Protagonisten

Aus dem Jammertal namens Welt

„Ich kann nichts Positives an Europa entdecken“ – Die moldawische Dramatikerin Nicoleta Esinencu wütet gegen die Ausbeutung Osteuropas

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Als wir uns das erste Mal begegneten, das war 2006, fragte ich sie, was ich mir in Moldawien anschauen solle, im Land und im Theater. „Don’t go“, sagte sie. – „But I want to go. I’ve never been there“, erwiderte ich. – „There is nothing to see“, war die Antwort. Und so ging es gut zehn Minuten hin und her, bis ich aufgab und wir über Lieblingsfilme sprachen – da konnten wir uns schnell einigen. Es dauerte fast zehn Jahre, bis ich endlich nach Moldawien fuhr, und ich war sehr beeindruckt von dem kleinen Land voller Widersprüche, Schönheiten und Absurditäten.

Bei der einwöchigen Reise durch die Republik Moldau und Transnistrien begriff ich, wie seltsam Nicoleta Esinencu sich ausnehmen muss in dieser Umgebung, und wie wichtig es ist, dass es sie gibt. Sie und ihr Teatru Spălătorie. Der Name bedeutet Wäscherei und verweist auf die vormalige Funktion dieses Orts im Zentrum der Hauptstadt Chişinău. Ein kleiner Saal mit kleiner Bühne und achtzig Plätzen im Kellergeschoss, schlicht, aber liebevoll eingerichtet. Das 2010 gegründete Theater zeigt auch Filme, veranstaltet ­Lesungen und Diskussionen und ist ein wichtiger Treffpunkt für Gleichgesinnte. Aber nur sie scheinen es zu kennen – als ich mich dorthin durch­frage, lande ich jedes Mal beim Staatstheater.

Eines ihrer frühesten Stücke heißt „FUCK YOU, Eu.ro.Pa!“ und ist eine krude, wüste, auch komische Beschimpfung all dessen, wofür Europa steht; wütender Amoklauf eines kleinen Landes gegen die Demütigung und Ausbeutung durch einen übermächtigen Gegner. Geschrieben 2003, inszeniert 2005, wurde der Text im gleichen Jahr neben anderen im leer geräumten Rumänischen Pavillon auf der Biennale in Venedig ausgelegt. Der politische Ärger in ­Rumänien war groß: Warum ein leerer Pavillon, warum solche Texte! Sie muss heute noch lachen, wenn sie darüber spricht.

2018 beschäftigt sich Esinencu erneut mit dem Thema und schreibt ein „Requiem für Europa“. Diesmal ist der Tonfall souveräner: Spott statt Wut, Analyse statt Anklage, das Ganze eine ­Mischung aus hämischer Ironie und kabarettistischer Weisheit. Moldawien ist noch immer nicht in der EU, aber ein eifriger Zulieferer billiger Arbeitskräfte für internationale Investoren. Drei Frauen rackern unentwegt an ihren Nähmaschinen. Sie sind stolz, dass sie für elegante Textil- und Modefirmen in Westeuropa arbeiten, und voll des Lobes für ihren Chef, der sie unter dem Mindestlohn bleiben, länger arbeiten und schöne Taschen herstellen lässt, während ihre Kinder für die Schule doch nur Plastiktüten haben. Ein besonderer Verkaufsschlager ist ein von ihnen genähtes T-Shirt mit dem Weltbank-Slogan „End of Poverty“. Diesmal geht es wirklich unter die Haut. Am Ende surren die Nähmaschinen die Europahymne und lassen sie sanft in Verdis „Messa da Requiem“ übergehen.

Umzingelt von der Propaganda des Kapitalismus

„Ich bin in der Sowjetunion geboren“, sagt Nicoleta Esinencu, „und während ich aufwuchs, verschwand sie und all ihre Maximen und Grundsätze mit ihr. Plötzlich waren wir umzingelt von der Propaganda des Kapitalismus und des Konsums, und die ­Manipulation war ziemlich brutal. Es gibt viele Enttäuschungen, es gibt viele Fragen. Die neokolonialistische Attitüde der EU Osteuropa gegenüber ist unübersehbar. Ich kann im Moment nichts Positives an Europa entdecken.“ Dass es Theater und Institutionen aus Europa sind, die viele ihrer Arbeiten überhaupt erst ermöglichen, lässt das Gefühl der Demütigung vermutlich noch größer werden.

„Dear Moldova, can we kiss just a little bit“ (UA Münchner Volkstheater, Radikal jung 2014) ist eine ihrer berührendsten Arbeiten. Die szenische Dokumentation über das Leben Homosexueller in einem extrem homophoben Land kommt ganz unsentimental und sehr überzeugend daher. Sechs Männer und Frauen erzählen Geschichten von Angst und Verzweiflung, aber auch von Glück und Geborgenheit. Es sind ihre eigenen Geschichten, die sie hier vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben öffentlich machen. Dabei schnippeln sie Gemüse und kochen Borschtsch, der nachher gemeinsam mit dem Publikum gegessen wird (Regie Jessica Glause). Homosexualität ist nicht verboten in Moldawien, aber so sehr tabuisiert, dass viele daran ersticken. Doch es tut sich was: „Beim ersten Gay Pride gab es vierzig Teilnehmer – letztes Jahr waren es fünfhundert!“, sagt Nicoleta Esinencu und ist zu Recht stolz darauf, dass ihr Stück zur Sichtbarmachung beigetragen hat.

Auch „Clear history“ (2012) ist ein Tabubruch. Es thematisiert die massenhafte Deportation von Juden aus Moldawien, damals Bessarabien, im Jahr 1941, oft unter tatkräftiger Beteiligung und Jubel der lokalen Bevölkerung. Diese Tatsachen werden heute verschwiegen oder gar geleugnet. Esinencu selbst hat bei einem Stipendienaufenthalt in Deutschland zum ersten Mal davon erfahren. Das Thema ließ sie nicht mehr los. Sie recherchierte sehr lange und gründlich und lässt auf der Bühne im besten ­Dokumentartheater-Stil Berichte vorlesen und Videos projizieren. 250 000 Juden, Roma und Sinti wurden aus dem kleinen Bessarabien in KZs in Transnistrien verschleppt und dort umgebracht, viele davon aus Dörfern, die nach einer Volkszählung von 1930 bis zu neunzig Prozent von Juden bewohnt waren. Die Fakten werden nüchtern vorgetragen und prägen sich schmerzlich ein. Nur ganz am Schluss gibt es eine versöhnliche Geste: Eine Frau erklärt ein jüdisches Kind zu ihrem Sohn und rettet ihm damit das Leben.

Nicoleta Esinencu, 1978 in Chişinău geboren, studierte Thea­ter und Bühnenbild an der dortigen Kunsthochschule. Nach dem Abschluss arbeitete sie als Dramaturgin am Eugène Ionesco Theater, aber dort war es ihr zu konventionell. Also machte sie sich selbständig und gründete mit Freunden eine freie Gruppe, was damals sehr ungewöhnlich war in Moldawien. Irgendwie überlebten sie, wurden eingeladen nach Rumänien und früh schon nach Deutschland. Bis heute erhalten sie keine Unterstützung vom moldawischen Staat, wollen sie auch nicht, wohl aber immer wieder vom Goethe-Institut, deutschen Stiftungen oder Theatern.

Ihre Arbeitsweise beschreibt sie wie folgt: „Wir einigen uns auf ein Thema, dann gibt es umfassende Recherchen dazu, wir tauschen uns aus, legen grob eine Richtung fest, in die es gehen soll. Ich fordere die Schauspieler auf, Szenen zu schreiben, daraus ergeben sich Eckpunkte. Die endgültige Textfassung mache ich. Dann inszeniere ich das Stück, aber auch das geschieht eher kollektiv. Wir improvisieren viel über die einzelnen Szenen, und es ist letztlich immer eine Gemeinschaftsarbeit.“

Sie sieht sich eher als Dramatikerin denn als Regisseurin. Die Regie soll den Text unterstützen, nicht mehr und nicht weniger. Die Aufführungen haben manchmal etwas Statuarisches, mitunter fast Steifes, weil der Text so wichtig ist, dass die Form auch schon mal vernachlässigt wird. Andererseits verdichtet sich die Dringlichkeit der Botschaft durch diese Rigorosität.

Nicoletta Esinencu behauptet nicht zu wissen, wie viele ­Stücke sie geschrieben hat – „An die zwanzig vielleicht?“. Aber eins ist klar: Jedes ist anders. Mal sind es Doku-Dramen („Antidot“), mal beschreiben sie am Schicksal einer Person die Ungerechtigkeit von Träumen und Versprechen („American Dream“), mal provozieren, mal verlachen sie die große Politik oder die kleinen Ungereimtheiten, aber immer sind es aufrichtige, empathische Beschreibungen aus einem Jammertal namens Welt. ­Anders als viele ihrer westeuropäischen Kollegen hat Esinencu keine Masche, kein Rezept, nachdem sie die unterschiedlichsten Themen zusammenknautscht, sondern jedes Mal einen über­raschend frischen Ansatz. Deshalb ist man auf jedes neue Stück gespannt.

Wer regiert die Welt?

2017 gab die Theater-Wäscherei ihren festen Stammsitz auf. Vielleicht hatten sie zu viel schmutzige Wäsche gewaschen, ganz sicher zu viel gearbeitet, sie wollten mehr Zeit für sich und weniger Geldsorgen. (Das alte Haus ist inzwischen abgerissen, ein neues wird gebaut mit lauter Luxuswohnungen). Jetzt müssen sie Säle mieten in Chişinău, und die Premieren finden zunehmend im Ausland statt. Vergangenes Jahr zum Beispiel brachten sie am Theater Rampe in Stuttgart „Who Run the World?“ heraus, einen Doppelabend aus Esinencus „Das Evangelium nach Maria“ und „Apokalypse nach Lilith“. Ihre nächste Premiere ist am 15. Oktober am HAU Hebbel am Ufer in Berlin. „Die Abschaffung der Familie“ heißt das Stück, das sich mit modernen Familienstrukturen und Familiensagas beschäftigt: von patriarchalen bis hin zu Frau-mit-Kind-Versionen, von Oma-Kind-Familien, bei denen die Eltern im Ausland arbeiten, bis hin zu Partnerschaften ohne Nachwuchs. Durch den Tod ihrer Eltern mit dem Familienthema konfrontiert, beschäftigen Esinencu eher die abgründigen Aspekte von Fami­lien wie Gewalt, Unterdrückung, Lebenslügen und Verleumdung, Themen, die sie in ihrem Stück von einem Theaterchor kommentieren lässt.

Derzeit lebt Esinencu mit einem DAAD-Stipendium für ein Jahr in Berlin. Sie genießt diesen Aufenthalt, ist aber nicht versucht, auf Dauer hier oder woanders in Westeuropa zu bleiben. „Dann wäre ich eine Migrantin, und das ist ein schweres Leben“, sagt sie. „Fast eine Million der viereinhalb Millionen Moldauer ­haben das Land verlassen, und die meisten von ihnen werden nicht wiederkommen. Ich möchte dort bleiben, dort arbeiten, etwas ausrichten und verändern. Das ist mir wichtiger als mir im Westen ein schönes Leben zu machen.“ //

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