Kolumne

Die Dialektik des Elfenbeinturms

Über die Seuchen-Kunst Korona und ihre Kritiker

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Foto: Kolumnist
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Notiz am 8.3.2020. Drei Wochen vor dem Lockdown: Das Nichtwissen zeigt sich. Die Hilflosigkeit wächst. Mit ihr Angst und Aktionismus. Nie für möglich Gehaltenes geschieht in kurzer Zeit. Gebiete werden abgeriegelt, Länder lahmgelegt, Kontinente werden folgen. Ganze Wirtschaftszweige verlangsamen den Pulsschlag beim Kampf um Profit, bis hin zum Kollaps.

Die Virus-Katastrophe wird zum wirksamen Mittel gegen die andere, die droht wie keine zuvor – abwiegelnd Klimawandel genannt: Der CO2-Anstieg hat sich zum ersten Mal verringert.

Klima. Virus. Tod.

Aber das Klima ist nicht bedroht, es verändert sich nur. Die gestörte Natur passt sich an das Klima an und generiert das Virus. Mehr nicht. Es gibt Lebewesen, die das nicht ertragen. Bedroht sind Pflanzenarten und andere. Auch fleischliche. Die Menschenart ist darunter. Was ­widersteht, bleibt, was nicht, verschwindet.

Bald wird Hauen und Stechen sein. Noch werden Fremde angefeindet, egal aus welchem Teil Asiens sie sich hergewagt ­haben, unvorsichtig. Unvorsichtig sind alle. Auch die, die das ­Virus schon personifiziert haben als „Chines“. Sie fühlen sich ­sicher in der Anfeindung. Die ist ihr selbst gemachter Schutz gegen das Virus. Bald wird es „italienisch“ sein. Schon schwieriger. Und bald steht der Feind innerhalb der eigenen nationalen Grenzen. Er kommt aus der nächsten Stadt, dem nächsten Dorf, aus der Haustür des Nachbarn. Bürgerkrieg!!!!

GUT gegen BÖS. Nach kurzer Zeit ist GUT nur mehr ICH.

Nur das Klima bleibt Klima.

Warum schreibt sich so was?

Zynismus? Pessimismus? Destruktion?

Wut ist es! Wut auf die ungehemmte Profitgier der das System bestimmenden Gewinner, die das Dogma vom ewigen Wachstum am Leben halten, egal was es anrichtet, und die damit eine bis zum Irrsinn führende Lebensbejahung kultivieren: bei sich selbst, aber eben auch bei Menschen, die von ihnen abhängen. Weil aber Profit nicht demokratisiert ist und die Abgehängten deshalb nicht souverän sein können bei ihrer Selbstbefragung, müssten sie das ganze System und damit sich selbst komplett infrage stellen.

Das ist der Konflikt. Und der treibt alles ins Irrationale. Mehr ist es nicht. Mehr geht auch nicht. Das war vor sechs Monaten. Danach kein Eintrag mehr. Danach war Corona. Tote Hose. Auch in meinem Notizbuch. Überall: in Wirtshäusern, in Friseursalons, in Reisebüros, in Flugzeugen, bei den betrügenden Autobauern – und vor allem bei allen Abhängigen. Damit auch in allen Theatern.

Heute schreibt ein Kritiker in einer süddeutschen Zeitung über die zwei ersten Aufführungen in Berlin nach einem halben Jahr Seuchenpause. Auch aus ihm klingt noch die tote Hose. Er beklagt, dass es in dem einen Theater in einer „Hammer- und Sichel-Tapete um nichts geht, nicht einmal um Hammer- und Sichel-Bolschewismus“. Alles sei egal.

Er fordert in schlechten Zeiten Moral ein. Die vom Deutschen Theater haben sich aber offenbar einen Witz gemacht bei der Eröffnung der neuen Spielzeit. Wahrscheinlich ist es ein böser Witz über die entgangenen 180 Tage. So stelle ich es mir vor. Ich habe es nicht gesehen. Der Kritiker will Ernsthaftigkeit. Corona hat auch ihn lahmgelegt. Er ist einer wie viele, die selber nichts mehr zuwege bringen konnten, aber gleich sofort was wissen über die, die was zuwege zu bringen versuchten.

Das alles ist Korona. Korona ist die aktuelle Kunst. Alle sind Urheber, Rezipienten und Kritiker der Seuche und ihrer Bekämpfung in einem. Und unaufhaltsam treibt das Klima mit seinem Wandel in die nächste Kunstform, nicht mehr neu, aber bis dato ignoriert: unser letztes ultimatives gemeinsames Gesamtkunstwerk: der irre Traum von einer Schöpfung nach der Apokalypse.

Ich warte auch nur noch auf was. Aber nur, weil ich fürchte, dass noch was kommt. Sich was ausdenken geht nicht mehr. Ausgedachtes ist nur noch Banales. Korona ist die Dialektik des Elfenbeinturms. Die Seuche hat einen weltweiten Elfenbeinturm erzeugt und schafft ihn gleichzeitig ab. Es kommt nichts mehr. Man lümmelt herum im Vergangenen. Glücklich, wer es nicht merkt.

Die Vierzigtausend Ende August auf den Berliner Straßen und vor dem Reichstag sahen alle irgendwie glücklich aus. Auch die mit wutverzerrten Gesichtern. Sie freuten sich ihres Hasses, der aus ihren mitgebrachten Fahnen der Vergangenheit heraushing wie aus dem Mantel beim Exhibitionisten das Gemächt. Sie freuten sich an ihrer Vielfalt, die sie verabscheuen. Sie freuten sich über Corona, das sie vereint.

Der Kritiker hat natürlich auch recht. Es gibt nur noch zwei einander widerstrebende Möglichkeiten, wie Kunst in einer Endzeit entstehen kann: Entweder als selbstreferenzielle Betrachtung des eigenen Endes oder als letztes Aufbegehren.

Das Letztere wäre zu überlegen. Ersteres sollte erst als Letztes ins Auge gefasst werden. Aber dann, selbstredend, weil eh schon „irgendwie völlig egal“ (Zitat Kritiker und kritisch gemeint), als windiger Kalauer. //

Quelle: https://www.theaterderzeit.de/2020/10/38935/komplett/