Protagonisten

Forschen statt Spielen

Die während der Corona-Krise entwickelten Stipendienprogramme für die freien darstellenden Künste wären auch postpandemisch ein Gewinn

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Man tauscht sich aus und wird angeregt durch die #TakeCare- Residenzprogramme des Fonds Darstellende Künste – hier der Performer Jan Jedenak bei experimentellen Grenzgängen zwischen Akrobatik und Figurentheater. Fotos Malte Lengenhausen
Man tauscht sich aus und wird angeregt durch die #TakeCare- Residenzprogramme des Fonds Darstellende Künste – hier der Performer Jan Jedenak bei experimentellen Grenzgängen zwischen Akrobatik und Figurentheater. Fotos Malte Lengenhausen

Tatsächlich: Auch Glücksmomente brachte diese Pandemie – und zwar nicht nur für Maskenproduzenten, Plexiglasverbauer und Impfstoffentwickler, sondern auch für Akteurinnen und Akteure der gewöhnlich recht prekären freien darstellenden Künste.Ganz deutlich war dies bei Gesprächen über die #TakeCare-Residenz-Programme des Fonds Darstellende Künste zu spüren. Da blitzten vor Freude und Begeisterung glänzende Augen in den Videokonferenzkacheln auf.

Gedacht waren die besagten Programme als Überbrückung eines Notstands. „Es ging um den Erhalt der Struktur und der Vielgestaltigkeit der freien darstellenden Künste“, erklärt Holger Bergmann, Geschäftsführer des Fonds. „Mehr als 1100 Residenzen und Stipendien haben wir über die zwei großen Netzwerke des Bündnisses der Internationalen Produktionshäuser und des Bundesnetzwerks flausen+ inklusive der assoziierten Häuser vergeben. Das war ein Volumen von etwa 5,5 Millionen Euro allein für die Residenzen. Hinzu kamen Hostingkosten für die beteiligten Häuser“, sagt Bergmann. Insgesamt mehr als sechs Millionen Euro seien so aus Bundesgeldern zur Verfügung gestellt worden.

Die Effekte übertreffen noch die Mittel, nicht nur kurzfristig, sondern auch über die Pandemie hinaus. Denn Künstlerinnen und Künstler wie auch produzierende Häuser machten Erfahrungen, die zu neuen Arbeitsformen jenseits des gewohnten hektischen Produktionsoutputs führten. „Ich hatte das Gefühl, als gingen 100 000 Türen auf. Es entstand eine Tiefe, die, wenn ich einfach eine Produktion erarbeite, so nicht entstehen kann“, schwärmt Esther Falk, eine Figurenspielerin und -bauerin aus Stuttgart. Sie erhielt eine der insgesamt 21 #TakeCareResidenzen im Figuren- und Objekttheater in Höhe von je 5000 Euro. Angeregt von E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“, widmete sie sich dem Verhältnis von weiblichen Robotern und Männern aus Fleisch und Blut. Schnell gelangte sie dabei zum Thema des und der Anderen sowie der Gefahr, die vom anderen Körper ausgeht. Ein echtes Corona-Thema also; zumal eines, das auch noch weit über die unmittelbare Pandemie hinaus unsere Gesellschaft beschäftigen wird. Die Idee kam dabei gar nicht von der Künst­lerin selbst, sondern von Mitstreitern aus ihrem Umfeld. „Das ­Thema war weit entfernt, wie auf einem anderen Planeten. Aber durch das Stipendium konnte ich mich diesem anderen Planeten annähern und mit etwas arbeiten, das mir eigentlich fremd ist“, berichtet Falk in einem der regelmäßigen Meetings.

Künstlerinnen und Künstler, die es gewohnt sind, für Förderanträge vornehmlich aus sich selbst zu schöpfen, und die, wenn das Geld dann kommt, schnell produzieren müssen, hatten plötzlich Zeit nachzudenken, Ideen von anderen nachzugehen, die eigenen Produktionspraktiken auch infrage zu stellen: Darin liegt ein Grund für den großen Erfolg des Programms. Jan ­Jedenak, Figurenspieler aus Stuttgart, nutzte die Zeit dazu, sich Techniken der Akrobatik anzueignen, Rafi Martin studierte weibliches Selbstempowerment mit Profiboxerinnen. Die Berliner Puppenspielerin und Figurenbildnerin Annemie Twardawa dachte sich – nicht ganz unbeeinflusst von pandemischen Verhältnissen – eine Agentur für Reisen nach dem Tode aus, also von einem Himmel oder einer Hölle zu einer anderen imaginären Jenseitsdestination. Twardawa, die an der Berliner Schaubude arbeitet, weist noch auf einen zweiten positiven Effekt hin: den Austausch der Künstlerinnen und Künstler untereinander. „Man sieht, dass auch die anderen in Rechercheprozessen stecken. Man tauscht sich aus und wird angeregt“, betont sie.

Die Intendantinnen und Intendanten der beteiligten Häuser berichten ebenfalls über ganz neue und durchweg positive Erfahrungen. „Wir haben ja eigentlich keinen Produktionsetat. Über die Residenzen und Forschungsstipendien können wir nun aber auch programmatisch tätig werden“, meint der Chef der Berliner Schaubude, Tim Sandweg. „Wir wurden, weil auf einmal die Künstlerinnen und Künstler anwesend waren, forschten und probten, zu einem richtigen Produktionshaus“, bilanziert Katja Spiess, Leiterin des Stuttgarter Fitz, stolz. Diesen Eindruck bestätigt auch der Regisseur Marcus Kohlbach: „Ich habe gespürt, das Fitz ist jetzt ein Residenzhaus, ein Forschungslabor.“

Selbst größere Häuser wie das Berliner HAU Hebbel am Ufer, das zum Bündnis der Internationalen Produktionshäuser gehört und schon seit Langem Eigenproduktionen und Koproduktionen initiiert, profitiert von der neuen Förderschiene. „Wir hatten jetzt einfach die Zeit, mit Künstlerinnen und Künstlern, mit denen wir bereits länger zusammenarbeiten, intensiver und tiefer über neue Projekte zu sprechen und viel langfristiger Programme zu entwickeln“, erzählt die künstlerische Ko-Leiterin Aenne Quiñones. Jedes der sieben Häuser des Bündnisses hatte 95 Residenzen.

Das Residenzprogramm wäre, sollte es fortgeführt werden, sogar ein geeignetes Instrument für den klimagerechten Umbau der Theaterlandschaft. „Wir versuchen ja schon länger, von der Praxis wegzukommen, Künstlerinnen und Künstler aus der Ferne für nur ein, zwei Auftritte anreisen zu lassen. Wir streben längere Aufenthalte an, verbunden mit Workshop-Reihen. Die Residenzprogramme können da hilfreich sein“, überlegt Quiñones.

Auch eine Anbindung von Residenzen an Festivals wäre sinnvoll. „Im Studium hat man uns ja immer versprochen, dass es auf Festivals den großen Austausch zwischen Künstlern gibt. Aber das findet selten statt. Man kommt, tritt auf und reist wieder ab. Längere Aufenthalte sind in den Budgets gar nicht vorgesehen“, berichtet, vom Berufseinstieg ernüchtert, die Berliner Puppenspielerin Ivana Sajević. Über Residenzprogramme könnte auch hier der Austausch zwischen internationalen und lokalen Künstlerinnen und Künstlern gefördert werden. Gleichzeitig wäre es den Beteiligten so möglich, nachhaltigere Partizipationsformate mit dem Publikum zu entwickeln.

Die große Frage ist nun, wie es weitergeht. Ein Zurück zum vorherigen Zustand ist unwahrscheinlich. Zu lange schon fordern Künstlerinnen und Künstler mit ihren Interessensverbänden die Einbindung von Recherche- und Forschungsarbeiten in die Förderpraktiken und eine dementsprechende Ergänzung der reinen Produktionsförderung.

Die jetzt von immerhin mehr als 1000 Gruppen und Einzelkünstlerinnen und -künstlern im gesamten Bundesgebiet gewonnenen Erfahrungen sind pure Werbung für diese Modelle. Kurzfristig soll es erst einmal in ähnlich großem Umfang so weitergehen. Bis ins Jahr 2022 werden nach jetzigem Stand die Rettungsfonds für die Kultur verlängert. „Wir bemühen uns, in der Aufstockung der Rettungsmaßnahmen innerhalb von Neustart Kultur auch das Modul Residenzen fortzuführen“, kündigt #TakeCare-Initiator Bergmann an. Er ist vorsichtig optimistisch, dass Residenzprogramme über den unmittelbaren Pandemierahmen hinaus als Förderschwerpunkt des Bundes erhalten bleiben. „Die Pandemie hat zu einigen interessanten Modellen geführt, die man auch in Zukunft fortsetzen sollte. Das geht natürlich nur ­degressiv, nicht in den aktuellen Volumina, die einem Notstand geschuldet sind“, meint er.

Im komplexen Zusammenspiel zwischen Bund und Ländern ergibt sich ein interessanter, ergänzender Spielraum für die Bundesebene. Mehr als ein erstes Nachdenken findet dort aktuell aber nicht statt. Vor den Wahlen möchte sich traditionell niemand positionieren. An diesen eingeschliffenen Routinen ändert nicht einmal der Covid-19-Notstand etwas. //

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