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Die Eroberung des Raums

Das Maillon in Straßburg bezieht sein neues Theatergebäude – eine europäische Bühne als offenes Haus

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Vielleicht ist das eine Quadratur des Kreises: feste Wände bauen für ein Theater, das Grenzen erfolgreich überschreitet. Das Maillon in Straßburg versteht sich als genrespezifisch offenes Gastspielhaus: Performance, Artistik, Tanz, Ausstellungen als Ausdrucksformen der hier gezeigten Gegenwartskunst sind jedenfalls so universell in der Sprache, dass sie den Maillon-Zusatz „eine europäische Bühne“ rechtfertigen. Ende November wurde nun der circa dreißig Millionen Euro teure Theaterneubau eingeweiht, geplant von LAN Archi­tecture und Umberto Napolitano. Die Architektur besitzt programmatischen Charakter. Das wurde in den Eröffnungsreden mehr als deutlich: Transparenz, Aufbruch von Hierarchien, Öffnung des Gebäudes hin zur Stadt, ja zur Gesellschaft, Flexibilität der Raumgestaltung. Der Blick nach vorne dominierte den diskursiven Teil der Eröffnungsfeierlichkeiten. Für die treue Zuschauergemeinde des Maillon (98 Prozent Auslastung) gleich wichtig ist der Blick zurück: Was hat sich verändert? Kann der neue Theatertempel zum vertrauten Zuhause werden? Schräg gegenüber vom neuen Gebäude lag die bisherige Heimat des Maillon, ein Messegebäude aus den 1920er Jahren. Es ist inzwischen abgerissen. Die Improvisiertheit dieser Halle besaß Charme und wirkte höchst unprätentiös.

Foto: Christophe Raynaud de Lage
Foto: Christophe Raynaud de Lage

Und nun? Staunend wandert der Blick der Besucher hinauf in die riesigen Weiten der Foyer-Decke. Was im Spielzeitheft mit „Platz, Volumen, hohe Decken, riesige Fenster“ beschrieben wird, stellt in der Tat einen kontrastreichen Neuanfang dar. Allein die Raumhöhe des Foyers ist gewaltig. Dessen Seitenwände sind Schiebetüren und lassen sich öffnen. Ein Ort, der wie der gesamte Bau bewusst variabel angelegt ist. Diese „Modularität“ begeistert Intendantin Barbara Engelhardt: „Unabhängig davon, ob wir frontale oder immersiv-installative Formen präsentieren, ob wir stärker visuellen oder akustischen Ansprüchen genügen oder den Bezug zwischen Publikum und Bühne neu ausloten wollen, stets stellt sich die Frage nach dem Raum und seinen Nutzungsmöglichkeiten.“ Selbst die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Formate ist nun möglich. Im Foyer verfolgen Zuschauer mit Kopfhörer Mats Staubs Video-Installation „21 – Memories of Growing Up“ parallel zu den Eröffnungsreden. Sie werden Teil des wechselseitigen Inszenierungsspiels aus „sehen und gesehen werden“. Variabilität und Großzügigkeit gelten insbesondere für den großen Saal. Er ist mit immerhin 700 Plätzen „die größte Bühne der Region“, wie die Intendantin nicht ohne Stolz formuliert. Die Zuschauertribüne ist demontierbar. Höhe sowie Ausstattung der Bühne erlauben auch außergewöhnliche Gastspiele, etwa von Nouveau Cirque oder Rimini Protokoll. Wie versprochen, hat das Maillon auf Sitzplatznummerierung bei den Tickets verzichtet. Es herrscht ein fröhliches Kommunizieren, bis auch der letzte freie Platz gefunden und besetzt ist. Gleichrangigkeit und Gemeinschaft stellen sich dabei wie selbstverständlich her.

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