Protagonisten

Das Kolloquium von Äschnapur

München feiert fünfzig Jahre proT – doch statt eines Symposiums hätte man lieber ein neues Werk von Alexeij Sagerer gesehen

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Der Preis für den besten Spruch geht an Andreas Ammer. „Lieber Alexeij“, sagt der Münchner Hörspielmacher, „ich gratuliere dir zu deinem neuen Stück. Es ist eines deiner radikalsten geworden: ,Das Kolloquium von Äschnapur‘.“ Das Lachen über die Engführung eines eben zu Ende gegangenen zwölfstündigen Symposium-Marathons mit Alexeij Sagerers erstem theatralem Langzeitprojekt „Der Tieger von Äschnapur“, das von 1977 bis 1989 stattfand, vereint Referenten und Zuhörer. Dann geben ­Ammer und der außerhalb Münchens weniger prominente Anton Kaun ein „Kleines Krachkonzert“, das die versammelten Hirne schön leer bläst – und obendrein mehr mit Sagerers unmittel­barem Theater zu tun hat als vieles zuvor Gehörte.

Foto: proT / Simone Lutz
                                                                              Foto: proT / Simone Lutz

Alexeij Sagerers proT wurde am 27. November 1969 in der Isabellastraße 40 in München eröffnet. Hinter dem Kürzel verbirgt sich offiziell das Prozessionstheater. Prozess oder Protest werden auch gerne mit ihm assoziiert. Die Tanzwissenschaftlerin Gabriele Brandstetter bezeichnet es gar als Proto-Theater, habe es doch viele Mittel der Performancekunst vorweggenommen. Sagerer selbst nennt es schlicht „Theater vor dem Theater“. Prototheatral und postdramatisch war das proT in der Tat bereits dreißig Jahre bevor Hans-Thies Lehmann das Label erfand, das derzeit ebenfalls Geburtstag feiert. Lehmann ist ein Chronist, ein Hinterher-Denker und -Schreiber. Sagerer dagegen ist ein Pionier, An­packer und Voraus-Macher, der Theater als etwas versteht, in dem alles zum Material wird, auch das Leben selbst.

Die Stadt München feierte das fünfzigjährige Bestehen dieser Theaterkunst Ende November mit einem großen Symposium im Münchner Muffatwerk. Im Rahmen der „Vier Tage des Unmittelbaren Theaters“, moderiert vom Münchner Philosophen Thomas Kisser und der Frankfurter Chefdramaturgin und Schauspiel­professorin Marion Tiedtke, bewegten sich neun Podiumsgäste in je einstündigen Keynotes von sehr individuellen Standpunkten aus auf das Werk des wohl am schwersten zu klassifizierenden Münchner Theatererneuerers zu. Das Uniseminarhafte, das man beim ersten Blick auf das Programm befürchtet hatte, stellte sich nur manchmal ein. Und auch die Steilvorlage für eine Ego-Show ließ das Gros der Rednerinnen und Redner dankenswerterweise liegen. Bis auf Henning Fülle. Der Kulturwissenschaftler streifte das Thema Sagerer kaum. Stattdessen torkelte er mit einem „Ich zitiere mich mal selbst“ durch die Kunst- und Kulturgeschichte und muss als Autor des einzigen Überblicksbandes über die freie Theaterszene Deutschlands („Freies Theater“, Theater der Zeit, 2016) einräumen, dass Sagerer darin nicht vorkommt. Was er auf die Quelle (im Singular) schob, welche er für seine Recherche über München konsultiert habe. Ohne Worte.

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