Abschied

Ich werde nicht besetzt, weil ich ein netter Kerl bin

Zum Tod von Peter Radtke – Schauspieler und Aktivist avant la lettre

von

„Brigitte Bardot wurde nicht wegen ihrer Intelligenz besetzt, sondern wegen anderer Qualitäten. Und auch ich werde nicht besetzt, weil ich ein netter Kerl bin, sondern wegen meiner Körperlichkeit. Damit muss ich leben.“ Klingt in Zeiten hoher Sprachsensibilität ein bisschen anrüchig. Aber die Aussage stammt von Peter Radtke. 1943 mit Glas­knochenkrankheit geboren, Schauspieler, ­Regisseur, Autor, Rollstuhlfahrer, Aktivist zu Zeiten, als es das Wort noch gar nicht gab. Da kriegen die Sätze eine andere Dimension. 1995 diktierte er sie mir in den Block. Ich habe sie später oft zitiert – als Theatermacher beim inklusiven Berliner Theater Thikwa, wenn Publikumsdiskussionen mal wieder in ­mitfühlend nivellierende Groß­umarmungen mündeten mit dem Tenor, dass wir doch alle ein bisschen behindert seien.

Foto: Sabine Eckert
Begriff Behinderung nicht als Leiden, sondern als Bestandteil seines Seins – Peter Radtke (1943–2020). Foto: Sabine Eckert.

Peter Radtke war nicht provokativ, er war klar. Was manchmal dasselbe sein kann. Er lebte Selbstbestimmung vor, als Menschen mit Behinderung außerhalb der TV-­Lotterieshows der ­„Aktion Sorgenkind“ (so hieß die „Aktion Mensch“ noch bis ins Jahr 2000) im öffent­lichen Leben nicht vorkamen. Nicht als ernst zu nehmende Diskurspartner und noch viel weniger als Künst­lerinnen und Künstler. Peter Radtke hat beides geändert. Kämpferisch und beharrlich. Er studierte Romanistik und Germanistik, beileibe keine Selbstverständlichkeit für einen schwerbehinderten Menschen in den 1970ern. Immer unterstützt von seinen Eltern – der Vater Schauspieler, die Mutter Krankenschwester. Das hat er immer wieder erzählt. Sie gaben ihm wohl sein Selbstvertrauen mit. Und sein Selbstbewusstsein, auf einer Bühne zu (be-)stehen. Gleich in seiner ersten Arbeitsstelle, als er für die Münchner Volkshochschule ein Behindertenprogramm aufbauen sollte, installierte er einen Theaterkurs, an dem er selbst teilnahm. Das Ergebnis war das Stück „Licht am Ende des Tunnels“, in dem wohl zum ersten Mal in der bundesdeutschen Geschichte reale Menschen mit Behinderung auf einer staatlichen Bühne standen, im kleinen Theater der Jugend in München zwar und wenig beachtet, aber immerhin. Program­matisch souverän, schon im Namen, ­danach das Münchner Crüppel Cabaret: ­Radtkes ­erstes Theaterstück Nachricht vom Grottenolm, das ­exemplarisch einen Tag im Leben eines ­Rollstuhlfahrers beschreibt, ­erregte 1981 im Jahr der Behinderten wohlwollende Aufmerksamkeit.

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Leben, nicht verzweifeln!

Die Berliner Schauspielerin Vidina Popov kann über furchtbare Dinge lachen und wirft sich mit Wucht ins Unbekannte

Gegen rechte Normalisierung

Die Sozialwissenschaftlerin Esra Küçük und der Regisseur Milo Rau über Theater in Zeiten rechter Gewaltpolitik im Gespräch mit Dorte Lena Eilers und Anja Nioduschewski

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Dorte Lena Eilers

Dorte Lena Eilers

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Christine Wahl

Christine Wahl

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann