Kolumne

Ansteckung und Hygiene

Über geschlossene Räume und verengte Horizonte in Zeiten von Corona

von

Die Türen sind endlich zugegangen. Die Stimmung entspannt sich, die leisen Gespräche werden ein Flüstern, dann verschwinden sie. Jetzt ist es still. Niemand kann mehr raus, niemand mehr rein – nur im Notfall. So ist das eben im Theater. Niemand erwartet wirklich, dass es von draußen zu klopfen beginnt. Wir alle wissen, es gibt jetzt erst einmal diesen einen Raum, auf den man sich zu konzentrieren hat und aus dem man mög­licherweise über die Bühne und deren Ränder hinaussehen kann, in das, was diffus „draußen“ genannt wird oder Welt.

Ich bin aber nicht im Theater, ich bin zu Hause geblieben. Auch hier sind die ­Türen zu. Es herrschen nämlich die Wochen der geschlossenen Räume. Alles zu. Naja, beinahe alles. Die Absage ist Alltag geworden, und man ist jetzt allgemein in einem sehr kleinen Zimmer unterwegs. Der Unterschied zum Theater besteht erst einmal da­rin, dass es von außen klopft, und zwar ­beständig. Die Einschläge, so sagt man, kommen näher, und bald wird wohl an der Tür gerüttelt. Das Virus pirscht sich heran, es kommt aus der großen weiten Welt (und ist schon längst da), aus dem, was man vage China nennt und da vom Wildtierhandel, von den Fledermäusen. Schon mit seinem Ausbruch schien das Virus einem Filmskript wie „Contagion“ (Ansteckung) von Steven Soderbergh zu entspringen. Wir reenacten nun auch das Folgende in ­einer Gott sei Dank etwas lahmeren Version, folgen dem Skript, als würde die Fiktion uns Aufträge erteilen. Aber welche? „Seht die globalen Übertragungswege, die ein Spiegel unserer Wirtschaftsverhältnisse sind? Versteht unsere Abhängigkeit voneinander?“ Eher nicht. Das beginnt schon damit, dass irgendetwas mit der Geschwindigkeit nicht stimmt. Sämtliche Liveticker quellen über und lehren uns vor allem eine krude Form der Gegenwärtigkeit. Dabei sein ist alles, immer auf dem neuesten Stand sein. Doch wie real ist dieser? Es ist auch eine Zuschauerpräsenz, nicht mit jener Präsenz im Theater zu vergleichen, sondern eine, die widersprüchlicher­weise zwischen ahnungsvollen Zukunftsszenarien und dem Jetzt, Jetzt, Jetzt der Medientaktung gleichermaßen aufgehängt ist. Ich sitze im Zimmer mit den von Anfang an veralteten und ödesten Fragen, die man sich vorstellen kann: Wie ansteckend ist es wirklich? Warum schenkt man ihm so viel Aufmerksamkeit, wenn es doch so harmlos ist? Gibt es genügend Intensivbetten? Und was machen die Aktienmärkte? Ist es die globale Weltwirtschaft als ­gesellschaftliche Krankheit, die zur Krankheit führt? Die letzte Frage führt dann schon aufs ideelle Feld des allgemeinen Zusammenbruchs, mit dem Unterschied, dass diesmal zuerst die Kulturszene eingebrochen ist, weil alles stillgestellt wird (sich also das Konto vieler Kunstschaffender bald im Minus befindet).

Wenn Susan Sontag schreibt, dass jeder Mensch zwei Staatsbürgerschaften hat: eine im Reich der Gesunden, eine im Reich der Kranken, so habe ich als Schriftstellerin in letzterem meinen Auftraggeber und sollte diesem Auftrag vermutlich anders nachkommen als so: Sehr viel ich und sehr viel Welt am Bildschirm. Beide sind miteinander in unheilvollem Kontakt. Zu nah bin ich dran an allem, bei gleichzeitiger Gewissheit, dass auch für mich der beste Platz, einen Mord zu verstecken, auf Google nach Platz zehn ist. Fachvokabeln wie „Nullpatient“ oder „Infektions-Cluster“ verschaffen mir dabei das ­Gefühl, Teil einer kollektiven Hygienereise durch das eigene Zimmer zu sein. Dabei weiß ich, dass das Aussehen dieser Pandemie in ein paar Wochen ein völlig anderes sein wird. Jetzt, wo Sie das lesen, werden die Fragen vielleicht nicht mehr die nach dem Zustand der medizinischen Betreuung in diesem Land sein, vielleicht sind wir dann ganz woanders. Vielleicht haben wir das Ganze vergessen oder das kollektive Wir befindet sich im Hauen und Stechen? Fraglich wird bleiben: Wer zahlt eigentlich die künstlerischen Ausfallhonorare? Wer gibt der Kunst Konjunkturspritzen? Und klar ist auch: Über Nachhaltigkeit machen wir uns letztendlich nur unnachhaltige Gedanken. Dies ist also eine Art Brief an mich selbst. In dem auch steht, dass diese Pandemie eine weitere Einübung in geschlossene Räume ist, deren Anzahl seit Jahren stetig zunimmt. Die Festung Europa, die Bubbles im Netz, die eingefrorenen Blicke, das Lagerdenken, der aufgedrängte Kulturkampf, die große Abschottung, von der wir fantasieren in unserem digitalen Mittelalter.

Wir werden alle sterben, soviel ist sicher. Ob es allerdings ein Virus ist oder der „zynische Humanismus“ (Milo Rau), der uns affiziert und immer engere Ringe um unseren Horizont legt, ob es eine vordergründige oder hintergründige Grippe ist, oder der Rassismus, der in Krisen reflexartig aufbrandet, an dieser Entscheidung sind wir zumindest beteiligt, und genau dafür wären Konjunkturspritzen für die Kunst gut. Der Austritt aus den geschlossenen Räumen würde jedenfalls von einem Applaus begleitet werden, den wir anders als im Theater erst hören und ver­stehen lernen müssen. //

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