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Stück

Stimmen, die auf Geschichte warten

Ole Hübner, Thomas Köck und Michael von zur Mühlen über ihr Musikheaterprojekt „opera, opera, opera! revenants & revolutions“ im Gespräch mit Dorte Lena Eilers

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Entwürfe des Bühnenbildners Martin Miotk für „opera, opera, opera!“. Foto: Martin Miotk
      Entwürfe des Bühnenbildners Martin Miotk für „opera, opera, opera!“. Foto: Martin Miotk

Ole Hübner, Thomas Köck, Michael von zur Mühlen, Ihr Musiktheaterprojekt „opera opera opera!“ ist zum Stück der Stunde geworden. Zwei Zeit­reisende blicken aus ihren Klimakapseln auf eine menschenleere Landschaft, die vielleicht unsere Gegenwart ist, und kratzen sich verlegen unter ihren Atemschutzmasken. Die Uraufführung am 17. Mai bei der Münchner Biennale ist aufgrund der Coronaviruspandemie ungewiss.

Michael von zur Mühlen: Wir haben einen Probenstopp seit dem 17. März und verlieren dadurch nahezu die komplette Probenzeit. Da ist es aussichtslos, noch an die Uraufführung zum vorgesehenen Datum zu glauben. Sehr bitter, auch weil das Stück gerade so brisant erscheint – der dritte Akt spielt beispielsweise in einem verlassenen Opernhaus und dekliniert die Dystopie eines Verlustes von Öffentlichkeit radikal durch. Es geht in dem Stück um eine weitreichende Katastrophe, angesichts derer völlige Handlungsunfähigkeit entsteht. Wir werden uns auf eine Aufführung zu einem späteren Zeitpunkt vorbereiten, der noch ungewiss ist, weil sich die Bedingungen ständig ändern. Daher denken wir auch über Formate nach, die eine digitale Aufführung integrieren.

„opera opera opera!“ ist ein Rückblick auf die menschliche Zivilisation, wobei sich keine der Figuren so recht erinnern kann, was die Menschheit einmal war. Keine Erinnerung, keine Schuld: „In this world nothing is your fault“, heißt es. Gleichzeitig fragt sich eine andere ­Figur: „What is my value?“ Sich wertlos fühlen und keine Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen – geht es deshalb mit der Zivilisation, Stichwort: Klima, bergab?

Thomas Köck: Die Wertfrage, gerade in Bezug auf das Thema Systemrelevanz, stellt sich ja aktuell ganz stark. Auf einmal werden die Fachkräfte aus den Supermärkten beklatscht, von Leuten, die sie normalerweise nicht mal mit dem Arsch anschauen. Diese Wertedebatte ist immer relevant, doch erst in Krisenzeiten, oder, wie in unserem Stück, postapokalyptischen Zeiten, einer Situation der Regellosigkeit, tauchen bestimmte Fragestellungen auf.

Ole Hübner: Dass es keine Normalität mehr gibt, ist ganz zentral. Kein Nationalstaat, kein Wirtschaftssystem, keine Infrastruktur, es gibt einfach gar nichts mehr. Ein Rückgrat des gesellschaftlichen Lebens zu haben, ist nicht mehr selbstverständlich. Der Rückblick auf das Vergangene und Verlorene ist eine interessante Perspektive. Die erste Regieanweisung lautet „In a haunted landscape in a cursed time long ago“, zugleich wird über den vergangenen Weltuntergang gesprochen: ein paradoxer Punkt außerhalb historischer Kontinua. Von dort schauen wir „zurück“ auf eine Normalität, die sehr viel mit der Welt zu tun hat, in der wir heute leben. Die Distanz des Blicks auf das Heute ist entscheidend.

Als eine Art Verlustschmerz?

Köck: Viel interessanter finde ich, dass man das, was existiert, wie durch ein Prisma klarer erkennt. Wenn ich anfange, über mich selbst im Futur II zu sprechen, über mich als jemand, der ich gewesen sein werde, löst das automatisch eine differenzierte, auch poetische Distanziertheit zu mir selbst aus. Ich eröffne ein Reflexionsfeld, indem ich mich als Erzählung projiziere. Es gibt aber nicht die authentische Erinnerung, es gibt nur mittels einer bestimmten Rhetorik erzählte Geschichten. Doch wer erzählt? Was bleibt auf der Strecke? Der Vorgang des Geschichtenerzählens, das sieht man gerade überall, ist auch der Versuch, sich über eine Situation klar zu werden. Wie in Boccaccios „Decamerone“.

von zur Mühlen: Der Impuls für das Stück kommt ja aus einer sehr grundlegenden Annahme und geht über die aktuelle Krisensituation hinaus: Sowohl Cyborg als auch der Chor können oder wollen Zukunft nicht mehr denken. Sie scheinen in einer Gegenwart gefangen, in der Zukunft nur noch als Katastrophe vorgestellt werden kann und Vergangenheit nur noch bruchstückhaft erinnert wird. Diese Situation ist sinnbildhaft für eine Gemeinschaft ohne Visionen und Bewusstsein für historische Wendepunkte und deren Potenziale. Das wird offenkundig in der Szene, wo die alte Oper plötzlich hereinbricht, verbunden mit dem vergessenen Versprechen, dass Kollektive auch mal Revolutionen ausgelöst haben und Zukunft als etwas zu Eroberndes galt.

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