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Was ist möglich? Alles!

Das Staatstheater Augsburg erfindet bahnbrechende VR-Theater-Welten – Ein Hausporträt

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 Szenen aus der von Christian Schläffer kreierten VR-Unterwelt aus der Hybridoper „Orfeo ed Euridice“ am Staatstheater Augsburg. Fotos Christian Schläffer
Szenen aus der von Christian Schläffer kreierten VR-Unterwelt aus der Hybridoper „Orfeo ed Euridice“ am Staatstheater Augsburg. Foto Christian Schläffer

Wie stößt man vor in unbekannte Dimensionen? Zum Beispiel in die Unterwelt, aus der noch kein Mensch zurückgekehrt ist, weshalb auch niemand aus eigener Anschauung berichten kann? Literaten hat das über die Jahrhunderte nur umso stärker beflügelt, sich diesen Ort in leuchtendsten Farben auszumalen. Man denke nur an Dantes Inferno. Aber wie stellt man Hades, Hölle oder auch Himmel auf dem Theater dar, ohne dass es nach Kinderfasching oder Geisterbahn aussieht? André Bücker, Intendant am Staatstheater Augsburg, hat im vergangenen Herbst Christoph Willibald Glucks Oper „Orfeo ed Euridice“ inszeniert, die mythische Geschichte von Orpheus, der seine Geliebte aus dem Jenseits zurückholen will. Um diesen Trip für sein Publikum eindrücklich zu gestalten, arbeitete Bücker mit Virtual-Reality-, kurz VR-Brillen, die Bewegtbilder zeigen, in denen man sich umschauen kann: 360 Grad einmal komplett um die eigene Achse, aber auch nach oben oder unten. Die Brillen wurden unter den Sitzen deponiert, die Zuschauer dazu aufgefordert, sie an den entsprechenden Stellen in der Handlung aufzusetzen, um so als „Wanderer fremde Welten staunend zu durchstreifen“, wie Bücker es beschreibt.

Die erste Etappe führte durch eine dystopische Stadtszenerie, es folgte das Elysium, hier eine Art Fantasy-Wellnesslandschaft, ehe bei der dritten Station das Idyll ironisch gebrochen wurde. Die VR-Technik ermöglichte ein Theatererlebnis, das ebenso wenige Grenzen kennt wie die schriftstellerische Fantasie – für André Bücker so faszinierend wie fordernd, ja zunächst sogar überfordernd: „Im Theater ist man ja ‚limitiert‘ durch den Raum. Man kennt die Maße der Bühne, auch der Unter- und Seitenbühne, weiß um die Kapazitäten des Schnürbodens und die Sichtlinien. Das definiert immer auch die künstlerische ­Arbeit.“ Als er sich zum ersten Mal mit den VR-Fachleuten ­zusammengesetzt habe, um zu fragen, was denn da nun alles möglich sei, habe er zur Antwort bekommen: „Alles!“, erinnert sich Bücker. „Und das ist natürlich Wahnsinn, weil es für Theatermenschen echt schwer zu denken ist, dass sich der Raum auflösen kann.“

Die Experten, mit denen Bückers Theater zusammenarbeitet, kommen von der Augsburger Heimspiel GmbH, die sonst vor allem Werbefilme und Videoclips produziert. Geschäftsführer ­Felix Patzke berichtet von einem zwölfköpfigen Team, das etwa ein Jahr lang Orpheus’ Unterwelt entwickelt hat; darunter auch Art-Direktor Christian Schläffer, den Patzke als „virtuellen Bildhauer“ bezeichnet, dessen Arbeit aber erst einmal mit Zeichnungen auf Papier begann. Das ist im Grunde nicht anders als bei Bühnenbildnern, nur dass sich Schläffer keine Gedanken drüber machen musste, ob sich seine Entwürfe später dann auch bauen lassen. Anything goes am Computer. Das kann aber auch eine Falle sein: Man muss höllisch aufpassen, sich nicht in Spielereien zu ver­lieren, die nur der Begeisterung für die technische Machbarkeit geschuldet sind. „Für mich war es immer eine wichtige Frage, wie man VR im Theater so einsetzt, dass es dafür eine dramaturgische Notwendigkeit gibt“, betont Bücker. Glucks „Orfeo ed Euridice“ bot ihm eine Steilvorlage: Die Ausgestaltung eines surrealen ­Jenseits schrie förmlich nach der VR-Technik.

Die Opernproduktion war im Frühjahr 2020 bereits geplant und die stattliche Anzahl von 550 Brillen längst angeschafft, als die Theater von der Pandemie ins Purgatorium des Lockdowns gezwungen und von der Politik dort vergessen wurden. Während viele Theater auf die Erlösung aus dem Fegefeuer gekränkter Eitelkeit warteten, ging Augsburg sofort mit einer Idee an den Start, nämlich Inszenierungen mit 360-Grad-Kameras aufzuzeichnen, auf VR-Brillen zu speichern und den Zuschauern nach Hause zu schicken. Gleich im ersten Lockdown ging es los. Lot Vekemans „Judas“-­Monolog mit dem Schauspieler Roman Pertl war die erste Produktion, die Anlage des Ganzen noch relativ simpel und eher statisch (ein Darsteller, eine Location), aber die Experimentierfreude wuchs rasch. „Bald kam das Ballett dazu, mit mehreren Akteuren und viel ­Bewegung“, ­berichtet Felix Patzke, mit dessen Agentur Heimspiel das Staats­theater Augsburg auch nach „Orfeo ed Euridice“ weiter zusammen­arbeitet, obwohl für die neuen Inszenierungen keine virtu­ellen Sets programmiert werden müssen. Sämtliche VR-­Thea­ter­produk­tionen wurden an realen Schau­plätzen aufgenommen; „Judas“ etwa in einer Kapelle oder David Mamets „Oleanna“ in einer ­Bibliothek sowie auf einem Hühnerhof. Einige Stücke spielten schlichtweg auf Bühnen. Es gehe nicht darum, Film-Realismus zu bedienen, sagt Patzke. Trotz Kameraeinsatz hätten die ­VR-Brillen-­Produktionen mehr mit Theater als mit Kino zu tun. „Die Szenen laufen am Stück ab, es gibt keine Schnitte und auch keinen Wechsel zwischen Totalen und Close-ups. ­Außerdem entscheidet kein Kameramann oder Regisseur, wo der Zuschauer hingucken muss, jeder sucht sich seinen Blick ­selber aus.“

„Es ist ein bisschen wie ein neuer Theaterraum“, pflichtet Tina Lorenz bei. Sie ist studierte Theaterwissenschaftlerin, aber „im Chaos Computer Club groß geworden“ und seit 2020 Projekt­leiterin für Digitale Entwicklung am Staatstheater Augsburg. Zu ihren Aufgaben gehört unter anderem, sich Gedanken zu machen, welche Stoffe sich für die VR-Bühne eignen. Jeder Raum habe seine eigenen Gesetze, ist sie überzeugt, also auch der virtuelle: „Sie würden fürs Studiotheater ja auch nicht so inszenieren, wie Sie für die große Opernbühne inszenieren. Sondern Sie wissen, was es braucht, um den jeweiligen Raum zu füllen. Bei VR ist es so, dass es ein zeitliches Limit gibt. 30 Minuten sind eine gute Länge. ‚Oleanna‘ dauert sogar fast anderthalb Stunden. Das ist tatsächlich der Versuch zu schauen: Wie lange ist es angenehm, so eine Brille zu tragen? Es erfordert nämlich Konzentration und fühlt sich ­un­gewohnt auf dem Kopf an.“

Manchen Zuschauern wird leicht flau im Magen, wenn sie sich zu ausgiebig mit der Brille im virtuellen Raum umschauen. Trotzdem wird das Angebot keineswegs nur von Computernerds angenommen. Die Stücke starten auf Knopfdruck, die Bedienung ist also simpel, damit kein Technikfrust aufkommt, und die ­Nachfrage auch dank älterer Abonnenten ist so hoch, dass das Theater schon Brillen nachordern musste, weil alle vorhandenen dauerhaft im Umlauf sind. Sie werden mit Paketdiensten verschickt, der Rücksendeschein liegt bei. Auch das ist unkompliziert.

Das Theater kommt nach Hause. Und doch haben viele Zuschauer das Gefühl, selbst im Theater zu sein. VR-Aufführungen würden ein Gefühl von Co-Präsenz vermitteln, hat Tina Lorenz festgestellt. Und: „Es ist stark von den Schauspielern gesteuert.“ Tatsächlich hat man in den Augsburger Produktionen nicht das Gefühl, die Schauspieler würden für die Kamera spielen, sondern mit ihr. Sie entscheiden, wann sie nahe an die Linse herantreten oder aber Abstand halten. Schlussendlich muss sogar der Regisseur ihnen den Raum überlassen. Die 360-Grad-Kamera kennt kein Dahinter, wo man sich ver­stecken könnte. Ein paar Anweisungen, ehe die Aufnahme startet, dann muss auch die Regie sich verziehen, um nicht mit im Bild zu hocken.

Die VR-Brillen-Stücke haben zudem den Vorzug absoluter Niedrigschwelligkeit. Sie lassen sich auch an Menschen verschicken, die sonst nicht ins Theater kommen können. Und vielleicht ­wecken sie Neugier bei denjenigen, die sonst nicht ins Theater kommen würden. Eine Hoffnung, die viele Häuser ins Digitale setzen. Das Staatstheater Augsburg experimentiert daher auch mit einem interaktiven Daily-Soap-Format auf dem Videoportal Twitch.tv. Dort sind sonst vor allem Gamer unterwegs, die sich nun unter Umständen schon mal in dieses Theaterprojekt verlaufen. Dass sie dabei fürs Theater angefixt werden könnten, ist für Tina Lorenz allerdings eher ein positiver Nebeneffekt. Noch mehr begeistert sie, dass im virtuellen Raum Theaterfans und Computernerds aufeinandertreffen. „Das finde ich am allerbesten, wenn sich die Bubbles ­auflösen.“ Und wenn alle gemeinsam Neuland betreten: „Wenn Sie ins Theater gehen, wissen Sie genau, wie Sie sich zu verhalten haben. Sie geben Ihren Mantel ab, wissen, dass Sie keine Getränke mit reinnehmen dürfen, das Licht geht aus und so weiter. Online gibt es diese Verabredungen noch nicht. Wir müssen sie neu ­erfinden.“

Für Intendant André Bücker ist es gut vorstellbar, dass sein Haus noch viele neue Formate mit neuen Regeln entwickelt. Demnächst sei eine VR-Produktion in Gebärdensprache geplant. Auch mit digitalen Publikumsgesprächen habe man sehr gute ­Erfahrungen gemacht, die seien hierarchiefreier, weil nicht die Künstler im Rampenlicht und die Zuschauer im Dunkeln säßen. Viele würden sich im Digitalen eher trauen, Fragen zu stellen. Das alles und mehr gelte es auszubauen, sagt Bücker, auch über die Pandemie hinaus, die „so ein bisschen der Katalysator“ für die digitale Entwicklung gewesen sei, wie Tina Lorenz ergänzt. Trotz der Beschleunigung ist noch viel Pionierarbeit zu leisten. Das fühlt sich für Lorenz fast ein wenig undergroundmäßig an – weil experimentiert wird und auch mal etwas schiefgehen darf. „Es muss nicht alles gleich staatstragend sein. Wir erschaffen hier eine andere Theaterkultur, als wenn wir sechs Wochen proben, und dann soll alles perfekt aussehen.“

Klingt so, als stieße das Staatstheater Augsburg gerade wirklich in eine andere Dimension vor. //

Quelle: https://www.theaterderzeit.de/2021/04/39543/komplett/