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Erste Hilfe?

Programme für freie Künstlerinnen und Künstler in der Coronakrise – Janina Benduski vom Bundesverband Freie Darstellende Künste im Gespräch mit Patrick Wildermann

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Künstler in freier Wildbahn – „Anstattführung“ von hannsjana in Koproduktion mit den Sophiensælen Berlin. Foto Johanna Heyne
Künstler in freier Wildbahn – „Anstattführung“ von hannsjana in Koproduktion mit den Sophiensælen Berlin. Foto Johanna Heyne

Janina Benduski, die Hilfen für freie Künstlerinnen und Künstler in der Coronakrise laufen derzeit sowohl auf Landes- wie auf Bundesebene. Sie sind Vorsitzende des Bundesverbands freie darstellende Künste sowie Mitglied im Vorstand des Landesverbands Berlin. Wie beurteilen Sie derzeit den Stand bei den Bundeshilfen?

Die Bundeshilfen für Kultur und Kreativwirtschaft dürfen derzeit ausschließlich für Betriebskosten verwendet werden. Darunter fallen Büro-, Proberaum- oder Theatermieten und Kredite, die abbezahlt werden müssen. Deswegen hilft es nicht allen, denn nach unserem Kenntnisstand sollen persönliche Existenzsicherungskosten damit nicht abgedeckt werden. Der LAFT Berlin, die Koalition der Freien Szene und der Rat für die Künste haben sich deswegen zusammengetan und den Bund aufgefordert, das Programm mehr den Realitäten von Soloselbständigen und Kleinunternehmern anzupassen. Deren größter Betriebskostenposten sind sie selbst. Daher fordern wir, dass auch Lebenshaltungskosten aus diesen Bundesmitteln gedeckt werden können. Baden-Württemberg ist anfangs so verfahren. Dadurch, dass zu Beginn der Krise die Kriterien so wenig geklärt waren, wurde das Prozedere in den einzelnen Ländern ganz unterschiedlich gehandhabt. Schließlich hat sich aber herauskristallisiert, dass der Bund andere Vorstellungen hat. Wenn ich als Selbständige ein Büro oder einen Proberaum habe, darf ich die Miete dafür von den Bundeshilfen zahlen, aber nicht meine private Miete.

Und wenn man wirklich in einer Notlage ist?

Dann muss man das beantragen, was als Hartz IV bekannt war und sich jetzt Grundsicherung nennt. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Denn die Künstlerinnen und Künstler wollen ja ihre Selbständigkeit nicht aufgeben. Das heißt, sie haben weiter Betriebsausgaben und auch -einnahmen – und müssen die einzeln mit den Ämtern absprechen. Beim jüngsten Fall, von dem ich gehört habe, ging es um einen Betrag von 80 Euro. Hinzu kommt, dass zwar die aufwändige Vermögensprüfung entfällt, aber solange die Partnerin oder der Partner ein gutes Einkommen hat, wird keine Grundsicherung gewährt.

Besteht Hoffnung, dass der Bund sich in dieser Frage noch bewegt?

Es gibt einen Hoffnungsschimmer. Der Deutsche Kulturrat hat im Kulturausschuss des Bundes erstmals dafür plädiert, diese Hilfen für Lebenshaltungskosten zu öffnen – nach einer sehr intensiven Debatte. Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat dazu sinngemäß erklärt, dass sie eine solche Verwendung zwar nicht gut finden würde, sie sich aber immerhin vorstellen könne. Das alles ist natürlich noch nicht in Beschlüsse übersetzt.

Bayern zahlt nun immerhin für ein Vierteljahr 1000 Euro pro Monat an diejenigen Selbständigen, die in der Künstlersozialkasse sind. Baden-Württemberg hatte als erstes Land diese Art der Grundhilfe initiiert. Hier gab es für drei Monate je 1180 Euro. Wäre es nicht an der Zeit, das bedingungslose Grundeinkommen wieder forciert aufs Tapet zu bringen?

Das ist ein Thema, das in der Szene momentan sehr stark diskutiert wird. Ich beobachte dabei zwei Richtungen: Die einen sind dafür, wollen aber das bedingungslose Grundeinkommen für alle, und die anderen sind ebenfalls dafür, fänden es aber ausreichend, wenn das Grundeinkommen nur für Künstlerinnen und Künstler gezahlt würde. Es geht um die politische Abschätzung, inwieweit die Solidarität mit anderen Gesellschaftsbereichen betont werden muss, damit die Forderung wirklich eine Wirkung hat.

Mittlerweile steht zumindest in Berlin fest, dass die Theatersaison gelaufen ist und bis zum Sommer nichts mehr stattfinden wird. Das kam nicht überraschend, oder?

Nein, aber rein formal waren einige Künstlerinnen und Künstler gezwungen, so zu tun, als ob sie anders planen könnten. Offiziell galten Schließungen von Theatern ja nur bis zum 20. April. Also konnten sie bestimmte vertragliche Bindungen nicht lösen und nicht in Verhandlungen für andere Projekte einsteigen. Konkret bedeuten die Absagen für Mai, Juni und Juli jetzt für alle erneut einen enormen Arbeitsaufwand. Die Verhandlungen über Ausfallhonorare, die ja schon für viel Zorn und Empörung gesorgt haben, gehen noch einmal los – in größerer Dimension.

Welche alternativen Arbeitsmöglichkeiten haben die Künstlerinnen und Künstler?

Die Frage ist, wie mit Veranstaltungen im öffentlichen Raum, in Museen oder Galerien verfahren wird – das handhaben die Länder sehr unterschiedlich. Es gibt ja durchaus Künstlerinnen und Künstler, die Interesse hätten, Projekte unter freiem Himmel für bis zu 50 Personen zu realisieren. Nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern auch, um in dieser Zeit mit ihrem Publikum in Kontakt zu bleiben. Ob das erlaubt ist, weiß momentan niemand. Geschlossen sind ja nur die Theater- und Opernhäuser.

Wie steht es mit den Planungen für die kommende Saison?

Alle, mit denen ich spreche, gehen davon aus, dass es über einen langen Zeitraum Einschränkungen in den Theatern geben wird – falls nicht ein überraschender Durchbruch in der Forschung erzielt wird. Viele fokussieren sich deshalb darauf, alternative Inszenierungen zu entwickeln – möglichst eher nicht für halbleere Zuschauerräume. Das können Open-Air- oder Einzelformate sein, es muss ja nicht alles digital laufen, obwohl daran natürlich auch viele arbeiten. Die Frage ist: Wie kann man eine Live-Präsenz herstellen, ohne dass es zu Näherungen kommt?

Nicht für alle freischaffenden Künstlerinnen und Künstler kommen diese alternativen Formate überhaupt in Frage. Welche Konsequenzen wird das haben – auch wirtschaftlich?

Bestimmte Theater mit vielen Angestellten werden komplett in Kurzarbeit bleiben, also de facto geschlossen sein. Für viele Freischaffende, die vor allem als Gäste oder projektweise an Häusern arbeiten, bedeutet das wohl, dass ein einmaliger Zuschuss nicht mehr trägt und sie davon bedroht sind, aus der sozialen Sicherung zu fallen.

Auch an den Schulen könnte sich die Rückkehr zur Normalität noch lange hinziehen …

Was ein großes Problem für die Kinder- und Jugendtheater ist und somit für alle Selbständigen, die in diesem Bereich arbeiten – außerschulische Aktivitäten werden wohl noch lange ausfallen. Das wird hart. Was außerdem viele umtreibt, ist die Entwicklung der Haushalte: Der erwartbare drastische Einbruch der Gewerbesteuereinnahmen könnte in vielen eh schon überschuldeten Kommunen dafür sorgen, dass drastisch gespart wird. Vor allem an Kultur als freiwilliger Leistung.

Welche Maßnahmen könnten dagegen ergriffen werden?

Manche fordern eine Art New Deal für die Kultur, nach dem Vorbild von Roosevelt. Der Kulturrat hat die Idee eines Kultur-Infrastrukturfonds aufgebracht, auf zwei oder drei Jahre angelegt, der bestimmte kulturelle Organisationsstrukturen überlebensfähig halten soll, wie eben kleine Theater, soziokulturelle Zentren, Programmkinos, selbst wenn etwa die kommunale Förderung für ein Jahr entfiele.

Was kann der LAFT Berlin in der Coronakrise tun?

Der LAFT Berlin selbst ist ja nach wie vor überhaupt nicht gefördert, alles Kulturpolitische läuft im Ehrenamt. Aber wir haben das Performing Arts Programm (PAP), über das wir sehr viele Austausch- und Beratungsangebote organisieren, online und telefonisch. Und wir verschicken sehr, sehr viele Newsletter, die darüber informieren, was der Stand der Dinge ist, was sich verändert, welche Hilfsmaßnahmen anlaufen. Das scheint gut anzukommen, unsere Abonnentenzahlen schnellen jedenfalls in die Höhe. Informationen gibt es ja jede Menge, aber was gebraucht wird, sind sortierte Informationen.

Und auf kulturpolitischer Ebene?

Wir sind natürlich weiterhin in Kontakt mit Verwaltung und Politik, um darüber zu beratschlagen, was sich für die Künstlerinnen und Künstler tun lässt.

Über das Programm #TakeCare vom Fonds Darstellende Künste werden kurzfristig Recherchestipendien an Künstlerinnen und Künstler vergeben. Sind wir schon im Modus der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen?

Ein Stipendienprogramm für künstlerische Arbeit hat beim Fonds Darstellende Künste ja auch bisher schon existiert, es wurde jetzt nur sehr schnell der aktuellen Situation angepasst. Es richtet sich auch nur an Menschen, die bereits vom Fonds gefördert wurden, also ein kleiner Adressatenkreis. Aber es ist in meinen Augen ein sinnvolles Künstlerische-Arbeit-von-Zuhause-Ermöglichungsprogramm (lacht). Man kann Konzepte erarbeiten, das künstlerische Archiv pflegen und zugängig machen – das ist ja ein Thema, das uns auch beim LAFT Berlin am Herzen liegt. Wir versuchen jedenfalls beim Kultursenat zu erwirken, dass so ein Programm auch für Berlin aufgelegt wird – für Menschen, die sich zu spät um Soforthilfe bemüht haben, oder noch kein Existenzproblem hatten.

Man dachte ja in den vergangenen Jahren, die freie Szene sei strukturell gut aufgestellt. Viele Fördertöpfe sind aufgefüllt worden, Honoraruntergrenzen wurden vereinbart. Offenbart sich in dieser Situation, dass die Grundfesten eben doch zu wackelig sind?

Es haben sich beim freien Fördern zuletzt ja in vielen Bereichen die vernünftigen Stimmen durchgesetzt. Wir beim LAFT Berlin haben zum Beispiel schon lange auf mehrjährige Fördermodelle gedrängt, auf zwei- oder vierjährige Förderung. Künstlerinnen und Künstler sowie Gruppen, die langfristig planen können, sind momentan sogar in einer besseren Situation als diejenigen, die frei an großen Häusern arbeiten. Weil sie ihre Projekte innerhalb dieses Förderzeitraums umgestalten können und dürfen. Wirklich schlimm dran sind die Einzelpersonen, die ganz frei arbeiten. Was wir sehen, ist das Prekariat der politisch gewollten Soloselbständigen.

Die Menschen also, denen es kaum möglich ist, sich eine Altersvorsorge oder Rücklagen zu schaffen.

Richtig, und das wussten wir schon lange. Ob jetzt allerdings eine freie Spielstätte in vierjähriger Förderung so viel schlechter dasteht als ein Stadttheater, wird sich zeigen. Das kommt natürlich auch auf die Förderhöhe an. Den großen Gruppen wiederum brechen momentan die Gastspiele weg, was deren größtes Problem ist. Die Krise wird am Ende sehr deutlich gemacht haben, wo die Schwachstellen im System sind.

Das Geld, das jetzt als Hilfe an die Künstlerinnen und Künstler ausgeschüttet wird, dürfte in naher Zukunft an anderer Stelle fehlen. Droht der große Kulturkahlschlag?

Wenn es zu Kürzungen kommt, sind die freien Projekte zuerst betroffen. Das war überall zu beobachten, wo Kulturhaushalte zusammengestrichen wurden, auch aus politisch bedenklichen Gründen. Interessant nach dieser Krise wird, was die Gesellschaft als unterstützenswert betrachtet.

Bei diesem Text handelt es sich um eine aktualisierte und den Entwicklungen angepasste Version des Gesprächs mit Janina Benduski aus der Maiausgabe 2020 von Theater der Zeit.

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