Protagonisten

In und aus der Reihe tanzen

Das neue Leiterinnenkollektiv Hayat Erdoğan, Tine Milz und Julia Reichert erklären das Theater Neumarkt in Zürich zur experimentellen Spielwiese – präsentieren unterm Strich aber Stadttheater im Klein

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Als Erstes wurde mal ganz gehörig getanzt. Nicht im Theater selber – das folgte später –, sondern einige Wochen vor dem eigentlichen Spielzeitbeginn während des Theaterspektakels auf der Zürcher Landiwiese. Dort lud das Theater Neumarkt das ­Publikum zur Castingshow ein: mit stundenlangem Tanzen; wer auch nur kurz innehielt, flog raus. Später folgte rund um eine Glasbox im Hauptbahnhof die zweite Tanzetappe, dort wo Hunderte von Bahnpendlern, Passanten und Touristen vorbeischlenderten, zuschauten, wie sich die in der Glasbox eingesperrten Menschen bewegten, und zum Teil mittanzten. Schließlich stieg auf der Arenabühne im Theater das szenische Finale mit Tanz bis zum Umfallen.

Foto: Philip Frowein
                                                                                                      © Foto: Philip Frowein

Die Stadt ins Theater tragen oder gar gleich zum Theater zu erklären, dürfte ein Beweggrund für den dreiteiligen Einstieg in die neue Ära der kleinen, aber immer wieder struppig-feinen ­Bühne mitten in der Vorzeigeecke der Zürcher Altstadt gewesen sein. Das inhaltliche Gerüst bot der 1935 veröffentlichte und 1965 verfilmte Roman „They Shoot Horses, Don’t They?“, mit dem der US-Amerikaner Horace McCoy einen bitterbösen Abgesang auf die elenden Arbeiterschicksale während der großen Wirtschaftskrise geschaffen hatte.

Julia Reichert, Hayat Erdoğan und Tine Milz, die Protagonistinnen des neuen Leitungstrios, wollen also die Grenzen ­zwischen Stadt und Theater verwischen. Sie positionieren ihr Haus zur ­programmatischen Trinität von „Playground“, „Theater“ und „Akademie“, zu einem „hybriden Ort zwischen Stadttheater und Experimentierbühne“, wie sie in der Spielplanvorschau erklären. Und sie erklären die drei Begriffe „Love – Play – Fight“ zum Claim oder „Schlachtruf“ für ein „unbedingtes Theater“.

Das klingt schön peppig, aber in der Theorie auch etwas verschwommen und allgemein. Denn welches Stadttheater schreibt sich heute nicht etwas Ähnliches auf die Fahnen? Wenige hundert Meter vom Neumarkt entfernt schreitet das neue Kollektiv des ­Zürcher Schauspielhauses unter dem Leitungsduo Nicolas ­Stemann und Benjamin von Blomberg programmatisch in eine ähnliche Richtung. Warum also diese programmatische Selbst­deklaration? Das neue Leiterinnentrio des Theaters Neumarkt stand oder steht von Beginn an ganz gehörig unter einem Rechtfertigungsdruck – ­einem existenziellen gar. Die Stadt Zürich hatte sich vor wenigen Jahren aufgemacht, die Förderung der Tanz- und Theaterlandschaft grundsätzlich zu überdenken und ein ent­sprechendes Arbeitspapier in Auftrag gegeben, das für das Theater Neumarkt nichts Gutes verhieß.

Das als „vertraulich“ eingestufte Papier gelangte an die Öffentlichkeit. So konnte jeder lesen, dass das mit 4,5 Millionen Franken jährlich subventionierte Theater Neumarkt wegen der „prekären Selbstverortung zwischen Schauspielhaus und Gessner­allee“ als Auslaufmodell eingeschätzt wurde. Vorgeschlagen wurde eine Fusion des kleinen Alternativ-Stadttheaters mit dem Produktionshaus Gessnerallee und allenfalls mit dem Theaterspektakel zu einer neuen Betriebsgesellschaft. Durch die Verschmelzung zu einer größeren Produktionsstätte für Theater und Tanz sollten die Neumarkt-Subventionen indirekt der freien Szene zugutekommen, so das im Arbeitspapier deklarierte Ziel.

Doch so weit kam es nicht. Das schließlich offiziell abgesegnete neue Fördersystem Tanz und Theater führt das Theater Neumarkt weiterhin als eigenständige Institution auf. Aber gelesen hatten jenes von Fachleuten verfasste, zuvor geleakte Arbeitspapier alle. Weshalb das Theater nun beweisen muss, dass es die staatlich f­inanzierte Eigenständigkeit Wert ist. Und zwar so, dass es möglichst viele mitbekommen.

Tatsächlich schaffte es das Neumarkt, sich Anfang September 2019 weit über das Feuilleton hinaus ins Gespräch zu bringen. Und zwar mit einer subversiven Politaktion: Ausgewählte Medien wurden zu einer kurzfristig angesetzten Medienkonferenz ein­geladen, an der der nationale Schweizer Rüstungskonzern Ruag den Ausstieg aus dem Waffengeschäft und die Neuorientierung als Umwelttechnologiekonzern mit Namen Ruag Green erklärte. Waffen zu Windrädern, welch schöne Illusion.

Die minutiös orchestrierte Fake-Aktion kam bei den verschaukelten Medien unterschiedlich an. Während die Wirtschafts-und Lokalredakteure der Neuen Zürcher Zeitung das Ganze mit zurückhaltender Objektivität Revue passieren ließen, lobte der Tages-Anzeiger die Aktion im Feuilleton in den höchsten Tönen. Andere Medien wiederum zeigten sich empört, drohten gar mit strafrechtlichen Schritten. Der missbrauchte Rüstungskonzern übrigens hielt sich vollständig raus.

Kopf dieser Aktion war der US-Polit- und Medienaktivist Mike Bonanno vom Kollektiv The Yes Men. Die Zusammenarbeit des Theaters mit Bonanno beschränkte sich nicht auf diese eine Aktion. Er agierte an der Seite von Co-Direktorin Hayat Erdoğan und dem Choreografen Jeremy Nedd auch als Co-Regisseur für die „They Shoot Horses, Don’t They?“-Trilogie, wo er im kanariengelben Anzug und mit riesigem Cowboyhut auf dem Kopf überdies als allgegenwärtiger Master of Ceremony auftrat.

Zuletzt auch auf der Neumarkt-Bühne. Dort bewegt er sich mit eleganten Dauerschwüngen auf seinen Rollschuhen als gnaden­loser Einpeitscher, der seinen Zynismus hinter einem stets jovialen Lächeln verbirgt, durch den Raum. Das ganze Leben ist Showtime, skandiert er auf Amerikanisch: „Skate your life, always keep moving“, ruft er den zunehmend erschöpften Tänzern zu. Wer nicht mehr mitmag, gerät ins Abseits, ist verloren.

Die Produktion löst sich vom Setting des Romans, der sich auf tatsächlich stattgefundene Marathon-Tanzveranstaltungen während der großen Depression beruft. Das Tanzen auf der Neumarkt-Bühne ist sinnentleert, hat keinen erklärten Hintergrund, das vornehmlich junge Publikum muss sich seinen eigenen Reim darauf machen. Dieses Publikum hat in erster Linie Spaß an der grellen achtzig-minütigen Show, lässt sich beim zwischenzeitlich ausgerufenen Solo-Contest der Tänzer vom Master of Ceremony ­bereitwillig zum Abstimmungsapplaus anregen. Der Abend lässt Assoziationen zur Leistungsgesellschaft im kapitalistischen ­System zu. So weit, so gut. Aber sehr tiefschürfend ist das nicht. Am Schluss hinterlassen zwei energiegeladen durchtanzende ­Nebenfiguren mit ihrer bewundernswerten Ausdauer den stärksten Eindruck.

Ganz anders ist das bei der zweiten Repertoire-Produktion. Die 27-jährige, 2016 in Zürich gestrandete syrische Dramatikerin Lubna Abou Kheir wurde mit einem Stück beauftragt, das die aus Zagreb stammende Regisseurin und Autorin Ivna Žic inszenierte. Den beiden Frauen gelingt es zusammen mit dem Ensemble, ­einen beklemmenden, biografisch geprägten Bilderbogen auf die Bühne zu bringen, der viel aussagt über die seelische Zerrissenheit von Menschen, die wegen Krieg und Armut an fremde Orte geschwemmt werden oder eben nicht.

„Gebrochenes Licht“ heißt diese Produktion, für die Kheir einen wunderbaren Text geschaffen hat, der realistische Dialogpassagen mit der bilderreichen Poesie der arabischen Sprache verbindet und damit die Zwischenwelten, in denen sich die Prota­gonisten befinden, treffend illustriert. Da ist die zentrale Figur der jungen Syrierin Maya, die in Zürich Asyl beantragt – unschwer als Alter Ego der Autorin zu erkennen. Da ist die kettenrauchende Mutter, die in Istanbul hängen geblieben ist und sich letztlich von ihrer Tochter nicht mehr in die Schweiz holen lassen, sondern nach ­Syrien zurückreisen möchte. Dazu gesellen sich der zwangs­rekrutierte syrische Soldat, Mayas ehemaliger Freund, der irgendwo im kriegsversehrten Land festsitzt und stirbt, ein geheimnisvoller Taxifahrer und Schlepper sowie ein Zürcher Junge, der in der Sekunde gezeugt wurde, als der syrische Soldat sein Leben verlor.

Kheir bringt diese verstreute Schicksalsgemeinschaft in einem geschickt gewebten Geflecht in Interaktion – über WhatsApp, über Telefongespräche, zufällige Begegnungen, aber auch über metaphysische Kanäle. Regisseurin Žic verzichtet auf große Gesten, vertraut voll und ganz auf den vielsagenden Text und konzentriert sich auf die innere Zerrissenheit der Figuren.

„Gebrochenes Licht“ ist kein Spektakel, sondern literarisches Theater der feinen und gerade dadurch überzeugenden und nachhaltigen Art. Halt letztlich doch ganz einfach Stadttheater, könnte man jetzt einwenden. Aber warum einwenden? So wie es sich in diesem Fall präsentiert, ist es der beste Beweis für die Daseinsberechtigung des kleinen Theaters, das so aus dem Schatten des großen Schauspielhauses heraustreten kann. //

Quelle: https://www.theaterderzeit.de/2020/02/38444/komplett/