Kolumne

Jetzt ist schon wieder was passiert

Kurzer Lebenslauf mit Polizei

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Das erste Mal, dass ich einen Polizisten nicht nur auf der Straße, sondern auch in einer Wohnung sah, war leider bei mir zu Hause. Meine Mutter wollte meinen Vater anzeigen; wenig später zog sie die Anzeige zurück. Damals war ich noch klein, und ich war auch noch nicht groß, als ich von einem Polizeiwagen gestoppt wurde, ich auf meinem Fahrrad, unvorteilhaft auf der linken Spur der Straße. Der Polizist auf dem Beifahrersitz kurbelte das Fenster herunter, und weil mir auf die Schnelle nichts Besseres einfiel, tat ich empört: Bin ich zu schnell gefahren? Diese Frage überging der Polizist und wies mit erhobenem Zeigefinger darauf hin: Rechtsfahren ist amtlich. Das habe ich mir bis heute gemerkt, woran man sieht, dass das gern praktizierte, an die Einsicht appellierende Bürgergespräch der Polizei nicht immer vergeblich ist.

Das zweite Mal, dass ich einen Polizisten in einer Wohnung sah, noch dazu in seiner eigenen, war in Rosenheim. Max arbeitete dort für die Kripo. Ich glaube, er mochte mich, und ich mochte ihn auch, aber viel mehr noch mochte ich seine Tochter, die mich zwar auch mochte, aber nicht so, wie ich es gebraucht hätte. Oft wirkte Max ein wenig zerknirscht, und einmal ließ er ein paar Worte fallen, die ich schwer vergessen kann: Du musst es so sehen, Ralph, wir haben nur mit Abschaum zu tun.

Als ich dem Theater verfiel, sah ich immer wieder Polizisten auf der Bühne, das waren selten echte Menschen, weil meistens komisch und lächerlich gemacht, schon wegen der Uniform, die noch das Echteste war. Habt euch nicht so, brummte ich, in euren Kostümen seht ihr auch nicht besser aus, wie arme Verwandte der Polizei. Einmal spielte ich selbst einen Polizisten, in Paris, wo ich im Théâtre de la Ville in der Regie hospitierte. Auf der Probe sprang ich für einen erkrankten Schauspieler ein, immerhin eine Bühne, auf der schon Sarah Bernhardt gestanden hat. Uniform trug ich nicht, dafür einen Trenchcoat. Die im Trenchcoat gelten als cool. Das bisschen französischer Text ging mir leicht über die Lippen. Danach, bei der Besprechung, hatte der Regisseur ein dämonisches Grinsen im Gesicht: toll, so ein Bulle mit deutschem Akzent.

„Die Gesellschaft“, schreibt Krimi-Autor Wolf Haas, „geht her und gibt dem Polizisten Spitznamen, wo man im Grunde genommen nicht von Achtung reden kann. Ich weiß nicht, woran es liegt, vielleicht ein bisschen an der Angst, der Polizist könnte hergehen und die Gesellschaft verhaften.“ Auch für den Moment, in dem die Polizei ins Spiel kommt, hat Haas die richtigen Worte gefunden: Jetzt ist schon wieder was passiert.

Nach den Terroranschlägen in New York 2001 fuhr ich für eine Reportage zwölf Stunden lang Streife mit der Polizei durch den Berliner Regierungsbezirk. Marco, der Fotograf, gestand, dass er für Polizistinnen schwärmte, alle gut trainiert. Die Stimmung in der Stadt war nervös, plötzlich war Terror kein Fremdwort mehr. Zugeteilt wurden wir einem beflissenen Gespann, das unser Abenteuer wie staatsbürgerlichen Unterricht aussehen ließ, eindeutig zu wenig Schimanski. Darum stiegen wir nach der Pause in eine andere Streife. Die beiden Polizisten erwiesen sich, wenngleich in Uniform, als Cops im Trenchcoat. Als der erste Notruf eintraf, drehte sich einer zu uns um und rief: festhalten, Jungs! Die Sirene heulte auf und leuchtete in die Nacht. Der andere ­sagte: Jetzt geht’s langsam los. Aber den Täter ­haben wir nicht gefasst.

Vor einem Wohnhaus, gegenüber einer Kita, war ein verdächtiger Gegenstand abgestellt worden, eine dicke schwarze Akten­tasche. Unsere Streife fuhr hin. Aber anfassen wollte die Tasche dann keiner. Könnte sie ­explodieren? Wie würden Sie entscheiden? Solche Fälle überließen sie gerne dem Chef. Der musste extra herkommen und überlegen, ob es einen Roboter brauchte, der die Bombe schneller zusammenschießt, als sie sich zu explodieren traut. Er scheuchte uns weg, ehe er im Licht der Taschenlampe an den Schnappschlössern zog.

In Kreuzberg gerieten Gruschenka und ich an Nachbarn mit viel Alkohol und Gerumpel, verlässlich zu laut. Einmal flehte uns die Tochter an, die Polizei zu rufen. Es war kurz nach Mitternacht. 110 gilt oft als Lösung, wenn auch nicht immer die schnellste, denn niemand ging ran, auch beim zweiten Mal nicht. Erst als Gruschenka mit dem Handy anrief, hob jemand ab. Wir hörten Schreie und einen Krach, als würden Möbel zerlegt. Dann flüchtete die Tochter heulend das Treppenhaus hinunter, ich also raus und ihr nach, ohne einen Schimmer, was mich erwartete. Unten bei den Briefkästen sah ich sie liegen, sie schrie und zappelte, und im selben Moment stürzten Polizisten herein. Einer, der mich für den Angreifer hielt, warf sich mutig entgegen: Was ist hier los? Wäre ich schwarz und in Minneapolis zu Hause, ich wäre nicht mehr am Leben.

Ich denke an Max und die anderen, und ich denke nicht schlecht von ihnen. Trotzdem sage ich meinen Gästen im Theater an der Ruhr, einer Polin, einer Chinesin, einem Syrer und einem Senegalesen, die alle Deutsche sind: Sicherer als zurzeit könnt ihr euch in Mülheim nicht fühlen. Keine Polizei. Denn gerade sind dreißig Polizisten in der Stadt wegen rechtsradikaler Umtriebe aus dem Dienst entfernt worden. //

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