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Kolumne

Alle reden vom Virus. Wir nicht.

Videoschalte mit Stephan Lessenich und Kornelius Heidebrecht

von

Lessenich sagt, dass achtzig bis neunzig Prozent der Antibiotika, die unser gutes Leben am Laufen halten, in China und Indien hergestellt werden. Und dass diese Herstellung unter Bedingungen erfolgt, die hierzulande undenkbar wären. Dort unten aber, in China und Indien, schädigen sie ihre Umwelt zum Wohl des globalen Nordens, scheiden unverträgliche Stoffe aus, die das Trinkwasser vergiften und die Menschen gleich mit. Und wir, sagt Lessenich, sehen es als selbstverständlich an, dass auf so zerstörerische Weise Nützliches für uns getan wird. Mit Beispielen wie diesem illus­triert er die These von der Externalisierungsgesellschaft, die er in seinem Buch „Neben uns die Sintflut“ entwickelt hat. Gemeint sind hochtourige kapitalistische Gesellschaften, die es sich leisten können, die Kosten ihrer Lebensweise, was Produktion und Konsum gleichermaßen betrifft, auszulagern. Mit Stephan Lessenich, dem eloquenten Soziologen aus München, sitze ich Seit an Seit im Splitscreen – statt wie ursprünglich gedacht auf der Theaterbühne.

Alle reden vom Virus. Wir nicht. Oder höchstens ein bisschen, denn Lessenich hat das Virus in einem Artikel als wohlbekannten Nachbarn identifiziert, einen, den wir nicht sehen wollen und darum den Blick abwenden, sobald er aus der Tür tritt. Das Virus bringt das Verdrängte zurück, sagt er, oder mit einem Wort von Sigmund Freud: das Unheimliche. Vielleicht, überlegt Lessenich, sind wir ja schon infiziert von der Ahnung, dass die guten alten Zeiten vorbei sind und es uns an den Kragen geht. China spiegele all das, was der Westen für das Geheimnis seines Erfolgs gehalten habe, eine wachstumsfixierte Gesellschaft, die ohne Rücksicht auf ökologische Verluste immer neuen Höhen entgegenstrebe und sich über die auch den unteren Schichten zugänglichen, ständig zu erweiternden Konsumchancen stabilisiere. Kurz, das Corona­virus wecke die ohnehin bestehenden Ängste vor China. Der ­Chinese, sagt Lessenich, ist der neue Russe.

Worauf der Russe Kornelius Heidebrecht in seinem Splitscreen-Fenster lacht. Gewöhnlich komponiert er für Schauspiel und Tanz, und nicht selten sitzt er dann selbst auf der Bühne. Diesmal sitzt er zu Hause in Düsseldorf, am Klavier, wie es sich gehört, dazu etwas Technik zum Verquicken. Melancholisch ­gestimmt, macht er sich einen Reim auf „Klimawandel und globalisierte Wirtschaft“, wie diese Folge heißt. Oder auch keinen Reim, weil Musik nie in einem Motto aufgeht, zum Glück. Dass wir uns fürs Theater an der Ruhr in den Splitscreen setzen, hat Theater­direktor Sven Schlötcke veranlasst. Von ihm stammt die Idee für die Reihe „Zeit für Zukunft“, für Diskurs und Musik, im besten Fall Diskurs-Pogo, weil ohne Rempelei nichts vorwärtsgeht. Diese Idee hat er mir zugespielt. Seither muss ich schauen, dass ich ­damit den Klimawandel aufhalte.

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