Look Out

Schmetterlingsschlag des Politischen

Der Regisseur Sascha Flocken bringt Spielprozesse zum Leuchten

von

Penthesilea – Love Is To Die“ von Bambi Bambule. Foto Rainer Muranyi
Penthesilea – Love Is To Die“ von Bambi Bambule. Foto Rainer Muranyi

Ein junger Student fragt sich am Ende seines Politik- und Philosophiestudiums: „Ist es das jetzt?“ Seine ­Ansprüche an sich und die eigene ­Lebensaufgabe sind so allgemein wie ­anspruchsvoll: „Menschen erreichen, Welt erzählen, etwas – verändern.“

Die Konsequenz des eigenen ­Anspruches? Sascha Flocken gibt dem Theater eine Chance. Ihn begeis­tert bereits als Regieassistent eine ästhe­tische Praxis, welche politisch wirkt. Ab 2013 arbeitet der 1985 in Fran­kenthal Geborene als Regisseur an den Theatern Freiburg und Konstanz, auch in Essen und Stuttgart. Verkopfte und theorielastige Inszenierungen sind ebenso wenig sein Anliegen wie ein Schauspiel, das von der Form her ­dominiert wird. Es geht ihm darum, „etwas hinzustellen“, das aber „mit Leichtigkeit“. Das Große, Politische sucht und findet er im Kleinen, Menschlichen. Seine Neugier für das, was Schauspieler­innen und Schauspieler in eine Inszenierung mitbringen, ist enorm. Es verwundert deshalb nicht, dass Sascha Flocken auf herausragende Weise mit jungen Menschen und Laien zu arbeiten versteht. In der Spielzeit 2018/19 reißt seine Inszenierung eines Stückes über die Pflege die Zuschauer vor Begeisterung regelmäßig von den Sitzen. „Silent Service“ am Theater Freiburg ist ein Inszenierungsprojekt mit Auszubildenden der Pflege über die Pflege. Es passt in die allgemeine politische Debatte zum Pflegenotstand und kommt doch eminent positiv, ja energiegeladen daher. Aus biografischen Narrationen und choreogra­fierten Alltagsabläufen spinnt Flocken eine eigen­ständige, sehr dynamische künstlerische Form. Sie gründet in der durch­gängigen Bezogenheit der Darsteller aufeinander und ­ihrem an­steckenden Enthusiasmus.

Flocken braucht und setzt auf Schauspieler, die sich einbringen, in die Materie eigenständig hineindenken und das verstehen wollen, was auf der Bühne verhandelt wird. Ein autoritärer Gestus als Regisseur ist ihm fremd. Der Regisseur wirkt in seinen Schilderungen eher als Suchender und Impulsgeber denn als Deutender. Wesentlicher Spielpartner bleibt für Flocken die Textvorlage. Kleists anspruchsvolle „Penthesilea“-Verse bilden Rahmen und Mittelpunkt der aktuellen Inszenierung „Penthesilea – love is to die“ des Theaterkollektivs Bambi Bambule, bei der Flocken Regie führt. Kleists Konzept einer bedingungslosen Liebe wird auch jenseits des Originals kritisch befragt, etwa aus feministischer Sichtweise oder von der modernen, zu Kleists Dramenschluss konträren Perspektive eines Miteinanders der Geschlechter. Die dabei vollzogenen Ausstiege aus dem Stücktext führen aber keineswegs weg von Kleist, im Gegenteil. Sie sorgen für Offenheit und bringen letztlich die Textvorlage über das Spielen und Reflektieren der Schauspielerinnen und Schauspieler zum Schwingen. Wie häufig bei Flocken, transportiert sich die von Beginn an dichte Atmosphäre über von Schauspielern live gespielte Musik: ein Klangteppich, der jenseits der fußnotengenauen Begrifflichkeit assoziativ definiert, in welcher Emotion die Begegnungen auf der Bühne stattfinden.

Was für andere schwer erscheint, fällt Flocken beim Inszenieren leicht: „Ich weiß, was ich will und wohin ich will.“ Beim Roman „89/90“, seiner jüngsten Arbeit am Theater Freiburg, ist dies nicht zuletzt die irritierende Gegenwärtigkeit rechter Gewalt. Peter Richters breit angelegtes Erinnerungsnarrativ ist ein Stoff wie geschaffen für Sascha Flocken. Der Regisseur als Remix-Künstler: Ebenen suchen, auch jenseits des Textes, und diese neu zusammensetzen. Er kann so im Mikrokosmos individueller Biografien und Begegnungen den Schmetterlingsschlag des Politischen aufspüren, erzählen und reflektieren. //

„89/90“ von Peter Richter in der Regie von Sascha Flocken ist wieder am 10. November am Theater Freiburg zu sehen. „Penthesilea – love is to die“ des Theaterkollektives Bambi Bambule gastiert am 1. und 2. November im Theaterdiscounter in Berlin.

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