- Anzeige -

Kolumne

Sprengstoffpreis

Peter Handke und der Feuilletonistenkrieg

von

Foto: Autor
Foto: Autor


Die Reaktionen kamen so prompt und unversöhnlich, als hätten sie nur darauf gewartet, dass er ihn kriegt, bei der Galle, die sie auf der Stelle parat hatten. Sie haben geahnt, dass er ihn irgendwann noch kriegen könnte. Sie sind alle vom Fach. Sie haben stillgehalten, bis er ihn tatsächlich noch gekriegt hat. Dann haben sie es noch einmal krachen lassen. Sprengstoffpreisgerecht. Auf der Höhe einer damaligen Zeit. Zur Vergewisserung, dass ihr einhelliges Urteil, gefällt von ihnen 25 Jahre zuvor, immer noch vor der Öffentlichkeit Bestand hat. Und sie haben recht gekriegt. Auf die Öffentlichkeit ist Verlass.

Vielleicht hätte er ihn nicht nehmen sollen. Aber dann hätte er ihnen recht gegeben, dass sein Schreiben und Reden damals verwerflich war. Und sie wären trotzdem über ihn hergefallen. Das wusste er. Das jahrlange Stillhalten-Müssen hätte es ihnen auch dann abverlangt. Und der nagende Wurm des Recht-behalten-Wollens, der sich nährt an der Selbstgerechtigkeit, bis er gesättigt ist mit Selbstgewissheit. Es hätte ihm nichts geholfen, wenn er den Preis nicht genommen hätte.

Gibt es zugunsten eines schreibenden Subjekts, das Schriftstellerin oder Schriftsteller ist oder investigative*r Journalist*in, den Begriff überhaupt: helfen? Das schreibende Subjekt kann sich das, was es schreibt, nicht einfach ausdenken. Es muss ihm passieren. Schreiben, das sich denkt, weiß, was es will. Ein schriftstellerndes Subjekt weiß das nicht. Es muss nicht wissen, wa­rum es was geschrieben hat, es muss es nicht erklären können. Es kann aber auch nicht einfach schreiben, was es will, oder was andere wollen. Es muss schreiben, was es schreiben muss. Daran ist nichts überheblich oder selbstgerecht, es ist nicht gefühllos oder zynisch.

Sonst wäre es ein*e Faxenmacher*in oder Unterhalter*in, ein Liebling des Publikums oder ein*e Lohnschreiber*in. Davon gibt es genug. Oder es wäre, wie gerade diese Kolumne, etwas Herbeigedachtes, das einem bestimmten Zweck dient.

Es kann passieren, dass so zu schreiben gegen gesellschaftliche Gepflogenheiten verstößt oder gegen das Selbstwertgefühl eines autokratischen Herrschers, und dass das schreibende Subjekt dafür ins Gefängnis muss. Oder getötet wird, weil es politisches Unrecht aufgedeckt hat. Manche haben beim Schreiben religiöse Gefühle verletzt und sich danach verstecken müssen, um nicht getötet zu werden. Andere wieder waren gezwungen, sich widerwillig in die Obhut eines oft nur widerwillig gewährten Schutzes durch den Staat zu begeben, weil sie mit ihrem Schreiben das organisierte Verbrechen aufgeschreckt haben. Sie alle haben geschrieben, was sie schreiben mussten, nicht, was sie wollten. Schreibende Subjekte sind ja nicht gleich auch noch blöd.

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Stimmen, die auf Geschichte warten

Ole Hübner, Thomas Köck und Michael von zur Mühlen über ihr Musikheaterprojekt „opera, opera, opera! revenants & revolutions“ im Gespräch mit Dorte Lena Eilers

Das Kolloquium von Äschnapur

München feiert fünfzig Jahre proT – doch statt eines Symposiums hätte man lieber ein neues Werk von Alexeij Sagerer gesehen

Res publica Europa

Das IETM (International Network for Contemporary Performing Arts) setzt sich aus über 500…

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

- Anzeige -

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann