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Geschichten vom Herrn H.: Einfalt und Vielfalt

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Zum Abschluss – denn in Zukunft dann an dieser Stelle ohne mich – noch eine beispielhafte Begebenheit, wie ich vor einiger Zeit bei einer Diskussion über Diversität auf deutschen Bühnen war: Auf dem Podium sitzen in trauter Einigkeit ein Erfolgsdramatiker, eine Erfolgsregisseurin und ein ebenfalls erfolgreicher Schauspieler und Regisseur, der es zudem noch zum Festivalleiter gebracht hat, weswegen er der Einfachheit halber der Erfolgsfestivalleiter genannt werden wird. Erfolg im Theater ist zwar auch eher nur wie drei Richtige in der Prekaritätslotterie, aber immerhin. Drei Mittdreißiger, die von ihrer Kunst gut leben können. Auch wenn der Erfolgsdramatiker behauptet, er müsse bald vielleicht Fahrräder verkaufen, weil er im Theaterbetrieb gegen so viele Wände laufe. Ein kurzer Blick auf die Autorenvita (beim Abgehängtenverlag Suhrkamp): Allein in den vergangenen fünf Jahren wurden seine Stücke ungefähr fünfzig Mal gespielt, zudem erhielt er ungefähr zwanzig Stipendien und Preise. An Wände stößt er wahrscheinlich auf der Flucht vor einer der zahlreichen Jurys, die ihm schon wieder einen Preis an den Kopf schmeißen wollen.

Eine Frau aus dem Publikum meldet Kritik an. Ob der Erfolgsdramatiker nicht davon profitiere, ein weißer Mann zu sein. Das hört der offenbar gar nicht gerne, denn hastenichgesehn rattert er seine ganz eigene Leidensgeschichte herunter. Arbeiterfamilie, Vaterselbstmord, Mutterunglück. Kommt nicht gut an. Aus Österreich stammt er außerdem auch noch, das kann man quasi schon als Behinderung gelten lassen. Die Ich-Perspektive dominiert den Abend. Alle haben etwas beizutragen, denn irgendwie betroffen ist jeder. Die Erfolgsregisseurin beginnt viele Sätze mit „das find’ ich total gut“ oder „total schrecklich“ oder „total traurig“. In einem ihrer Stücke habe sie „man“ durch „frau“ ersetzt, das war „total geil“. Aber mit Ensembles mit mehrheitlich weißer Hautfarbe könne man leider nicht so viel machen. Warum das so ist, würde man gern erfahren. Tut man aber nicht. Der Rest ist durchaus konfus. Mal sollen Geschlecht und Hautfarbe sichtbar gemacht werden, mal wiederum gar keine Rolle mehr spielen. Ist das nun total gut, schrecklich oder eher traurig? Der Erfolgsfestivalleiter berichtet, dass er eine Klausel mit Intersektionalitätspflicht eingeführt habe. Hä? Überhaupt Klauseln: Die finden alle drei ganz wunderbar. Zum Beispiel, wenn bei Stücken die Hautfarbe der Schauspieler vorab festgeschrieben wird. Bin ich etwa der Einzige, der die juristisch bindende Festlegung von Rollen nach ethnischen Kriterien oder biologischen Merkmalen etwas merkwürdig findet?

Den Schlusspunkt setzt eine Anmerkung aus dem Publikum: Man müsse im Theater endlich mal das Spielen infrage stellen. Warum müsse immer auf der Bühne gespielt werden? Woher komme der Wunsch nach Verwandlung? Wer so fragt, kann mit bedeutungsschwerem Ausdruck auch gleich die Bedeutung des Atmens für den Menschen infrage stellen. Er stirbt halt, wenn es aufhört. Ebenso das Theater. Ohne Spiel und Schein ist es nichts mehr. Fantasie und Utopie, die sich im geglückten Spiel verbünden, wären gleich mit entsorgt. Jene gesinnungssprachlichen Ergüsse sind das Unkünstlerischste, ja Kunstfeindlichste, das ich mir vorstellen kann. Und was das mit Diversität im Sinne einer sozialen Öffnung zu tun haben soll? Die gesellschaftlichen Schranken dieser Welt fallen doch nicht, nur weil die Betuchten und Gebildeten nun im inneren Zirkel ihre besorgten Mienen zur Schau stellen. Zu meiden wären auch das Phrasen- und Schablonenhafte im Sprachlichen. Meine Vorstellung von Diversität wäre, dass auf den Bühnen auch eine wahrhaft künstlerische, die Fassade durchschlagende Sprache repräsentiert wäre. Und zwar egal, von wem. //

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