Kommentar

Die Treppe der anderen

Thema mit Variationen: Der Sturm auf den Reichstag und sein tanztheaterähnliches Moment

von

Demokratie ist Belagerung“, übertitelt der Tagesspiegel ein ­Gespräch mit Jan-Werner Müller. „Deswegen hat Jürgen Habermas recht“, sagt der Politikwissenschaftler dort, „wenn er für das Verhältnis von Öffentlichkeit und Parlament das Bild einer Belagerung vorschlägt.“

Hatten demnach die gut 250 Menschen (Reichsbürger, ­denen Nahstehende sowie bunt gemischte Mitläuferinnen und Mitläufer), die am 28. August 2020 auf die Stufen des Reichstags liefen, um sich dort selbst zu feiern, das Recht, dies zu tun? Ein Großteil der Medien hatte berichtet, es hätte einen „Sturm auf den Reichstag“ gegeben, die Menge hätte letztlich in das Gebäude gewollt – obwohl es, soweit sich das recherchieren ließ, keinen Beleg für den Versuch des Eindringens gibt. Nach knapp zehn Minuten war der von der ­Polizei „befriedete Bezirk“ wieder leer, die Menge verlief sich. Wäre eine andere ­Reaktion als die der Empörung wün­schens­wert gewesen, wie sie unter anderem von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kam?

Milo Raus Theateraktion „Sturm auf den Reichstag“ im November 2017. Foto David Baltzer / bildbuehne.de
Milo Raus Theateraktion „Sturm auf den Reichstag“ im November 2017. Foto David Baltzer / bildbuehne.de
Reichsbürger und bunt gemischte Mitläufer auf den Stufen des Reichtags im August 2020. Foto Fritz Engel
Reichsbürger und bunt gemischte Mitläufer auf den Stufen des Reichtags im August 2020. Foto Fritz Engel

Das Zulaufen auf den Reichstag habe ich schon dreimal ­gesehen – ausgehend von sehr verschiedenen Akteuren. Unabhängig von den jeweiligen Intentionen hat es ein tanztheaterähnliches ­Momentum: Die Überwindung von Zäunen, das gemeinschaftliche Hineinlaufen in den abgesperrten Bereich, auf den Reichstag zu, und die Einforderung von Rechten, die man im Bundestag zumindest als ungenügend wahrgenommen sieht, fühlen sich befreiend an.

Das erste Mal, am 21. Juni 2015, ist es das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS), das im Rahmen der Aktion „Die Toten kommen“ zu einem „Marsch der Entschlossenen“ aufruft. Die Menge öffnet die Zäune um den Platz der Republik und hebt vor dem Reichstag Gräber aus – ein symbolischer Akt für die Menschen, die beim Versuch, den Schengenraum zu erreichen, gestorben sind.

Zweieinhalb Jahre später, am 7. November 2017, mobilisiert der Theatermacher Milo Rau zu einem „Sturm auf den Reichstag“ – als Reenactment für ein Video über den „Sturm auf den Winter­palast“, hundert Jahre nach dem Beginn der Oktoberrevolution. Die Aktion steht im Zusammenhang mit Raus zeitgleich an der Schaubühne stattfindender „General Assembly“, in der es um Strukturen für eine globale Demokratie und die Beteiligung aller „Stände“ geht: „Versammeln wir uns vor dem Reichstag und fordern unsere Rechte ein.“

Die scheinbare Ähnlichkeit der beiden „Stürme“ – also desjenigen vom 28. August mit dem 2017 von Milo Rau initiierten – wird noch verstärkt durch eine vollmundige Behauptung in der Zeitung Demokratischer Widerstand, einer Publikation der Corona-Maßnahmen-Gegnergruppierung Nicht ohne uns um Hendrik Sodenkamp und Anselm Lenz. Dort steht, dass „Lydia D., die mit ‚17 tsd‘ Komparsen die Treppen des Reichstags erstürmte“, diese Aktion inszeniert habe. Lydia D. gehörte, wie Sodenkamp, zur Gruppe Staub zu Glitzer – B 61-12, die im September 2017 die Berliner Volksbühne besetzt hatte, um in diesem Stadttheater einen „Systemwechsel“ herbeizuführen. Lydia D. verneint auf Anfrage, die Aktion inszeniert zu haben, war aber vor Ort dabei und ist zurzeit im Lager der sogenannten Hygienedemos anzutreffen. Teile von Staub zu Glitzer hatten 2017 mit dazu aufgerufen, sich an Milo Raus Aktion zu beteiligen.

Hier, im Reenactment oder als Happening, passiert etwas, was im Theater selten ist, zumal im politischen: Die Sphäre des Tatsächlichen berührt die des Utopischen. Vor dem zentralen Ort der repräsentativen Demokratie, dem Bundestag, und mit der Überwindung der vierten Wand bekommt dieser theatralische Akt des sich im ­Laufen befreienden Bürgers eine Kraft, die die Möglichkeit, einen Wandel herbeizuführen, greifbar erscheinen lässt.

Dass die Rechte zunehmend Ästhetiken und Praktiken der Linken nutzt wie zum Beispiel die Identitären, die Greenpeace-Interventionen nachahmen, irritiert erst einmal. Gezielter ­Regel­bruch ist notwendig, um in einer sich strukturell bedingt schwerfällig gebenden Demokratie die Lücke zu überspringen: ­Irritationen oder Krisen werden von den Parlamen­tarierinnen und Parlamentariern, die überwiegend der Mittelschicht ange­hören, nicht immer so gesehen, wie Teile der Bevölkerung sie ­betrachten. Das Recht auf Happening und Intervention ist also gelebte Demo­kratie.

Es bleibt die Unklarheit, wie den Gruppen zu begegnen ist, die Hannah Arendt in „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“ beschreibt: „Es war charakteristisch für den Aufstieg der totalitären Bewegungen in Europa …, dass sie ihre Mitglieder aus der Masse jener scheinbar politisch ganz uninteressierten Gruppen rekrutierten, welche von allen anderen Parteien als zu dumm oder zu apathisch aufgegeben worden waren.“

Die Empörung, die von vielen staatstragenden Persönlichkeiten in den letzten Tagen geäußert wurde, ist so gesehen vielleicht kontraproduktiv und lässt das ohnehin schwindende Interesse einiger, die Demokratie als die eigene zu betrachten, weiter sinken. Den Reichstag zu schützen, den Hans Haake passenderweise mit der Installation „Der Bevölkerung“ ergänzte, ist gut. Den Menschen, die sich ihm nähern, sollte man es selbst überlassen, wie sie sich ihn symbolisch aneignen. Die „zornigen Spießer, die wir vor dem Reichstag gesehen haben“ – so beendet Milo Rau ein ­Interview mit dem Spiegel –, wollten „ins Innere der Institution vordringen, als gäbe es dort irgendeine Verschwörung in einem Hinterzimmer, einen Mechanismus, einen Weltgeist … Aber sie werden den Schachspieler nicht finden. Weil es ihn nicht gibt.“ Lasst sie halt – könnte man ergänzen – gucken! //

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