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Gespräch

Was macht das Theater, Lisa Jopt?

von und

Foto: Simon Hegenberg
Foto: Simon Hegenberg

Lisa Jopt, das von Ihnen ins Leben gerufene ensemble-netzwerk gibt es jetzt seit fünf Jahren. Wie fühlt sich das an?

Wir haben eigentlich zwei Geburtstage: Das ensemble-netzwerk hat sich 2015 gegründet, als die damalige Regieassistentin Johanna Lücke und ich an einem schönen Sonntag in Oldenburg eine E-Mail an alle Künstlerischen Betriebsbüros in Deutschland geschrieben haben. Das Schreiben war ein Aufruf zur Vernetzung. Das ist die emotionale Gründung. Das durchschlagkräftige, politisch aktive Team hat sich dann im Juni 2016 als Verein in Berlin zusammengeschlossen.
Nicht nur die Arbeit des ensemble-netzwerks macht mich als „Mitdurchhalterin“ ziemlich stolz. Auch der Kontakt mit dem jungen-, dem regie- und dem dramaturgie-netzwerk sind unglaublich wertvoll. Gerade in einer Branche, in der es einen Genieglauben gibt und noch dazu ein großes Traditionsbewusstsein. Das Aufbrechen dieser Theaterfolklore hat niemand für möglich gehalten.

Es gab viel Gegenwind.

Naja, geht so. Manchen älteren Kolleginnen und Kollegen hat unser Ton nicht gefallen. Man fand unsere Ziele vielleicht hysterisch und zu ambitioniert. Es hieß: Wenn ihr mehr Geld wollt, geht das Theater kaputt. Wenn ihr an Samstagen nicht probt, wird die Produktion nicht fertig. Wenn Leute unter Nichtverlängerungsschutz stehen, leidet die Freiheit der Kunst, denn dann wird ja alles unflexibel. Oder: Wollt ihr etwa so werden wie das Orchester? Um 14 Uhr den Hammer fallen lassen?

Dadurch werden Sie als Schauspielerin unter Druck gesetzt und in die volle Verantwortung gezogen. Was ist Ihnen am besten gelungen?

Die Gagen zu erhöhen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als Thema zu positionieren und vor allem beim Formulieren unserer Ziele mit Humor, Freude und astreinen Kampagnenbildern des Künstlers Simon Hegenberg zu bestechen. Wir sind eine liebevolle Bewegung. Wir verzichten auf die Suche nach dem Schuldigen. Wir wollen Lösungen, keine Vorwürfe.

Sie haben sich die Hände schmutzig gemacht.

Ja, das stimmt. Und dann kam ja auch noch die gemeinsam mit Nicola Bramkamp initiierte Konferenz zur Genderungleicheit Burngin Issues dazu. An vielen Häusern würde man mich sicher nicht engagieren. Aber die ganzen Anliegen waren größer, und wir wurden immer mehr Menschen, sodass ich den Ruf der Persona non grata schnell hinter mir lassen konnte. Als wir 2016 die Aktion „40 000 Theatermitarbeiter*innen treffen ihre Abgeordneten“ mit der Dramaturgischen Gesellschaft und dem Bund der Szenografen initiiert haben, ist den Politikern die Kinnlade heruntergefallen, als sie erfahren haben, wie unsere Arbeitsumstände sind. Und heute gucken wir uns um, und das gesamte Bundesland Hessen hat die Mindestgage um 300 Euro erhöht.

Was hat bisher noch nicht funktioniert?

Wir bekommen keine regelmäßige Förderungen, dabei bräuchten wir sie dringend, um Leute einzustellen und Sicherheiten zu schaffen. Es darf nicht vergessen werden, dass wir den Beat des ensemble-netzwerks wie eine Vollzeitstelle spüren, aber es letztendlich ein Ehrenamt in unserer Freizeit ist. Gleichzeitig gibt es viele Ideen für die Zukunft. Wir werden einen YouTube-Kanal mit Wissen zum Nachklicken eröffnen, denn jedes Jahr werden hunderte Anfängerinnen und Anfänger mit Null Ahnung auf den Markt gespült, egal, wie fleißig das junge ensemble-netzwerk da ist. Außerdem haben wir weitere Pläne für die Aktion „40 000“. Und dann gibt es da noch zwei private Projekte: Der Podcast „Wofür es sich zu looosen lohnt“ und die Entwicklung einer Serie über Theater. Wir freuen uns schon jetzt auf „Burning Issues meets Kampnagel“. Wir möchten weiterhin Räume kreieren, in denen die Vita nicht zählt. Es ist völlig egal, ob du am Stadttheater inszenierst, aus dem Jugendtheater kommst oder aus Schnuddeln an der Futz. Zum Netzwerk-Empowerment zählt: Wer dabei ist, ist richtig!

Das klingt groß!

2021 werden wir die größte bundesweite Ensemble-Versammlung organisieren, bei der wir die Schwerpunkte erstmalig auf Tanz und Oper erweitern. Man fängt an, an die Gestaltbarkeit des eigenen Umfeldes zu glauben. Das ist ein schönes Gefühl der Mündigkeit.

Bei diesem Interview handelt es sich um eine aktualisierte Version aus TdZ 2020/02.

Eine Urszene: Als vor genau fünf Jahre, am 15. Februar 2015, zwei Theatermacherinnen aus Frust über die Arbeitsbedingungen am Theater in einer kleinen Wohnung in Oldenburg eine E-Mail an alle Künstlerischen Betriebsbüros im deutschsprachigen Raum verschickten, ahnte niemand, dass diese Aktion zur Gründung einer der größten und erfolgreichsten Vereinigungen im Theater führen würde: dem ensemble-netzwerk. Wir sprechen mit Netzwerk-Gründerin Lisa Jopt über ihre Arbeit, ihre weiteren Ziele und das schöne Gefühl, seine Arbeitsbedingungen grundlegend mitgestalten zu können.

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