Gespräch

Was macht das Theater, Angela Richter?

von und

Angela Richter, wann haben Sie Julian Assange das letzte Mal gesehen, und unter welchen ­Bedingungen?

Das war im Dezember 2019, in der ­ecua­­dorianischen Botschaft, etwa vier Monate vor seiner Verhaftung. Er war in einem elenden, schockierenden physischen Zustand. Im Belmarsh-Gefängnis, in dem er jetzt ist, sind die Bedingungen ebenfalls hart, wie ich aus seinem Umfeld erfahren habe. Die Heizungsanlage setzt aus, wenn die Temperaturen unter null Grad gehen. Also stopft er alle seine Bücher in die Fenster, um so die Kälte draußen zu halten.

Das Londoner Gericht hat entschieden, dass er nicht in die Vereinigten Staaten ausgeliefert werden darf. Ist das ein Sieg, ein halber Sieg oder ein Pyrrhussieg?

Es ist ein toxisches Urteil. Aus der Sicht der Richterin ist es sehr clever. Sie hat den USA in allen Punkten Recht gegeben und gleichzeitig gesagt, er könne nicht in die USA ausgeliefert werden, weil er im dortigen Supermax-Gefängnissystem selbstmordgefährdet sei. Das hat sie im Prozess auch ausführlich dargelegt. Für den Journalismus ist es aber eine Katastrophe, weil damit der investigative Journalismus kriminalisiert wird. Es ist das erste Mal, dass ein Journalist auf der Grundlage des Espionage Acts angeklagt wird.

Der 1917 in Kraft getretene Espionage Act wurde zunächst herangezogen, um damalige Gewerkschafter und sozialistische Politiker in den USA vor Gericht zu bringen. In den letzten Jahren wurden vor allem Whistleblower angeklagt wie die NSA-Aussteiger Edward Snowden und Thomas Drake, der CIA-Aussteiger John Kiriakou sowie aktuell eben Assange. Sie haben Theaterproduktionen zu Assange und anderen Whistle­blowern kreiert. Was macht diese Menschen für Sie zu dramatischen Helden?

Faszinierend finde ich den Mut, den sie haben. Auf kleinerer Ebene, im Theaterbetrieb zum Beispiel, gibt es ja auch Intrigen und Unterdrückung von Schwächeren. Selten macht dort jemand den Mund auf. Wenn es aber passiert, dann hat derjenige, der die Missstände aufdeckt, der die schlechte Nachricht bringt, verloren. Schon in solchen Fällen ist es nicht einfach, die Wahrheit auszusprechen. Wenn man sich aber anschaut, was Whistleblower leisten, übersteigt es das ­eigene Fassungsvermögen. Sie haben etwas, das wir anderen nicht haben.

Und was genau?

Sie sind alle sehr unterschiedliche Charaktere. Aber was mir aufgefallen ist, bei Snowden, bei Assange, bei Drake und all den anderen, die ich mehrfach getroffen habe: Sie haben alle extrem hohe Standards, an die sie sich auch halten. Wir alle haben sehr hohe Standards. Aber wenn es darum geht, danach zu handeln, gibt es oft eine große Diskrepanz zwischen Tat und Wort. Das sehe ich auch an mir selbst. Diese Leute indes machen, was sie sagen. Deshalb respektiere ich sie sehr.

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