Ausland

Wir führen alle den gleichen Kampf. Drei Fragen an die Künstlerische Ko-Leiterin des Working Theater in New York Tamilla Woodard anlässlich der Präsidentschaftswahlen in den USA

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Tamilla Woodard, das Working Theater in New York, dessen Künstlerische Ko-Leiterin Sie sind, macht Theater für, über und mit Arbeiterinnen und Arbeiter. Politische Analysten sagen, dass es vor allem weiße, größtenteils männliche Vertreter der Arbeiterklasse waren, die 2016 Donald Trump ihre Stimmen gaben. Tatsächlich hat sich der ökonomische Status vieler Amerikanerinnen und Amerikaner unter seiner Präsidentschaft verbessert. Gleichzeitig indes war Trumps Politik ein übler Nährboden für Hass und Gewalt, was die Spaltung der Gesellschaft immer weiter vorangetrieben hat. Das Working Theater will seit seiner Gründung vor 35 Jahren durch seine gemeinschaftsstiftende Funktion ein Theater für alle sein, ein Ort jenseits von Klassen-, Geschlechts-, Alters- und ethnischen Grenzen. Haben Sie das Gefühl, dass Sie mit Ihrer konkreten Arbeit auch Trump-Wähler erreichen?

Die Zugehörigkeit zu einer Klasse ist eine der größten Trennlinien in unserer Gesellschaft, insbesondere in unserer so „liberalen“ Stadt New York. Diejenigen, die normalerweise nicht kulturell aktiv sind, haben das Gefühl, Theater sei lediglich etwas für die Elite, für „Kultursnobs“ und „liberal verbogene Progressive“ und ignoriere Werte und Themen der Menschen aus der Arbeiterklasse (die mitunter konservativeren Ideologen folgen). Wir sind uns dessen bewusst und versuchen, die Situation dadurch zu lösen, dass wir Zugangsschwellen abbauen – psychologische, wirtschaftliche sowie standortbasierte. Dies geschieht, bevor wir über den Begriff „Ideologie“ nachdenken. Wir beginnen nicht damit, reformieren oder belehren zu wollen. Wir beginnen mit der Frage, wie wir die Menschen erreichen können.

Im Jahr 2011 haben wir eine Initiative mit dem Namen „Five Boroughs / One City“ (Fünf Bezirke / Eine Stadt) gestartet. Unsere Mission ist es, Theater für, über und mit arbeitenden Menschen zu machen. Um dies wirklich umsetzen zu können, müssen wir Theater dort machen, wo unser Publikum lebt – und das ist in der Regel nicht dort, wo bisher unsere Aufführungen stattfanden. Die Off-Broadway-Spielstätten befinden sich traditionell im Stadtzentrum. Unser Publikum aber lebt in Brooklyn und Queens, Harlem, Staten Island und der South Bronx. Also kümmerten wir uns darum, dass wir vor Ort Räume für unsere Aufführungen zur Verfügung gestellt bekamen. 2014 gründeten wir Kommissionen aus Autorinnen, Autoren, Regisseurinnen und Regisseuren. Zudem schlossen wir in jedem der fünf Stadtbezirke Partnerschaften mit kulturellen Einrichtungen und Gemeinschaftszentren – vom Versammlungsraum der Elektroarbeiter-Gewerkschaft bis hin zum großen Gemeinschaftsgarten. Dann suchten wir nach Community-Botschaftern, die uns dabei halfen, das Working Theater in der Nachbarschaft vorzustellen. Wir wollten nicht davon ausgehen, dass wir automatisch willkommen geheißen werden; wir wussten, dass wir uns die Einladung erst noch verdienen mussten. Aus langen Gesprächen mit Anwohnerinnen und Anwohnern entwickelten die Künstlerinnen und Künstler schließlich Stücke, die vor Ort auf die Bühne gebracht wurden.

Welche Art von Debatten fanden da statt?

Die Gespräche begannen mit der Frage: „Was sollte der Rest von New York über Sie wissen?“ Wir sprachen also nicht über Politik, sondern über alltägliche Hoffnungen und Kämpfe arbeitender Menschen. Zum Beispiel über den Versuch, „über die Runden zu kommen“, über das Miteinander unter Nachbarinnen und Nachbarn und über das Verhältnis untereinander. Außerdem sprachen wir viel über die Ängste vor dem „Anderen“, vor „Fremden“, die eine Nachbarschaft oder Lebensweise möglicherweise verändern könnten. Mit diesem Stück tourten wir auch in die anderen Bezirke. Die Menschen fanden sich und ihre Anliegen in anderen Communities, die sich vielleicht ethnisch oder kulturell unterscheiden, wirtschaftlich aber eben ähnlich sind, gespiegelt. Klasse ist geschlechts-, ethnie- und kulturübergreifend, sodass wir, wenn wir uns auf die Klasse konzentrieren, in der Lage sind, auch andere Bereiche der Identität, sogar der politischen Identität, zu erreichen. Ändert das das Wahlverhalten oder die Meinung von jemandem? Wahrscheinlich nicht. Fügt es einen Moment des Nachdenkens, der Überlegung hinzu? Wir glauben, dass es das macht.

Warum, meinen Sie, stimmen Menschen für Trump?

Ich kann nicht sagen, warum die Leute für Trump stimmen. Ich kann sagen, dass Klasse nicht der stärkste Indikator für einen Trump-Wähler / eine Trump-Wählerin ist. Im Lager der Trump-Wähler vermischen sich vielfältigste Ideologien. Es gibt viele wohlhabende Republikaner aus der Elite, die Trump unterstützen. Ebenso gibt es Konservative, die sich dem „Erhalt Amerikas“ verschrieben haben. Es sind Menschen der Arbeiterklasse (Angestellte oder sogar prekär Beschäftigte), die oftmals eine starke ethnische und religiöse Identitätspolitik vertreten und eine ausgeprägte Verbindung zur Idee des „American Dreams“ haben.

Die Aufgabe des Theaters besteht darin, die Gemeinsamkeiten zu finden. Worüber machen sich die meisten Menschen Sorgen? Wahrscheinlich sind sie im Wesentlichen besorgt darüber, ihre Familie nicht mehr ernähren und einkleiden zu können. Sie sind besorgt um ihre Sicherheit, wollen ein anständiges Leben ohne unzumutbare Opfer führen. Sie sorgen sich darum, nicht mehr fair und würdevoll behandelt zu werden. Die Künstlerinnen und Künstler von „Five Boroughs“ versuchen vor allem, diese Geschichten zu erzählen, um zu zeigen, dass der Ex-Sträfling, der gerade erst in die Bronx zurückgekehrt ist, der pensionierte Elektriker in Queens und der Wartungsarbeiter in Bushwick alle den gleichen Kampf führen.

Die Fragen stellte Dorte Lena Eilers.

Aus dem Englischen von Hannah Krug und Dorte Lena Eilers.

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