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Ballade über das Verheimlichen weiblicher Autorschaft

Das digitale Brechtfestival 2021 in Augsburg stellt die Frauen in den Vordergrund, die zeitlebens mit Bertolt Brecht gearbeitet haben

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Brechts feministische Ader – Katia Fouquets Trickfilm adaptiert „Die unwürdige Greisin“ als Geschichte weiblichen Empowerments. Illustration Katia Fouquet / Brechtfestival
Brechts feministische Ader – Katia Fouquets Trickfilm adaptiert „Die unwürdige Greisin“ als Geschichte weiblichen Empowerments. Illustration Katia Fouquet / Brechtfestival

„Ich glaube, dass Du ein wenig betrübt bist, weil auf dem Theater nichts los ist“, schrieb Bertolt Brecht 1933 aus der Schweiz an Helene Weigel. Die Nazis hatten die Macht ergriffen, Brecht ging ins Exil. Heute sorgt Corona für Betrübnis, dass auf dem Theater nichts los ist. Für das Augsburger Brechtfestival 2021 lasen Charly Hübner und Lina Beckmann ausgewählte Passagen aus dem Briefwechsel zwischen Brecht und Weigel, vorzugsweise Texte, die in pandemischen Zeiten aufhorchen ließen. Da gibt es Erheiterndes, etwa wenn sich Brecht Zigarren der Marke Corona wünscht oder wenn er in der Schweiz aus Carona (!) schreibt, aber vor allem Ernstes, wenn er berichtet, wie ihn eine Grippe plagt oder Helene Weigel Bedenken wegen seiner Nähe zu Margarete Steffin anmeldet. Neben Eifersucht dürfte sie dabei die Sorge vor einer Ansteckung umgetrieben haben. Steffin litt an TBC.

„HelliBert und PandeMia“ hieß der ­Festivalbeitrag von Beckmann/Hübner, ein gut halbstündiger Film, in dem das Schauspielerehepaar die Korrespondenz aus dem Off vorträgt, in nüchternem Chronisten-Ton, dazu laufen Bilder (von Hübner selbst schwarz-weiß gedreht und mit Flackereffekten auf ­historische Anmutung getrimmt) aus dem winterlich verwaisten Hamburg. Nix los im Lockdown, nirgends. Auch nicht im Deutschen Schauspielhaus, wo Beckmann und Hübner engagiert sind und auf das die ­Kamera aus wehmütiger Distanz blickt.

Es ist ein bisschen heikel, wie hier die Verbannung heutiger Kulturschaffender von ihren Wirkungsstätten zusammengedacht wird mit dem Exil, in das in den 1930er Jahren Brecht (und unzählige andere Intellektuelle) flüchten mussten. Bevor sich jedoch beim Zuschauer allzu großes Unbehagen über diesen Vergleich breitmachen kann, kriegt der Film die Kurve und legt den Fokus auf die konfliktträchtige Dynamik einer Paarbeziehung unter dem Druck widriger Umstände.

Damit fügt sich der Beitrag gut ins ­Festivalprogramm, das sich in diesem Jahr Brechts Verhältnis zu Frauen widmete. Den Frauenfiguren, von denen Brecht weitaus mehr starke geschaffen hat als seine Kollegen Shakespeare, Schiller oder Goethe – von der heiligen Johanna der Schlachthöfe über den guten Menschen Shen Te bis zu Mutter Courage. Aber auch den Frauen in seinem Leben neben der gern als „Hauptfrau“ titulierten Helene Weigel, mit denen der Dichter Arbeits- und Liebesbeziehungen unterhielt, über die die Forschung bis heute streitet, ob sie denn nun symbiotisch oder parasitär waren. Brecht begegnete Elisabeth Hauptmann, Ruth Berlau oder Margarete Steffin intellektuell auf Augenhöhe, was ihn nicht daran hinderte, deren Anteil an seinen Werken nur am Rande oder gar nicht zu erwähnen. Das Brechtfestival unternahm nicht den Versuch, ein abschließendes Urteil zu fällen, sondern fächerte sein Thema in möglichst vielen Facetten auf.

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