ist mit anderen Formaten, zum Beispiel dem Gesprächsformat „Dialog“, das das Theater in Freiberg im Spielplan hat? Die AfD hatte anlässich einer Folge, bei der eine Publizistin und ein Pfarrer über die Neue Rechte dis­kutieren sollten, beanstandet, mit ­diesem Format würde indirekt Wahl­kampf gegen die AfD betrieben. Die künstlerische Theaterleitung widerspricht dieser Sicht. Der „Dialog“ sei Teil eines bestätigten Konzepts des Theaters zum Kulturpakt 2019–2022, und sie fügt hinzu: „Die in einem Schreiben sowie öffentlich in einer Stadtratssitzung erfolgte Aussage, dass ‚derartige Veranstaltungen in Zukunft nicht mehr in den Räumlichkeiten und in Verantwortung des Theaters organisiert und durchgeführt werden dürfen‘, halten wir für einen deutlichen Eingriff in die Spielplangestaltung, den wir entschieden ablehnen.“

Ist hier die Kunstfreiheit in Gefahr? Auch und besonders auf kommunaler Ebene? Vor diesem Hintergrund sind Antworten vielsagend, die die Intendanten auf die Frage geben, ob der Bund bei der Theaterfinanzierung künftig stärker mitmischen soll: 13 Theater bejahen die Frage, 11 Theater finden, die Frage greife zu kurz. Lutz Hillmann (Bautzen) plädiert dafür, dass der Bund in die Theaterfinanzierung einbezogen werden sollte, „damit wir von möglichen politischen Konstellationen, die auf Landesebene in Kultur eingreifen wollen, unabhängiger werden“. //

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