Stück

Stille Erosion

Der Autor Lukas Rietzschel über die Theateradaption seines Romans „Mit der Faust in die Welt schlagen“ im Gespräch mit Anja Nioduschewski

von und

Lukas Rietzschel, Ihr Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ wurde bei seinem Erscheinen 2018 als Buch der Stunde bezeichnet – „passend“ zu den fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Chemnitz –, weil er die rechte Radikalisierung zweier Brüder in der Nachwendezeit in der ostsächsischen Provinz nachvollzieht. Jetzt wurde er am Staatsschauspiel Dresden auf die Bühne gebracht, in einer Adaption, die Sie mitverfasst haben. Nach den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg, mit enormem Stimmen­zuwachs für die AfD, schon wieder „passend“?

Für die Rezeption des Stoffes bin ich ja nicht verantwortlich. Dass das Thema auf ein solches Interesse stößt, konnte ich weder planen noch ahnen. Ganz unabhängig von den politischen Ereignissen der letzten Jahre wäre 2018 dieser Text erschienen. Meine Fragen wären die gleichen geblieben. Es sieht nur so aus, als würden sich noch mehr Menschen damit beschäftigen.

Foto: Gerald von Foris
Foto: Gerald von Foris

Der Roman schreitet 15 Jahre ab, sucht keine dramatischen Plotpoints, sondern zeichnet in exemplarischen, aber alltäglichen Situationen das Bild eines schleichenden Prozesses: eine dörflich-kleinbürgerliche Nachwende-Kindheit, mit Eltern, die sich nach dem Biografiebruch 1989 neu zu justieren versuchen, die allmähliche Erosion von Bindungen einer Coming-of-Age-Geschichte in der Provinz, in der die Auswahl zwischen falschen und richtigen Freunden nicht sehr groß ist. Alles ohne Wertung oder Erklärung erzählt, mit sehr viel Ungesagtem. Wo lag die Schwierigkeit für Sie, das für die Bühne zu verdichten, ohne Ihren eigenen Stoff unfreiwillig zu interpretieren?

Genau darin, die Leerstellen und die Sprachlosigkeit, die ich im Roman bewusst einsetze, auf der Bühne und durch die Bühne nicht zu füllen. Im Roman arbeite ich viel mit ­atmosphärischen Beschreibungen, mit dem Schildern kleiner, hilfloser Gesten. Das kann ich in einer Bühnenfassung nicht vorgeben, letztlich sind dafür die Regisseurin und die Schauspielerinnen und Schauspieler zuständig. Also musste ich die Hilflosigkeit, die Wut und diesen unbedingten Willen des Gehörtwerdenwollens in die Dialoge bringen und, viel mehr noch als im Roman, diese Gefühle in den einzelnen Personen kondensieren. Am Ende geht es darum, ob nun in der prosaischen oder dramatischen Form, Wertung, ­Didaktik und moralisierende Elemente gänzlich außen vor zu lassen.

Ihre Initialzündung für den Roman waren die fremdenfeindlichen Reaktionen auf die Ankunft der Flüchtlinge 2015, Ihr Erschrecken darüber, alte Freunde vor den Asylunterkünften in Sachsen protestieren zu sehen, verbunden mit der Frage, warum Sie es da rausgeschafft haben, aus diesem „bildungsfernen Milieu“. Sie schildern dieses Milieu gekonnt, um zu erklären, was da passiert ist, sagen aber gleichzeitig, dass ein „ostdeutsches“ Milieu nicht die Erklärung für Pegida, Rechtsextremismus und die AfD sein kann. Ein Widerspruch?

Das sind zwei unterschiedliche Aspekte. Erst einmal ist das Milieu, das ich beschreibe, nicht etwa bildungsfern oder gar dümmlich. Diese mittelständische Schicht finden Sie ebenso gut in Westdeutschland. Und auch dort gibt es Räume, die durch Deindustrialisierung, Überalterung und Wegzug geprägt sind. Auch im Westen finden Sie eine tiefe Verunsicherung angesichts des politischen Systems vor, und auch im Westen finden Sie radikalisierte Kräfte, egal ob das Rechte oder Salafisten sind. Diese Aspekte, wenn man sie für ostdeutsch hielte, könnten einem Erklärungsversuch also nur bedingt standhalten. Interessant wird es jedoch, wo diese Themen spezielle ostdeutsche Berührungspunkte haben. Damit meine ich, dass Rechtsextremismus, Strukturwandel, Wegzug und so weiter einen speziellen ostdeutschen Erklärungsansatz benötigen. Eine spezielle ostdeutsche Grundierung bei den politischen Phänomenen, die Sie angesprochen haben, lässt sich nicht leugnen. Gleichzeitig ist der Westen nicht automatisch befreit davon.

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