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Der Sozialismus lebt – im Wiener Untergrund

Das österreichische Performancekollektiv Nesterval verstrickt sein Publikum in kluge Mitbestimmungsspiele

von

Foto: Alexandra Thompson
                                                                                              Foto: Alexandra Thompson

Man könnte das seit 2010 aktive und in Wien ansässige queere Performancekollektiv Nesterval durchaus als einen der ganz wenigen Gewinner der Corona-Krise unter den Kunstschaffenden bezeichnen. Im Pandemiejahr 2020 erhalten sie für ihre Produktion „Der Kreisky-Test“, die analog geplant war und dann als eine der ersten „Stay at home“-Performances im April via Zoom Premiere feierte, den Nestroypreis in der Kategorie „Corona-Spezialpreis“. Noch im vergan­genen November legte das vor ­Kreativität strotzende Kollektiv mit „Goodbye Kreisky“ eine Fortsetzung jener partizipativen Online-Per­for­mance um eine alternative sozia­­listische Gemeinschaft im Wiener ­Untergrund vor, die den Erstling tech­nisch und ästhetisch sogar noch zu toppen vermochte.

Frau (Teresa) Löfberg und Herr (Martin) Finnland, die beiden künstlerischen Köpfe des Kollektivs, versammeln für ihre Produktionen ein Ensemble von bis zu 30 professionellen wie Laien-Darstellerinnen und -Darstellern. Zu ihren Markenzeichen gehören erstens die narrative Rahmung ihrer Stoffe als Geschichte(n) der namengebenden, fiktiven deutsch-österreichischen Familiendynastie Nesterval; zweitens die Entwicklung dezidiert spielförmiger Theaterformate, die von Schnitzeljagden im Stadtraum bis zu interaktiven Performance-Installationen reichen, und drittens Gender-Fluidität, die sich auf den Ebenen der Besetzung und Figurenentwicklung bis hin zu Darstellungsweisen erstreckt.

Darüber hinaus kombiniert Nesterval häufig klassische Stoffe mit popkulturellen Welten, etwa „Dirty Dancing“ und Goethes „Faust“ zu „Dirty Faust“ (2017). Inspiriert von den immersiven Performance-Installationen der britischen Kompagnie Punchdrunk arbeitet auch Nesterval mit komplexen, multisensorisch erfahrbaren Szenografien, aufwendig gestalteten soundscapes, eigenen Songs sowie interaktiven Elementen ­zwischen Zuschauenden und Darstellenden. Herzstück ihrer ­Arbeiten bildet ein Spielauftrag an das teilnehmende Publikum, das zu Beginn einer jeden Produktion in Kleingruppen aufgeteilt wird. Dieser Spielauftrag unterscheidet ­Nestervals Arbeiten auch von den immersiven Signa-Produktionen, mit denen sie in Kritiken immer wieder (fälschlich) verglichen werden.

Wenngleich die leiblich erfahrbare Dimension des Spiels in den „Kreisky“-Online-Produktionen notwendig zurückgenommen ist, so schaffen sie es dennoch, uns in die Welt um Gertrud Nesterval und ihre streng sozialistische Unter­grund­gemeinschaft einzubeziehen. Einzelne Zuschauerinnen und Zuschauer dürfen zum Beispiel entscheiden, welche Szenen sie sehen oder mit welchen Figuren sie „live“ ins Gespräch kommen wollen. Während es im ersten Teil darum geht, als Publikum gemeinsam aus­zu­wählen, wer an dem gesellschaftlichen Experiment teilnehmen darf, stimmt man im zweiten Teil über das künftige Verbleiben jener Teilnehmenden ab, die überlebt haben: Integriert man sie in unsere heutige pluralistische Gesellschaft, oder stellt man sie im fiktiven Nesterland-­Themenpark aus?

Es wundert nicht, dass das überaus spielfreudige und ­enthusiastische Nesterval-Publikum in Österreich über die Jahre zu einer großen Fangemeinschaft angewachsen ist, die durch Spenden sogar Wiederaufnahmen von Produktionen ermöglicht – ein Phänomen, das in Deutschland auf diese Weise nicht bekannt ist. Auf dass diese Community nun verdienterweise wachse und weitere modellbildende Formen der Publikums­einbeziehung gemeinsam auf wie auch hinter der Bühne hervorbringe! //

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