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Stück

Die Architektur der Macht und die Ausgeschlossenen

Der Dramatiker Thomas Freyer über sein Stück „letztes Licht. Territorium“ im Gespräch mit Jakob Hayner

von und

Thomas Freyer, Ihr neuestes Stück „letztes Licht. Territorium“ wurde im Februar am Schauspielhaus Düsseldorf uraufgeführt. Inhaltlich erinnert es an „kein Land. August“ von 2017. Gibt es eine kontinuierliche Auseinandersetzung, die von dem einen Stück zum anderen führt?

Foto: Matthias Horn
                                                                                              Foto: Matthias Horn

In diesem Fall ja. Ich hatte nach den Aufführungen von „kein Land. August“ in Dresden relativ schnell das Gefühl, dass dieses Thema noch nicht auserzählt ist. Es war anfangs vor allem eine Frage des Blickwinkels. Während sich die Hauptfigur bei „kein Land. August“ auf eine Suche begibt, die sie zur Flucht bewegt, werden die Bewohner in „letztes Licht. Territorium“ durch das Ziehen einer neuen Grenze und Mauer, ohne dass sie sich fort­bewegen, zu Ausgeschlossenen, obwohl sie einmal völlig selbstverständlich dazugehörten. Aber es war tatsächlich das erste Mal, dass sich inhaltlich und formal eine solche Weiterführung angeboten hat, auch wenn noch andere Arbeiten zwischen diesen beiden Texten lagen.

Für mich zeigen sowohl „kein Land. August“ als auch „letztes Licht. Territorium“ wie keine ­anderen mir bekannten Gegenwartsstücke die fundamentale Tragödie der „Über­flüssigkeit“ ganzer Bevölkerungsgruppen in unserer Zeit. Sie werden als wertlos erachtet, werden ausgestoßen und zum Objekt militärischer und polizeilicher Kontrolle. Diese Realität spielt im Theater selten eine Rolle, Sie nehmen sich ihrer an. Wieso?

Für mich ist das Erzählen über die „Über­flüssigen“ auch ein Versuch, die politische Welt besser zu verstehen, die Architektur der Macht und die dazugehörigen Mechanismen, die ohne das Ausschließen von ganzen Gruppen in dieser Form überhaupt nicht möglich, nicht zu verstehen sind. Politikerinnen und Politiker reden über die eigene Angst, über den Schutz der wirtschaftlichen Stärke ihrer Länder, bauen unstimmige Identitätsmodelle. Aber eigentlich steckt hinter all dem Reden ein mehr oder weniger bewusstes Sich-­Abwenden von denen, die keinen Zugang zu einer Welt haben, wie wir sie hier als etwas Selbstverständliches verstehen. Das Stück ist ein Versuch, diesen eurozentrischen, west­lichen Blick zu überwinden. Ich glaube nicht, dass das in jeder Hinsicht gelingt. Aber es ist vielleicht ein Anfang.

Die Figuren in „letztes Licht. Territorium“ tragen die Züge objektiver Entmenschlichung. Sie leben in verfallenden Hütten zwischen einer Mauer und dem Meer – eine Mischung aus Slum und Sonderwirtschaftszone. Sie ver­harren in Bewegungslosigkeit, können sich keinerlei Zukunft vorstellen. Allein die Vergangenheit ist noch Thema. Aber sie wissen um ihre Zurichtung. „Wir sind Hunde“, heißt es an einer Stelle. Was bedeutet es, diesen Figuren eine Sprache zu geben, wenn auch eine abgehackte, zersplitterte?

Eine schwere Frage. Die Sprache der Figuren entsteht bei meinen Texten in einem längeren Prozess über mehrere Fassungen. Das Fragmentarische war in diesem Fall schnell ein wichtiger Bestandteil. Es war klar, dass die Figuren in ihrer abgerissenen Situation und ihrer Unsicherheit keine gestandene Sprache zur Verfügung haben ­würden. Gleichzeitig war es schwer, sich in ihre Isoliertheit, in ihr Verbanntsein hineinzudenken. An diesem Punkt war für mich eine wesentliche Frage, wie viel Reflektiertheit die Sprache verträgt, wie viel Bewusstsein eine Figur für die eigene Situation.

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