Festivals

Brauchse Jobb?

Das Favoriten-Festival 2020 in Dortmund zeigt die Lichtund Schattenseiten von bezahlter und unbezahlter Arbeit

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Die Entstehung der Oper aus dem Geiste des Office – „Und jetzt alle! – Eine Oper“ von KGI in Zusammenarbeit mit dem Gelsen- kirchener Musiktheater im Revier und dem Ringlokschuppen Ruhr. Foto Judith Lorenz/MiR
Die Entstehung der Oper aus dem Geiste des Office – „Und jetzt alle! – Eine Oper“ von KGI in Zusammenarbeit mit dem Gelsen- kirchener Musiktheater im Revier und dem Ringlokschuppen Ruhr. Foto Judith Lorenz/MiR

Der Besen ist riesig, mit dem Demian Wohler den Boden in der Werkhalle im Union Gewerbehof fegt. Aber das muss er wohl auch sein. Schließlich sind die Ausmaße des Raums enorm. Nach und nach zieht er seine Bahnen zwischen den in der Halle aufgestellten Tischen. Indessen staubt Lucie Ortmann die grünen Zimmerpflanzen ab, die in einem anderen Areal des Raums stehen. Es sind ganz alltägliche Arbeiten, denen Wohler und Ortmann im Zuge des Installationsprojekts „Aufstand aus der Küche: II_VerSammlung DO“ für kurze Zeit nachgehen. Aber sie bekommen an diesem Ort und in diesem Rahmen eine ungeheure symbolische Bedeutung. Die Inszenierung ist von der 1975 entstandenen feministischen Videoarbeit „Semiotics of the Kitchen“ der US-amerikanischen Künstlerin Martha Rosler inspiriert. Während das Publikum durch die Installation schlendert, sich von der Gruppe produzierte Video-Reenactments von Roslers Arbeit ansieht oder die auf den Tischen aufgebahrten Arbeitsgegenstände aus diesen Videos betrachtet, wie eine Kamera und einen Laptop, einen ­Notizblock und einen Becher, erledigen die Performerinnen und Performer klassische Hausarbeiten.

Kunst und Staubwischen, das wirkt auf den ersten Blick wie ein eklatanter Widerspruch. Und das soll es auch. Denn schon der Gedanke, dass Hausarbeiten sich nicht mit Kunst vereinbaren lassen, dass hier zwei Welten zusammenkommen, die nicht zusammengehören, verrät viel über die Mechanismen und Konditionierungen unserer Gesellschaft. Staubwischen und Fegen, Saugen und Spülen gehören eben nicht nur nicht ins Reich der Kunst. Sie werden im Kreislauf kapitalistischer Verwertung in der Regel nicht mal als geldwerte Arbeit anerkannt. Gegen diese Logik, die über Jahrzehnte hinweg (Haus-)Frauen und Mütter in die Abhängigkeit von ihren berufstätigen Ehemännern gedrängt hat und auch heute noch das Leben aller prägt, wenden sich Mareike Hantschel, Lucie Ortmann, Jessica Prestipino, Katrin Ribbe und Demian Wohler mit ihrem Langzeitprojekt „Aufstand aus der Küche“.

In dem Augenblick, in dem das Publikum beginnt, inspiriert von den Aktionen der Performerinnen und Performer sowie von Roslers Videoarbeit, die auch ein Alphabet all der Gegenstände und Verrichtungen einer Hausfrau war, über sein eigenes ­„Alphabet der Arbeit“ nachzudenken, bekommen alltägliche Aufgaben und Arbeiten ein anderes Gewicht. Man wird sich bewusst, wie viel Zeit man am Tag mit Arbeiten verbringt, die nicht entlohnt werden, und stellt so die Grundpfeiler eines Systems infrage, das von jedem Einzelnen höchste Produktivität und absolute Selbstoptimierung verlangt. Genau dieses Hinterfragen bestehender Verhältnisse hat dieses Langzeitprojekt, das zuvor schon in Hannover, Oberhausen und Köln zu sehen war, zum Kernstück des diesjährigen Favoriten-Festivals gemacht.

Unter der Überschrift „While We Are Working“ haben Fanti Baum und Olivia Ebert insgesamt zwanzig Produktionen aus der freien Szene Nordrhein-Westfalens nach Dortmund eingeladen. Mit dieser programmatischen Klammer konnten sich die beiden Kuratorinnen, die nun zum zweiten Mal hintereinander die Leitung des mittlerweile im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfindenden Festivals innehatten, noch konsequenter als vor zwei Jahren von den Anfängen der Favoriten, die 1985 unter dem Namen Theaterzwang ins Leben gerufen wurden, lösen. Was einmal als Leistungsschau der freien Gruppen und Theater Nordrhein-Westfalens konzipiert war, ist bei ihnen zu einer offenen und vielgestaltigen Befragung unserer Wirklichkeit geworden.

Eine Arbeit wie „Aufstand aus der Küche“ reflektiert dabei nicht nur das Verhältnis von bezahlter und unbezahlter Arbeit. Sie lenkt auch den Blick auf den künstlerischen Arbeitsprozess und bindet sogar das Publikum mit ein, indem sie allen Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit gibt, ihr eigenes „Alphabet der Arbeit“ zu formulieren und die Installation so zu erweitern. Dadurch entsteht eine Offenheit, die in den Augen von Fanti Baum und Olivia Ebert ein zentraler Aspekt eines anderen, widerständigen Produzierens in der freien Szene ist. Es geht nicht mehr ausschließlich darum, eine Arbeit auf die Bühne zu bringen, die dann nach einigen wenigen Aufführungen schon wieder abgespielt ist. Diese letztlich von einer kapitalistischen Verwertungs­logik geprägte Produktionsweise weicht vielmehr immer häufiger einer Arbeitsform, die den Prozess der Produktion stärker ins Zentrum rückt. Der „Aufstand aus der Küche“ lässt sich immer wieder neu anzetteln und erweitern.

Dieser Ansatz, dass eine Produktion fortwährend im Fluss sein kann und sich vielleicht einem Ort oder auch einem Festival anpasst, findet sich auch in dem von Thomas Lehmen ersonnenen „Ersten Oberhausener Arbeitslosenballett“ wieder. Im Rahmen des Festivals gastierte er nicht einfach mit seiner in Oberhausen entstandenen Produktion, sondern probte und erarbeitete sie für Dortmund und die Favoriten noch einmal neu. Zu einigen der Arbeitslosen, mit denen er in Oberhausen eine Choreografie entwickelt hatte, die die Kunst als Gegenwelt zu unserem von Arbeit oder eben Arbeitslosigkeit geprägten Alltag feiert, kamen Dortmunderinnen und Dortmunder, die sich auf den Aufruf „Brauchse Jobb? Wir machen Kunst!“ hin gemeldet hatten.

Über dieser Performance, die ausgehend von zahlreichen Schlagworten wie Geld und Angst, Kunst und Arbeit jeder Performerin und jedem Performer die Freiheit ließ, ganz sie oder er selbst zu sein, schwebt zweifellos der Geist von Christoph Schlingensief. Wenn alle Beteiligten ihr persönliches Bekenntnis zur Kunst abgeben und dann etwas performen müssen, um einen Vertrag und fünfzig Euro auf die Hand zu kriegen, ist das natürlich eine ironische Abrechnung mit den Verhältnissen auf dem Arbeits(losen)markt. Zugleich erinnert diese Aktion aber auch an das „Nature Theater of Oklahoma“-Kapitel aus Franz Kafkas Roman „Der Verschollene“. Alle können teilnehmen, und jeder und jede kann sich auf eigene Art einbringen. Der eine rezitiert einen selbst geschriebenen Text, der andere singt einen Song, wieder andere spielen Instrumente. So wird die Kunst-Arbeit im „Ersten Oberhausener Arbeitslosenballett in Dortmund“ zu einer Form der Selbstermächtigung. Kunst, wenn sie so demokratisch ist, wie sie Thomas Lehmen versteht, befreit den Menschen von den Zwängen der Arbeitswelt und den Zumutungen der Arbeitslosigkeit.

Eine ähnliche Form von Ermächtigung schwebt auch dem Kollektiv KGI vor, das in Zusammenarbeit mit dem Gelsenkirchener Musiktheater im Revier und dem Ringlokschuppen Ruhr die Performance „Und jetzt alle! – Eine Oper“ entwickelt hat. Fünf Performerinnen und Performer treten in fantastischen, an opulente Operninszenierungen erinnernden Kostümen auf und warten voller Hoffnung und voller Schrecken auf ein einschneidendes Ereignis, das um 21:21 Uhr stattfinden soll. Die Erwartung schürt Ängste und löst einen absurden Aktionismus aus, in dem sich die hierarchischen Struk­turen am Arbeitsplatz spiegeln. Die Ankündigung baut Druck auf, der Panik und Konkurrenzdenken hervorbringt. Aus der Verknüpfung solcher Vorgänge, die alltägliche Arbeits- und Bürosituationen gezielt überspitzen mit opernhaften Gesangseinlagen und melodramatischen Gesten, entsteht eine satirische Dekonstruktion der Arbeitswelt mit all ihren absurden Ritualen. Auch das Genre der Oper wird dabei dekonstruiert, allerdings gleich wieder liebevoll zusammengesetzt. Wie das „Erste Oberhausener Arbeitslosenballett“ ist auch „Und jetzt alle! – Eine Oper“ ein gezieltes Spiel mit dem Dilettantischen, aus dem eine neue Art der Freiheit erwächst. Kunst muss eben nicht perfekt sein.

Durch den Corona-bedingten Lockdown hat die diesjährige Ausgabe der Favoriten eine zuvor nicht geplante Dimension erhalten. Dank entsprechender Genehmigungen vonseiten der Stadt Dortmund konnten alle Gruppen ihre Produktionen so aufführen, wie sie ursprünglich entstanden waren. So erinnerten die Vorstellungen an die Zeit vor der Pandemie und rückten das große Überthema Arbeit in ein etwas anderes Licht. Die Produktionen kreisten nicht nur um verschiedene Aspekte dieses Themas. Sie erinnerten einen zudem daran, dass jedes Kunstwerk, jede Aufführung im ganz konkreten Sinn Arbeit ist … eine Arbeit, der die einzelnen Künstlerinnen und Künstler monatelang nicht nach­gehen konnten. //

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