Stück

„Die Mehrheit wollte in eine Derrick-Bundesrepublik einwandern“. Der Soziologe Steffen Mau im Gespräch mit Christine Wahl

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Herr Mau, in Thomas Freyers Theaterstück „Stummes Land“ stellen vier Leute um die vierzig, die in der DDR gemeinsam zur Schule gegangen sind, fest, dass ihnen das Erbe der Elterngeneration tiefer in den Knochen steckt als angenommen. Was sagen Sie als Soziologe – und als Ostdeutscher – zu diesem Befund?

Eine generelle Beobachtung, die ich immer wieder mache, ist, dass ein wirklich rigoroses Gespräch über die DDR, über die Vereinigungserfahrung und die Transformation weder in Ostdeutschland noch im gesamtdeutschen Kontext hinreichend stattfindet. Manche Leute sagen, Ostdeutschland fehlt ein 1968, also eine Rebellion der jüngeren Leute gegen die Elterngeneration, ein Befragen auf ihre Verantwortung im SED-Staat. Das kam 1989/90 nicht so richtig in Gang, weil die Eltern nicht mehr in Machtpositionen waren. Die musste man nicht mehr herausfordern, sondern sie hatten selber mit Existenzängsten zu tun, sodass die jüngere Generation eigentlich sehr schonend mit der älteren umgegangen ist, sich zum Teil auch mit ihr solidarisiert hat. Außerdem spielte sicher eine Rolle, dass diese Auseinandersetzung, wenn es sie denn gegeben hätte, immer vor einem westdeutschen Diskurspublikum stattgefunden hätte, das schon von vornherein ideologisch auf der richtigen Seite stand und qua Position alles besser wissen musste.

Das Personal in Freyers Stück – ein eher gut gebildetes, teilweise kosmopolitisches Milieu – offenbart einander zu vorgerückter Stunde starke Abgrenzungstendenzen gegen andere: Es herrscht ein ausgeprägtes „Wir-Die“-Bewusstsein vor. Das ist ein Topos, mit dem Sie sich auch in „Lütten Klein“ auseinandersetzen, Ihrer 2019 erschienenen Studie zur ostdeutschen Mentalität.

Die DDR war eine sehr homogene, zusammengerückte und auch umzäunte Gesellschaft, wo intensiv kleinformatige Solidarität gelebt worden ist, zum Teil auch aus der Notgemeinschaft heraus, weil man sich eben bestimmte Dinge herbeitauschen musste und dafür gute Netzwerke brauchte. Es gibt mitunter eine Idealisierung dieser DDR-Solidarität, die aber eben sehr eng und auf Gleiche gerichtet war. Der Umgang mit dem kulturell Anderen oder auch mit großer gesellschaftlicher Komplexität war dieser Gesellschaft nicht in die Wiege gelegt – was nicht heißt, dass man das nicht lernen kann.

In „Lütten Klein“ schreiben Sie, die gesellschaftlichen Spannungen, die im Osten zutage treten, seien „mehr als eine Missstimmung übellauniger und undankbarer Ostdeutscher, die anderen wenig gönnen“. Vielmehr beschreiben Sie sie als „Ausdruck gesellschaftlicher Frakturen, von denen viele in der DDR-Gesellschaft schon angelegt waren und die im Zuge der gesellschaftlichen Transformation nicht geheilt, sondern häufig noch vertieft wurden“. An welche Brüche denken Sie konkret?

Ein wichtiger Faktor ist sicher die ontologische Unsicherheit der neunziger Jahre, wo Leute unglaublich viel verloren haben, beruflich deklassiert worden sind, zum Teil ihr kulturelles Gepäck zurücklassen oder zumindest Geltungsverluste hinnehmen mussten und dann festgestellt haben: Ich muss jetzt eine ganze Menge tun, um wieder einen Ort in der Gesellschaft für mich zu finden, auch materiell wieder auf sicheren Grund zu kommen. Das hat in Ostdeutschland zu einer relativ starken Besitzstandsmentalität geführt, in der das Festhalten und das Bewahren wesentliche Motive sind.

Thomas Freyer zeigt in seinem Stück auch eine stark nationalistische Tradition in der DDR auf, einen Konnex zwischen Kommunismus und Nationalismus.

Es gab tatsächlich einen DDR-Nationalismus: Die DDR hat große Anstrengungen der nationalen Bewusstseinsbildung unternommen und sich als ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden bezeichnet. Es gab den offiziösen Mythos des besseren Deutschlands. Ich denke, man konnte in den achtziger Jahren in der DDR unbefangener und unreflektierter Deutscher sein als in der damaligen Bundesrepublik. Auch deshalb, weil es in der offiziellen Doktrin diesen deklarierten Antifaschismus gab, den ja auch viele in der SED-Führungselite durchaus mit ihren eigenen Biografien als Verfolgte oder Inhaftiertes des Naziregimes beglaubigen konnten. Die Kehrseite war die oberflächliche Aneignung dieser deutschen Geschichte durch die allgemeine Bevölkerung.

Das Nationalgefühl spielte auch während der Friedlichen Revolution im Herbst 1989 eine zentrale Rolle: Aus dem anfänglichen Reformbedürfnis jener Demonstranten, die der Nomenklatura „Wir sind das Volk“ entgegenriefen, wurde schnell der deutsch-deutsche Wiedervereinigungswille vieler, der sich im Ruf „Wir sind ein Volk“ manifestierte.

Ja, die enorme Aufwallung nationalistischer Gefühle und deren politische Instrumentalisierung im Zuge des Wiedervereinigungsprozesses haben ein eigenes Gewicht. Die Botschaft an die Ostdeutschen war ja: Ihr könnt qua Zugehörigkeit zur deutschen Kultur, Gesellschaft und Sprache Vollmitglieder in der erweiterten Bundesrepublik werden. Und indem man die Eintrittskarte an die Nationalität geknüpft hat, hat man den Leuten auch signalisiert: Euer Status und euer Wohl und Wehe in der dann erweiterten Bundesrepublik hängt an dieser ethnisierenden Gemeinschaftsfeststellung. Das haben viele Ostdeutsche tatsächlich wörtlich genommen. Die Mehrheit wollte in eine Derrick-Bundesrepublik einwandern und hat sich dann gewundert, dass sie in der Döner-Kebab-Bundesrepublik aufwachte. Die wollten keiner postmigrantischen Gesellschaft beitreten, sondern einer ähnlich nationalen Gemeinschaft, wie sie sie schon kannten. Und das hat erst einmal für Irritationen gesorgt – was nicht heißt, dass alle Ostdeutschen rechtsradikal und xenophob sind.

Sie stellen in Ihrer Studie die These auf, dass diese Aktivierung des Nationalgefühls auch eine kompensatorische Funktion hatte – dafür, dass die Ostdeutschen an den Transformationsprozessen politisch nicht beteiligt wurden.

Ja, das war eine kompensatorische Möglichkeit, all dem, was man den Ostdeutschen an demokratischer Teilhabe und Mitgestaltung verweigert hatte, durch einen Vergemeinschaftungsschub zu ersetzen: Ihr seid dabei, liebe Landsleute, liebe Brüder und Schwestern! Es wurden ja tatsächlich Familienmetaphern gewählt und ein großer Gemeinschaftskult aufgebaut. Gleichzeitig hat man den Ostdeutschen das konstitutionelle Moment, was eine Vereinigung ja auch sein könnte – zum Beispiel durch eine Verfassungsdiskussion, durch ein gemeinsames Regelwerk – nicht zugestehen wollen. Dafür gab es natürlich handfeste geopolitische Gründe, die man gar nicht in Abrede stellen darf, weil das wirklich eine prekäre Übergangsphase gewesen ist, aber es ist nicht folgenlos geblieben.

Dennoch: Polemisch zugespitzt – so schreiben Sie in Anspielung auf einen Buchtitel des DDR-Dissidenten Rolf Henrich – sei „der ,vormundschaftliche Staat‘ durch den mindestens paternalistischen, wenn nicht gar seinerseits vormundschaftlichen Westen abgelöst worden, sodass der Umbruch in gewisser Weise an jene Verhältnisse anschloss, die er überwinden wollte.“ Das habe bei den Ostdeutschen zu „Subjektverlust“, „Duldungsstarre“ und Identifikationsschwäche mit den Institutionen geführt, zumal auch deren Führungspersonal vornehmlich aus den alten Bundesländern transferiert wurde.

Der Vereinigungsprozess bedeutete aus ostdeutscher Sicht eine Selbstauslieferung hin zu einer deutlich mächtigeren und potenteren Bundesrepublik. Das war zwar mehrheitlich gewollt, aber trotzdem war man dann enttäuscht, dass man plötzlich keine Diskursmacht mehr hatte, dass andere an den politischen Hebeln saßen und man auch über wenig ökonomische Möglichkeiten verfügte. Das ganze bundesdeutsche Regelwerk wurde ja ohne Wenn und Aber – mit ein paar kleinen Veränderungen im Bestattungsrecht und im Erbschaftsrecht für uneheliche Kinder – vollständig übernommen. Damit ist – das hat Jürgen Habermas neulich noch einmal sehr schön in einem Interview gesagt – für die Ostdeutschen eine Situation eingetreten, in der sie sich bevormundet fühlen mussten: Zu einem Zeitpunkt, wo sie im Zuge der Friedlichen Revolution gerade angefangen hatten, sich als politische Subjekte mit Handlungsmacht zu verstehen, kam eine neue Macht, die durchgängig die Regeln bestimmte. Das hat zu Verohnmächtigung geführt, zu einer Schwäche der politischen Kultur.

Am Schluss Ihrer Studie diagnostizieren Sie den Ostdeutschen nach ihrem dreißigjährigen „Transformationsgalopp“ eine „Erschöpfung“ gegenüber „Veränderungs- und Anpassungszumutungen“, die neoliberale Selbstoptimierungsimperative genauso umfasst wie „die Aufforderung, traditionelle Werte abzustreifen und sich auf eine diverser werdende Kultur einzulassen“.

Die Ostdeutschen sind 1990 qua nationaler Zugehörigkeit zu den Etablierten geworden und haben dieses Moment dann gegen andere gewendet. Sie fragten sich: Wenn die nationale Mitgliedschaft das Entscheidende ist, wie kommen dann eigentlich andere dazu, hierherzukommen und Rechte einzufordern? Zudem haben sie selber unglaubliche Veränderungszumutungen erfahren müssen, nicht nur im Hinblick auf das Umlernen, sondern auch auf das Zurücklassen kultureller Bestände, an die sie gewohnt waren. Man musste sich bedingungslos auf das Neue einlassen. Genau das wird jetzt zum Teil gegen Migrantinnen und Migranten gewendet, indem man sagt: Wir mussten uns damals einpassen, als wir in die Bundesrepublik gekommen sind, und ihr kommt jetzt hierher und wollt eure Religion weiterleben, wollt Gebetsräume im Wohngebiet haben und so weiter. Vor allem in der älteren Generation führt das häufig zu Kopfschütteln, weil das mit der eigenen Erfahrung abgeglichen wird.

Obwohl Sie den wissenschaftlichen und analytischen Charakter in Ihrer Studie unmissverständlich hervorheben, ist Ihnen – neben viel Zuspruch – von einigen auch vorgeworfen worden, die untersuchten Phänomene qua Beschreibung zu affirmieren; die Ostdeutschen also gewissermaßen zu entschuldigen.

(Lacht) Das sind Leute, die noch einmal aus ihren ideologischen Gräben hochspringen. Die lesen mein Buch immer noch mit der Brille nicht enden wollender Systemkonkurrenz. Es ist aber gar nicht mein Thema, ob der Sozialismus nun gut war oder nicht. Wenn die Kritik schreibt, der Autor solle doch bitte mal überlegen, wie Lütten Klein – das titelgebende Rostocker Neubaugebiet – aussähe, wenn es die Wiedervereinigung nicht gegeben hätte, dann würde ich sagen: Ja, natürlich sähe es schrecklich aus und heruntergekommen. Wahrscheinlich wäre die DDR schon dreimal pleite gegangen. Diese Kritik verfehlt meinen Zugang, stolpert über sich selbst. Ich erkläre, warum es heute in Ostdeutschland diese Frakturen, Demokratieskepsis, auch eine rechtspopulistische Bewegung gibt. Dafür kann man soziologische Perspektiven ganz gut nutzen, weil sie die Phänomene, die bei uns allen Fragen aufwerfen, entschlüsseln. Aber wenn man jede Analyse des Einheitsprozesses als Kritik an der Einheit und als Wunsch interpretiert, in den Sozialismus zurückzukehren, dann ist das für mich eine Gesprächsverweigerung und ein Denken, das wir seit den neunziger Jahren überwunden haben sollten.

Unter den insgesamt nicht besonders zahlreichen Ostdeutschen, die es nach der Wiedervereinigung zu Diskursmacht gebracht haben, sind überdurchschnittlich viele Künstler, Autoren, Theaterleute. Wie ist das zu erklären?

Ich denke, das liegt daran, dass es in der Kunst eine Differenzprämie gibt. Da wird ja nicht der Konformismus belohnt, sondern das Neuartige, das Andere. Insofern gab es da in manchen Bereichen eine Offenheit und Neugierde, die man bei einer Juristenkarriere im Auswärtigen Amt nicht so findet, weil das eben eine richtige Laufbahn ist und Ostdeutsche als Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in der Regel nicht ankommen.

Sehen Sie in der Kunst und speziell im Theater auch ein besonderes Potenzial, jene Ost-West-Debatte zu führen, die anderswo, wie Sie eingangs feststellten, nicht hinreichend stattfindet?

Man kann ja über die Castorf-Ägide an der Berliner Volksbühne sagen, was man will, aber es war in den neunziger Jahren ein internationalisiertes Ost-West-Projekt unter österreichischer Beteiligung: Ein unglaublich spannendes Experimentierfeld, wo Leute zusammengekommen sind und Sachen in eine Tiefe gebracht wurden, wie man sie woanders nicht gefunden hat. Andere gesellschaftliche Sektoren, die sich viel stärker – auch gegen solche östlichen Einflüsse – abgeschottet haben, haben so etwas tatsächlich nicht erlebt. Hier ist durch den Zusammenprall zweiter Teilgesellschaften eine produktive Spannung erzeugt worden. Solche Kollisionen können künstlerisch etwas freilegen, wenn man sie zulässt.

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