Kolumne

Na, wieder nüchtern?

Wie der Regisseur Visar Morina von der Einsamkeit erzählt

von

Kolumnistenfoto: Ralph Hammerthaler
                                                                  Kolumnistenfoto: Ralph Hammerthaler

Applaus tut gut, aber nicht immer. Die demütigendste Art des Applaudierens habe ich in Visar Morinas Film „Exil“ gesehen, als der Beifall von Kollegen über den aus Kosovo stammenden Ingenieur Xhafer niedergeht. Seit einiger Zeit schon hat Xhafer den Eindruck, dass in der Firma alles gegen ihn läuft, ja, dass er gemobbt wird. Woher kommen Sie, aus Kroatien?, fragen sie immer wieder. Und auch der Chef fragt ihn danach, ehe er seine selbstgefällig weltläufige Rede mit einer Pointe versieht. Die Pointe heißt Xhafer. Darauf klatschen sie alle, ganz so, als würden sie ihn trocken schnalzend auspeitschen.

Geht es Ihnen gut? Geht es Ihnen wirklich gut? Nach und nach befallen Xhafer Zweifel. Einmal, auf einem Filmfestival, sagt Visar, hat ein mächtiger Fernsehmensch einen Schauspieler mit den Worten begrüßt: Na, wieder nüchtern? Der Schauspieler wusste nicht, was das sollte. Und jetzt stell dir vor, du würdest dasselbe dreimal am Tag gefragt. Na, wieder nüchtern? Da würdest auch du anfangen zu zweifeln, und zwar an dir selbst.

Eigentlich wollte ich Visar zu einem Spaziergang überreden. Weil sich so das Gespräch von selbst ergeben hätte. Aber dann stellte sich heraus, dass er bereits in München war, um in den Kammerspielen die Uraufführung von „Flüstern in stehenden Zügen“ zu inszenieren, das neue Stück von Clemens J. Setz. Jetzt haben sie sich also, sag ich mir, einen Filmregisseur geangelt, obwohl ich weiß, dass ihm das Theater nicht fremd ist. An der Berliner Volksbühne assistierte er bei René Pollesch. Ohne Spaziergang bleibt nur eine Videoschalte, so machen es alle und heute auch wir. Als er in seiner Theaterwohnung auf dem Bildschirm erscheint, frag ich ihn, ob etwas Bayerisches zur Ausstattung gehört. Kurz überlegt er, dann schweift sein Blick herum, bevor er aufsteht und nach einem Buch greift. „Fünfzig Dinge“, heißt es, „die erst ab fünfzig richtig Spaß machen“. Ein Maßkrug wäre mir lieber.

Spaß wollen auch Polizisten haben, serbische Polizisten zum Beispiel in Kosovo. In den Neunzigern schikanierten und misshandelten sie die albanische Bevölkerung. Ein Polizist zückt die Trillerpfeife, damit das Auto stehen bleibt, und als der Fahrer aussteigt, um zu hören, worum es geht, dreht er sich weg. Der Fahrer steigt wieder ein und fährt langsam an, als die Trillerpfeife erneut ertönt. Wieder steigt der Fahrer aus, und der Polizist dreht sich weg ... Das ist eine der wenigen Szenen, die in „Babai“ den zeithistorischen Hintergrund markiert. Recht viel mehr braucht Visar nicht, um Flucht zu begründen. Babai bedeutet Vater. Sein erster Spielfilm erzählt vom zehnjährigen Nori, der seinen Vater erst an der Flucht zu hindern versucht, sich einmal sogar vor den Bus wirft, und dann, als der Vater entkommt, ebenfalls flieht, um ihn in Deutschland aufzuspüren. Das dramatische Geschehen wird in ruhigen Bildern und langen Einstellungen erzählt, die ­Kamera vertraut den Gesichtern. Unterschwellig aber vibriert ­dieser Film. Rette sich, wer kann.

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