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Das Prinzip Volksbühne

Revolution und Zweifel – Die wunderbar anarchische Webserie „Rosa Kollektiv Oder: Aktiviere dein inneres Proletariat“ von Christian Filips und Luise Meier

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Wie dreht man eine Fernsehserie über Rosa Luxemburg? – Vielleicht so: „Rosa Kollektiv Oder: Aktiviere dein inneres Proletariat“ (hier mit Steve-Leo Mekoudja). Foto Johannes Jost
Wie dreht man eine Fernsehserie über Rosa Luxemburg? – Vielleicht so: „Rosa Kollektiv Oder: Aktiviere dein inneres Proletariat“ (hier mit Steve-Leo Mekoudja). Foto Johannes Jost

Theater ist oft gnadenlos. Etwa in seiner Vergesslichkeit. Nicht erst seit Heiner Müller ist klar, dass dramatische Kunst aus der Beschäftigung mit der Vergangenheit resultiert, und doch verkommt das Theatererlebnis oft zu bloßer Gegenwart, die auch ein mangelndes Gedächtnis bedeutet. Was bleibt vom Theater des 20. Jahrhunderts und seiner Akteure jenseits der großen Namen?

Armand Gatti (1924–2017) zum Beispiel, der aus Frankreich stammende antifaschistische Dramatiker, ist verschwunden von den Bühnen, die ihm im deutschsprachigen Raum ohnehin schwer zugänglich waren. Umso erfreulicher, dass Gattis Stück „Rosa Kollektiv“ (1973) wieder ins Gedächtnis zurückgerufen wird. Ein ebensolches Rosa Kollektiv hat sich formiert um den Regisseur Christian Filips und die Autorin Luise Meier, das kämpferische Werk an dem Ort zu zeigen, wo es gespielt gehört: in der Volksbühne Berlin, die ehemals den Hinweis „am Rosa-Luxemburg-Platz“ im Namen trug. Unter dem vielsagenden Titel „Rosa Kollektiv Oder: Aktiviere dein inneres Proletariat“ nimmt die anarchische Volksbühnenarbeit ihren Lauf.

In Gattis Stück geht ein Kollektiv der Frage nach, wie man eine Fernsehserie über Rosa Luxemburg machen könnte, die schließ­lich der gegensätzlichen Positionen wegen nicht zustande kommt. Nicht ganz unironisch kann die Arbeit von Filips coronabedingt nicht pünktlich zu Luxemburgs 150. Geburtstag am 5. März auf die Bühne kommen. Dafür wird nun der Stoff über das gescheiterte Fernsehspiel als Webserie produziert. Ein intermediales Vexierbild. Zum Jubiläum ist dann mit elf Folgen und dem großen Staffelfinale zu rechnen. Dass dieser Schritt nicht als Not­lösung zu verstehen ist, wird in der Ankündigung der Volksbühne deutlich: „Der Sieg wird nur durch eine Reihe von Niederlagen errungen, heißt es bei Rosa Luxemburg. Getreu diesem Motto wirft sich Rosa Kollektiv in einen Produktionsprozess mit offenem Ende.“

Die 45-minütige erste Folge mit dem agitatorischen Titel „Rosa Erlösung – Erlöst euch selbst“ ist seit dem 24. Dezember ab­rufbar und schießt – na klar – gegen den Feier­tagswahnsinn oder, um es mit den Worten des Kollektivs zu sagen: gegen die „kleinbürgerliche Scheißfamilie“. Mit rot gefärbtem christlichem Vokabular entwickeln die Spieler eine Erlösungs­poesie. Das ist allerdings keine Bibelstunde, sondern ein trashiger Lektürekurs der Roten Fahne, eingebettet in eine pandemische Betriebsweihnachtsfeier und proletarisches Krippenspiel. Das Credo der Kneipensozialisten lautet: „Wenn jeder nur so viel trinken würde, wie er selber braucht, um in einen vollständigen Rausch zu gelangen, und den Rest der Flasche den anderen ließe, dann wären alle betrunken.“ Und so steht Folge zwei, nur sechs Minuten kurz, im Zeichen einer postalkoholischen Melancholie. Unter dem Namen „Massenkater (Teaser)“ bereitet das Kollektiv mit Rainer Werner Fassbinder auf den Neujahrstag und den obligatorischen Hangover vor.

Aber erst in der dritten Folge („Von allen guten Massen / verlassen. ,Die Spartakuswoche‘“) erreicht die Serie eine an der Volksbühne altbekannte Qualität. Verwirrspiel und Klamauk bilden nur das Gerüst, um in die Tiefe zu gehen. Das gelingt auch deshalb, weil das Kollektiv den Historiker Jörn Schütrumpf zu Wort kommen lässt, der zur Entzauberung der Revolutionstraumwelt beiträgt. Zwischen literarischen Versatzstücken – von Ernst Toller und Alfred Döblin – wird auch der Verweis auf Popsternchen Beyoncé und ihren Appell „Let’s get in formation“ nicht gescheut. Im Wochentakt soll so revolutionäre Selbstvergewisserung und revolutionärer Zweifel eingeübt werden.

Die subversive Tat besteht jedoch auch darin, dass an der Volksbühne allen umfassend besprochenen Schwierigkeiten der letzten Jahre zum Trotz eine spezifische linke Tradition aufrechterhalten werden konnte. Der große Konsolidator Klaus Dörr, noch angetreten als rettender Helfer unter Chris ­Dercon, hat eine schwierige Aufgabe, ohne langfristige Planungsmöglichkeiten Theater anzubieten und ein Publikum anzuziehen, das doch eigentlich nur auf René Pollesch wartet. In dieser Gemengelage passiert wie nebenbei das eigentlich spannungsgeladene Theater, wenn beispielsweise P14-Veteranen das Große Haus übernehmen, wie bei Bonn Parks Tschechow-Überschreibung „Drei Milliarden Schwestern“ geschehen. Aber auch Filips’ Serienformat, für das die langjährigen Schauspieler des Hauses Margarita Breitkreiz und Maximilian Brauer vor die Kamera treten, knüpft an das Volksbühnenprinzip seit 1992 an. //

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