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Russian Underdogs

Die russische Künstlerin Victoria Lomasko zeichnet die Marginalisierten und Engagierten. Ein Gespräch über Kunstaktivismus, Zensur und ihre Arbeiten mit Anja Nioduschewski

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Wandbild von Victoria Lomasko für das Festival für zeitgenössische Positionen russischer Kunst Karussel im Europäischen Zentrum der Künste Hellerau in Dresden. Foto Peter R. Fiebig
Wandbild von Victoria Lomasko für das Festival für zeitgenössische Positionen russischer Kunst Karussel im Europäischen Zentrum der Künste Hellerau in Dresden. Foto Peter R. Fiebig

Victoria Lomasko, Sie sind eine der bekanntesten grafischen Künstlerinnen Russlands, vor allem weil Sie die Gerichtsprozesse gegen die Kunstaktivistinnen von Pussy Riot (2012) wie auch gegen die Ausstellungsmacher von „Verbotene Kunst“ (2006) kritisch ­dokumentiert haben. Auch die Sujets Ihrer grafischen Reportagen über den Alltag in der russischen Provinz, über Arbeitssklavinnen in Moskau, Sexarbeiterinnen in Nischni Nowgorod, über LGBTQ- oder Bürgerrechtsbewegungen legen nahe, Sie als eine ebensolche Aktivistin zu bezeichnen. Dennoch verwahren Sie sich davor?

Meine politische Agenda ist ungefähr die gleiche wie die von Pussy Riot und anderen unabhängig denkenden Menschen aus dem Kulturbereich. Wir wollen die Machtverhältnisse verändern, wir wollen, dass die Kirche nicht mehr ideologisches Rückgrat der Politik ist, dass Zensur auf ein vernünftiges Minimum reduziert wird und die Gerichte sich der Gerechtigkeit annehmen, anstatt dem Regime zu dienen. Wir wollen keine hässliche Wiederherstellung des Sowjetregimes in den zwanziger Jahren des 21. Jahrhunderts. Fraglich sind aber dennoch Zuschreibungen wie „Kunstaktivist“. Meiner Meinung nach wurde der Begriff erfunden, um Stipendien für sozial orientierte Kunst vergeben zu können. Es hat immer Künstler gegeben, die politische und soziale Themen in ihre ­Arbeit einbezogen haben. Käthe Kollwitz schrieb in ihren Tage­büchern und Briefen immer wieder, dass ihre Kunst dennoch breiter aufgestellt sei, als es das Etikett „proletarischer Künstler“ fassen könnte. Es interessiert mich nicht, mit politischen Karikaturen gegen das Regime zu kämpfen, aber es interessiert mich, eine tiefgründige Kunst zu schaffen, die soziale Themen einschließt.

Ihre Arbeiten wurden größtenteils im westlichen Ausland ver­öffentlicht. Auf Deutsch erschien Ihre Gerichtsreportage „Verbo­tene Kunst“ sowie eine umfangreiche Anthologie Ihrer Arbeiten unter dem Titel „Die Unsichtbaren und die Zornigen“. Sie stellen international aus, in Russland gab es für Sie bisher kaum eine Möglichkeit dafür. Warum?

Einzig „Verbotene Kunst“ wurde als Buch in russischer Sprache ­herausgegeben. Kunst einer breiteren Öffentlichkeit in Russland zugänglich zu machen, ist Aufgabe von Kuratoren, Galeristen, Museumsleuten und Kritikern. Künstler haben kaum Möglichkeiten dazu. Wir können unsere Arbeit nur in sozialen Netzwerken veröffentlichen, was ich natürlich tue. Meine jüngsten Arbeiten wurden auch auf www.colta.ru veröffentlicht, der letzten verbliebenen professionellen russischen Kultur-Website.
In den letzten Jahren wurden in Russland viele absurde Gesetze verabschiedet, die die Zensur betreffen. Aber selbst in demokratischeren Zeiten hatte die zeitgenössische Kunst kein breites Publikum. Sie wird hauptsächlich von Intellektuellen wahrgenommen, der liberalen Mitte aus Moskau und Sankt Petersburg. Bei den Leuten auf dem Land enden die Kenntnisse mit dem Impressionismus.

#Sie zeichnen bewusst die Marginalisierten Russlands, einfache Menschen, die in der öffentlichen Wahrnehmung ausgeblendet werden. Was ist schwieriger: als Künstlerin Zugang zu diesen Menschen zu bekommen – oder ihnen Ihre Kunst nahezubringen?

Als ich die Reportagen zeichnete, die in dem Buch „Other Russias“ („Die Unsichtbaren und die Zornigen“) versammelt sind, war ich ungefähr genauso marginal wie meine Figuren. Um mich der ­grafischen Sozialreportage zu widmen, habe ich die kommerzielle Illustration aufgegeben und aufgehört, Verbindungen zur zeit­genössischen Kunstszene zu unterhalten. Das Material für das Buch wurde etwa acht Jahre lang gesammelt, und oft war es eine Zeit der Armut und mangelnder Unterstützung. Am Anfang ­waren die Helden der Reportagen auch meine Hauptleser.

Im Gegensatz zu Joe Sacco mit seinen politischen Comic-Reportagen wie „Palästina“ zeichnen Sie Ihre Reportagen nicht in fortlaufenden Bildern und Texten, eher in paradigmatischen Einzelbildern. Wollen Sie keine Geschichten erzählen?

Joe Sacco ist mein Lieblingsjournalist. Er gestaltete das Cover von „Other Russias“ – und später haben wir uns persönlich kennengelernt. Aber Joe ist Comiczeichner und ich bin zeitgenössische Künstlerin. Es langweilt mich, nur im Buchgeschäft zu arbeiten. Ich habe meine Praxis mehrmals geändert: Ich habe als kommerzielle Illustratorin begonnen, mich dann im Multimediabereich versucht, viel im grafischen Journalismus experimentiert und mich in den letzten Jahren mit monumentaler Wandmalerei beschäftigt. Dennoch bin ich immer noch eine Geschichtenerzählerin. Sogar meine Wandbilder erzählen Geschichten. Bei der Einzelausstellung „Separated World“ in London zum Beispiel waren alle Wände der Galerie Edel Assanti mit monumentalen Malereien und meinen Gedichten bedeckt – Wände als riesige bedruckte Buchseiten. Alle Bilder verband eine Geschichte: die der Abenteuer des letzten sowjetischen Künstlers.

Sie haben 2010 bis 2014 mit Hilfe einer NGO Jugendlichen in einer Strafanstalt Zeichenunterricht gegeben. Heute stehen alle sozial engagierten Personen unter dem Verdacht, feindliche „Agenten“ des Westens zu sein. In einem Interview sagten Sie, dass auch bei Ihnen durchaus Selbstzensur einsetzt. Was bedeutet das?

Im heutigen Russland muss sich jeder Kulturschaffende entscheiden, ob er vor allem im Land oder im Ausland arbeitet. Diejenigen, die im Inland arbeiten, müssen mit einem solchen Maß an Zensur rechnen, sodass sie allmählich anfangen, sich selbst zu zensieren. Oder sie verlieren die Möglichkeit, mit ihrem Beruf ihren Lebensunterhalt zu verdienen, erleben Strafverfolgungen. Meist endet das in der Emigration – im Exil. Ich möchte keine Zensur in meiner Kunst zulassen. Ich will auch kein politischer Flüchtling werden. Deshalb finden fast alle meine Ausstellungen im Ausland statt, obwohl ich weiterhin mit aktuellen russischen Themen arbeite. Natürlich bringt diese Entscheidung Nachteile mit sich, aber ich kann mir keine bessere Variante vorstellen.

Im Rahmen des Festivals für zeitgenössische russische Kunst ­Karussell im Europäischen Zentrum der Künste Hellerau in ­Dresden haben Sie im Januar ein großes Wandbild geschaffen. Bildmotive waren auch Inszenierungen und Protagonisten des Festivals. In Vorbereitung saßen Sie in Moskau im Theater und haben die von dort eingeladenen Inszenierungen live gezeichnet. Im dunklen Zuschauerraum?

In Moskau habe ich „Der Mann aus Podolsk“ am teatr.doc und „Buddhas kleiner Finger“ am Theater Praktika gesehen. Bei den Aufführungen wurde ich in die erste Reihe platziert, sodass von der Bühne genug Licht zum Zeichnen vorhanden war. Dort habe ich ein halbes Album gezeichnet. Für das Wandbild habe ich schließlich Szenen aus „Buddhas kleiner Finger“ ausgewählt, weil sie in visueller Hinsicht symbolhafter und deshalb interessanter waren.

Das Wandbild zeigt zudem feministische Aktivistinnen, Musiker, dunkel-existentialistische Zitate der Schriftsteller Georgi Iwanow und Viktor Pelewin. Alles in Ruinen. Eine pessimistische Erzählung?

Das Wandgemälde wäre deprimierend, wenn es eine neue uneinnehmbare Berliner Mauer ohne jedes Lebenszeichen um sie ­herum darstellen würde. Aber die heutigen russischen Machthaber wollen nur einige Fragmente des Sowjetregimes wiederaufbauen – was an den Versuch erinnert, die Ruinen weiter einzureißen, statt sie wieder zu errichten. Die Ruinen sind voller Lücken, in denen wie Wildpflanzen neue Generationen heranwachsen, die nichts mit dem Sowjetregime zu tun haben. In dieser Arbeit ­begrüße ich das Leben – alles, was jung, neu, stark ist, zum ­Underground zählt. Wie immer habe ich dokumentarisches Material verwendet, insbesondere das Bild der Aktion „Silent Rallye“ der Dichterin und Aktivistin Daria Serenko, die über ein Jahr lang mit handgeschriebenen Plakaten in der Moskauer Metro fuhr und die Fahrgäste in einen Dialog verwickelte.

Das war nicht Ihre erste Begegnung mit Theater. 2013 waren Sie bei Milo Raus „Die Moskauer Prozesse“ als Gerichtszeichnerin dabei. Er verhandelte dort unter anderem auch den Prozess gegen die Ausstellung „Verbotene Kunst“ neu. Was war für Sie die größere Inszenierung? Der reale Prozess 2006 mit falschen Zeugen, Interventionen orthodoxer Gläubiger und Performances protestierender Künstler? Oder Milo Raus Versuch einer künstlerischen Revision?

Jedes Gerichtsverfahren ist wie Theater. Und die politischen Prozesse in Russland werden von denen, die dabei waren, als wahrhaftig absurdes Theater beschrieben. Das Strafverfahren gegen die Organisatoren von „Verbotene Kunst“ wurde von orthodox-­nationalistischen Aktivisten der Bewegung Volkskirche initiiert. In meinem Buch skizziere ich einen Moment, in dem sie Spickzettel an die Zeugen der Anklage austeilen – sie verteilen quasi Texte an Schauspieler. Diese Zeugen sahen so aus und redeten so, als seien sie auf magische Weise dem vorrevolutionären Russland entsprungen. Mehrere Aktionen protestierender Künstler im Gerichtsgebäude verliehen dem Prozess Wahnsinn und Theatralik. Ich konnte kaum zeichnerisch festhalten, was da vor sich ging.
Aber „Die Moskauer Prozesse“ von Milo Rau erwiesen sich als nicht weniger interessant. Er brachte heftige politische Gegner in einem Raum zusammen, und er gab der Verteidigung das Wort, deren Argumente vom eigentlichen Gericht ständig abgelehnt worden waren. Auch die russischen Behörden versuchten, die Aufführung unvergesslich zu machen: Plötzlich kamen die Mit­arbeiter des FMS, der russischen Migrationsbehörde, zu einer Vorstellung und wollten die Visa aller anwesenden Ausländer überprüfen, allen voran von Milo Rau selbst. Eine Kosakentruppe versuchte ins Sacharow-Zentrum einzudringen, wo die Aufführung stattfand – mehrere von ihnen durften als Zuschauer in den Saal. //

Aus dem Russischen von Anja Nioduschewski und Erik Zielke.

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