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Von Thälmann bis Rackete

Die Berliner Schaubude veranstaltet eine gelungene Hybridversion ihres Festivals der Dinge

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Vielleicht kommt der Tod ja als Maschine – Die Berliner Schaubude untersucht wie hier in „1/0/1 robots – hacking the binary code“ der Gruppe Manufaktor das Verhältnis von Menschen, künstlicher Intelligenz und Robotern. Foto Julie Sievert / Gilda Coustier
Vielleicht kommt der Tod ja als Maschine – Die Berliner Schaubude untersucht wie hier in „1/0/1 robots – hacking the binary code“ der Gruppe Manufaktor das Verhältnis von Menschen, künstlicher Intelligenz und Robotern. Foto Julie Sievert / Gilda Coustier

Es gibt noch Überraschungen im kontaktgebremsten Pandemieherbst. Beim Festival der Dinge, dem Objekttheaterfestival der Berliner Schaubude, entsteht tatsächlich eine Art ­Begegnungsraum. Jedenfalls dann, wenn man sich die App „Nur für einen Tag“ auf Smartphone oder Tablet herunterlädt und von der Schaubude aus eine GPS-geleitete Suche nach Skulpturen im Stadtraum beginnt.

Die Bilder des Kameraauges werden auf dem Bildschirm mit abstrakten Zeichen und Symbolen überlagert. Unter die Auf­nahmen real entgegenkommender Passanten mischen sich bald auch Silhouetten digitaler Figuren. Man ist plötzlich inmitten einer ­digital erweiterten Gemeinschaft. „Nur für ­einen Tag“ lenkt den Weg dann zu Denk­mälern im öffentlichen Raum. An den antifaschistischen Widerstandskämpfer Anton Saefkow wird erinnert – und diese Erinnerung mit der Frage an die Heldinnen und Helden unserer Zeit verknüpft. Natürlich fallen einem die ­offiziell auserkorenen Pandemiehelden an Supermarktkassen und auf Intensivstationen ein. Zu Heldinnen und Helden wurden sie, weil sie ihr gewöhnliches Tagwerk in ungewöhnlichen Zeiten weiter verrichteten; der Kontext sorgt hier für Heldentum, nicht die Tat selbst – womöglich schlummert hier ein neuer Ansatz für Dramatik. Die App führt dann aber auch die Stimme von Carola ­Rackete ein, der Kapitänin, die auf dem ­Mittelmeer Leben rettet. Als Heldin ist sie mit den Pandemieheldinnen verwandt, weil sie tut, was Schiffsführerinnen auf See tun, wenn sie Menschen in Seenot begegnen. Zugleich wagt sie mehr als normal, setzt sich der Gefahr von Strafverfahren aus.

Der Denkmal-Parcours „Nur für einen Tag“ führt natürlich auch zum nahen Thälmann-Denkmal, einem gewaltigen Klotz inmitten von Grün – und zu gewaltig, um schnell geschleift zu werden. Ums Denkmal herum, auf virtuelle Sockel, die einem realen Stadtraumverhübschungsprojekt entnommen sind, soll man dann eigene Botschaften ­schreiben, fordert die App. Manche haben das tatsächlich gemacht. Spuren des blauen Fettstifts, der auch zum eigenen Equipment gehört, sind auf dem steinernen Boden zu entdecken. „Utopie“ ist noch zu lesen, „Red Memories“ ebenfalls: „Rote Erinnerungen“. Anderes ist verwischt. Aber man taucht in Spuren anderer Nutzer ein, ebenso beim ­Vorbeilaufen an virtuellen Bäumen, die Botschaften enthalten.

„Nur für einen Tag“, geschaffen von Fabian Raith, einem Studierenden der Abteilung Puppenspiel der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, ist ganz beson­deres Objekttheater. Es animiert mithilfe digitaler Überschreibungen feste Körper im Stadtraum. Das Projekt ist pandemietauglich, denn Teilnehmende huschen jeweils allein mit ihrer mobilen Bühne über die Bürger­steige. Und es knüpft Verbindungen, trotz ­aller Einzelgängerei mit dem Smartphone.

Festivalatmosphäre selbst konstatiert der Schaubuden-Chef und Festivalmacher Tim Sandweg rückblickend auch bei den ­anderen, den gestreamten Formaten: „Durch die Einbettung der Streams in eine Be­grüßung und ein Gespräch mit den Künstlerinnen und Künstlern danach entstand eine Gemeinschaft. Das Gefühl wurde noch dadurch verstärkt, dass bei vielen Streams und ­Diskussionen dieselben Personen anwesend waren. Man begegnete sich wieder, wie bei einem klassischen Festival.“

Im Vergleich zu einer Bespielung der Schaubude selbst unter den Pandemie­einschränkungen kamen virtuell sogar mehr Zuschauer, als real in den Theatersaal gedurft hätten, bilanziert Sandweg. Neues Publikum bestand aus Personen, die gar nicht in Berlin waren, sich aber aus der Ferne zuschalteten, und auch solchen, die sich dank der Streams nicht wie bei herkömmlichen Theater­besuchen um Kinderbetreuung kümmern mussten.

Inhaltlich stach aus dem Programm, das das Verhältnis von Menschen, künstlicher Intelligenz und Robotern als zeitgenössischer Form von Puppen untersuchen wollte, die Performance „Dingwesen“ der Wiener Forschergruppe H.A.U.S. heraus. Hier interagieren zwei humanoide Pepper-Roboter nicht nur mit einer Tänzerin. Sie ahmen mittels Kinect-Technik auch die Bewegungen einer Programmiererin nach. Die Interaktion zwischen Mensch und Roboter beschränkte sich also nicht auf die den Zuschauerinnen und Zuschauern meist unzugängliche Ebene des Programmcodes, sondern findet visuell nachvollziehbar statt.

Aufbauend auf den Erfahrungen des Festivals will die Schaubude auch im Dezember zahlreiche Produktionen auf der Bühne spielen, sie live aufzeichnen und streamen. Für den Zeitraum nach der Pandemie kann sich Sandweg Hybridformate aus Livespiel mit Publikum und parallelem Stream für alle ortsabwesenden Interessierten vorstellen. Das klingt glatt nach Theater des 21. Jahrhunderts. //

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