Ausland

Unser Traum/Our Dream

von und

Avraham Oz, Hausregisseur am „ethnisch blinden“ Alfa Theater in Tel Aviv, über die explosive Lage in Nahost

von Herwig Lewy

Avraham Oz, Mitte Mai kam es in Israel und dem Gazastreifen zu einer erneuten Eskalation der Gewalt. Elf Tage später wurde ein Waffenstillstand ausgerufen. Was erwarten oder erhoffen Sie für die nächsten Monate mit Blick auf den Friedensprozess im Allgemeinen?

Da mit dem gesamten Krieg – bis auf ein Entfachen militärischer Provokation, mit der Netanjahu seine Position als Premierminister hätte retten können (hoffentlich ohne Erfolg) – überhaupt kein wirkliches Ziel vorlag, werden die Dinge solange beim Alten bleiben, bis ein ernsthafter und aufrichtiger Versuch unternommen wird, um eine friedliche politische Lösung zu erreichen, welche von einer vernünftigen israelischen Regierung in die Wege geleitet werden sollte.

Die Raketenangriffe der Hamas, die Mitte Mai erfolgten, waren in den Nachrichten als eine „neue Runde“ bezeichnet worden. Wie sehen Sie das?

Unglücklicherweise war diese sogenannte neue Runde keine Überraschung. Die Hauptursache dafür ist im Großen und Ganzen die Besetzung der palästinensischen Gebiete seit 1967. Insofern lässt sich in Bezug auf Israel zwar von einer Demokratie sprechen, doch existiert diese hauptsächlich innerhalb der international anerkannten Staatsgrenzen Israels und für die meisten seiner Bürgerinnen und Bürger. Die Palästinenser aber, insbesondere die Millionen, die seit 1967 sowohl im Westjordanland als auch im Gazastreifen leben, erfahren kaum echte Demokratie. Solange die Besetzung nicht beendet ist, wird es keine Möglichkeit geben für ein vollumfängliches Zusammenleben.

Am 10. Mai fand der sogenannte Flaggentanz statt, mit dem in Israel der Wiedervereinigung Jerusalems nach dem Sechstagekrieg von 1967 gedacht wird. Es gibt Stimmen, die diese Prozession als einen der Auslöser für die aktuelle Eskalation ansehen. Würden Sie dem zustimmen?

Ja. Am 10. Mai feierten die israelische Regierung und die israelischen Institutionen den jährlichen sogenannten Jerusalem­Tag. Es ist ein bewusst installierter Festtag, der von den meisten israelischen Bürgerinnen und Bürgern gar nicht als wichtig aufgefasst wird. Von der Regierung, den Massenmedien und ultranationalistischen Kreisen aber wird er mit Bedeutung aufgepumpt, um die einseitige Besatzung Jerusalems, die ohne jegliches Friedensabkommen stattfindet, weiter zu manifestieren. Teil dieses sogenannten Feiertags ist der „Flaggentanz“, halb Aufführung, halb politisches Ritual, bei dem hauptsächlich die ultranationalistischen Kreise die Autorität des jüdischen Volkes über Jerusalem aufzeigen wollen. Ein Teil dieser Prozession führt durch die östlichen, arabischen Viertel Jerusalems. Militär und Sicherheitskräfte hatten die Regierung in diesem Jahr davor gewarnt. Trotzdem wurde der „Jerusalem­Tag“ abgehalten – insbesondere, um dem Interesse von Premierminister Benjamin Netanjahu zu dienen.

Wäre er für seine anstehende Regierungsbildung auf solche Stimmungen angewiesen gewesen?

Er brauchte die Provokation, um seine nationalistischen Rivalen unter dem Dach einer emotionalen Agenda zu vereinen, somit eine Koalitionsregierung bilden zu können und seine Position als Premierminister zu sichern. Seit Wochen spielt er taktlos mit der explosiven Situation in Jerusalem, wo jede nachlässige Bewegung den gesamten Nahen Osten aufhetzen kann. Wir sehen die Vertreibung palästinensischer Familien aus dem Viertel Scheich Dscharrah, in deren Wohnungen jüdische Siedler ziehen sollen. Wir sehen Restriktionen gegen Palästinenser, die während des Ramadan auf den Stufen in der Nähe des Nablus­Tors in Jerusalem sitzen. Und wir sehen die Rituale des „Jerusalem­Tages“. Dies bot der religiös extremistischen Organisation der Hamas die Möglichkeit, als „Verteidiger Jerusalems“ aufzutreten. Ihre Führer sind dazu bereit, das Leben der Bevölkerung von Gaza zu opfern. So trafen die nationalistischen Ambitionen Israels auf die Ideologie der Hamas – und das ganze Feuer war entfacht.

Beide Seiten also provozieren Irrationalität. Sie arbeiten als Hausregisseur am Alfa Theater in Tel Aviv, das ich als ein Beispiel für die friedliche Koexistenz zwischen arabischer und jüdischer Bevölkerung in Israel bezeichnen würde. Wie durchlebten Sie als Gruppe diese Eskalation?

Nun, ich wünschte, es gäbe in der Öffentlichkeit eine neutrale Verständigung und Harmonie, wie sie zwischen uns binationalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Theater von Anbeginn existiert. Wir haben das Alfa Theater als Fringe Theater etabliert, das im Gegensatz zu den meisten Mainstream-Theatern ein spezielles Repertoire zeigt, welches politische Themen verhandelt. Von Anfang an waren wir „ethnisch blind“. Einige unserer Regisseurinnen und Regisseure sind palästinensische Israelis wie Moneer Bakri, Ala Hlehel oder Akram Tillawi. Palästinensische Schauspielerinnen und Schauspieler spielen Hauptrollen wie zum Beispiel Morad Hassan den Woyzeck. In einer Version des „Kaufmann von Venedig“, in dem die Juden als wandernde Flüchtlinge auftreten, war es bezeichnend, dass der palästinensische Schauspieler Suheil Haddad die Rolle des Shylock verkörperte. Mohammad Bakri, der ein echter Star des jüdisch-israelischen Theaters war, derzeit aber von den meisten Mainstream-Theatern boykottiert wird, weil er den Bewohnern des Flüchtlingslagers Dschenin nach den Angriffen durch Israel im Jahr 2002 eine Stimme gab, spielte bei uns 2012 die Titelrolle in Federico García Lorcas „Bernarda Albas Haus“.

Was meint „neutrale Verständigung und Harmonie“ in Ihrer konkreten Theatersituation?

Wie ich es bereits ansprach: Unsere Theaterarbeit am Alfa Theater ist ethnisch blind. Jüdische und palästinensische Schauspieler arbeiten zusammen, ohne die ethnische Herkunft in Betracht zu ziehen, es sei denn, sie ist Teil der Botschaft des Spiels. Wir betrachten eher die künstlerischen Qualitäten als die ethnische Zugehörigkeit. Um ein Beispiel zu geben: In meiner Bearbeitung von Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ spielt Suheil Haddad wie gesagt die Rolle des Shylock. Er ist ein Veteran, ein brillanter palästinensischer Schauspieler und Mitglied unseres Ensembles. Ich besetzte ihn für diese Rolle, weil er ein wunderbarer Künstler ist, seine Darstellung des Shylock ist mit Lawrence Olivier und Al Pacino verglichen worden. Seine ethnische Herkunft war nicht als ein Statement gedacht; dennoch war es unvermeidlich, sie nicht wahrzunehmen. Wir haben in dieser Produktion die Juden von Venedig als Geflüchtete dargestellt, mit all den aktuellen Bedeutungen, die Geflüchtete für uns im Jahr 2021 haben. Diese politischen Implikationen wurden wahrgenommen und bemerkt. Unser Traum ist es, dass diese Fragen der ethnischen Herkunft oder der nationalen Zugehörigkeit aus unserem Leben verschwinden und wir alle unabhängig von dieser Diversität gemeinsam arbeiten und performen werden. Dies wird aber leider nicht passieren, solange die durch die Besetzungspolitik kreierten ungleichen Realitäten existieren.

Vielen Dank für das Gespräch. Hoffen wir, dass die Verzweiflung verschwinden wird.

Ja, das hoffen wir alle. Danke.

Aus dem Englischen von Herwig Lewy.

Bei diesem Interview handelt es sich um eine aktualisierte und erweitere Fassung des in Heft 2021/06 abgedruckten Gesprächs.

 

Avraham Oz, resident director at the „ethnically blind“ Alfa Theater in Tel Aviv, on the explosive situation in the Middle East

by Herwig Lewy

Avraham Oz, in mid-May again the violence escalated in Israel and Gaza. Eleven days later a ceasefire was agreed. What are you expecting or hoping for the upcoming months in regard to the peace process in general terms?

Since there was no real target for this entire war but to arouse a military provocation which might have saved Netanyahu his position as Prime Minister – hopefully, without success – things are going to remain the same, until a serious and candid attempt is made to reach peaceful political solution which should be initiated by a sane Israeli government.

In the News, the rocket strikes by Hamas were qualified as a „new round“. How do you think?

Unfortunately, this so-called new round came as no surprise. The basic cause of that in the large picture is the occupation of the Palestinian territories since 1967. Thus, we can speak highly about democracy, yet these apply to the internationally recognized borders of Israel and to most of its citizens. But as far as the Palestinians, and particularly the Millions who live under occupation since 1967 both on the West Bank and the Gaza strip are concerned, they hardly enjoy real democracy. Until the occupation ends, there is not going to be any possibility for fully living and creating together.

The so-called flag dance took place on May 10th, marking the reunification of Jerusalem after the Six Day War of 1967 in Israel. There are voices who see this procession as one of the triggers for the current escalation. Would you agree with that?

Yes. On the 10th of May the Israeli government and institutions marked the annual so-called „Jerusalem Day“. It is a forced, deliberately contrived, national holiday. It is not referred by most Israeli citizens as an important day. But it is artificially promoted by the government, the mainstream media and ultra-nationalistic circles celebrating it. This so-called holiday includes the „flag dance,“ which is half performance, half political ritual where mainly the ultra-nationalistic circles want to show the authority of the Jewish people over Jerusalem. Part of this procession is passing through the eastern Arabic quarters of Jerusalem. Military and security forces warned the government this year. Nevertheless the „Jerusalem Day“ was mobilized – in particular to serve the personal interest of Prime Minister Benjamin Netanyahu.

In order to form a coalition government, did PM Netanyahu rely on such moods?

He needed the provocation to bring his nationalistic rivals under the umbrella of an emotional agenda to perpetuate his position as Prime Minister. For weeks now he has been playing insensitively with the explosive situation pertaining to Jerusalem, where every careless move can incite the entire Middle East. We see the expulsion of Palestinian families from the quarter of Sheikh-Jarach, to be replaced by Jewish settlers. We see restrictions put on Palestinians sitting on the steps near the Nablus Gate in Jerusalem during the Ramadan. And we see the rituals of the „Jerusalem day“. This provided the religiously extremist organization of Hamas the opportunity to become the „Defender of Jerusalem“. Its leaders are ready to sacrifice the lives of Gazans. And thus the Israeli nationalistic ambitions met with the ideology of Hamas – and the whole fire was incited.

Indeed both sides provoke irrationality. You are a resident director at the Alfa Theater in Tel Aviv, which I would call an example of the peaceful coexistence between Arab and Jewish populations in Israel. How did you as a group go through this escalation?

Well, I wish there were within the general public a neutral understanding and harmony as there is between us collaborators in the theatre which are bi-national from its very inception. We have established Alfa Theatre as a kind of fringe theatre which unlike most of the mainstream repertory theatres is doing a special repertory which concerns political matters. From the very beginning, we were „ethnic blind“. Some of our directors are Palestinian Israelis, such as Moneer Bakri, Ala Hlehel or Akram Tillawi. Some of the major roles are played by Palestinian actors, such as Morad Hasan as Woyzeck. In a version of the „Merchant of Venice“, in which the Jews appear as wandering refugees, it was significant that the Palestinian actor Suheil Haddad played the role of Shylock. Mohamad Bakri, who was a real star of the Jewish Israeli stage and who currently is still boycotted by most mainstream theatres, because he gave voice to the residents of the Jenin refugee camp after the 2002 attacks of Israel there, played the title role of Lorca's „The House of Bernarda Alba“ in our theatre in 2012.

What do you mean by „neutral understanding and harmony“ in your concrete theatre situation?

As I said, our theatrical work at Alfa Theatre is ethnic blind. Jewish and Palestinian actors are working together, without taking into account ethnic origins, unless where it is part of the message of the play. We look at the artistic qualities rather than the ethnic affiliation. To give you an example, in my adaptation of Shakespeare's „Merchant of Venice“ the role of Shylock was played as I said by Suheil Haddad. He is a veteran, a brilliant Palestinian actor and a member of our company. I took him for the part because he is a marvelous artist, his portrayal of Shylock was compared to Lawrence Olivier and Al Pacino. I did not intend his ethnic origin to become a statement; yet inevitably it did. In our production we emphasized the Jews of Venice as refugees, with all the topical meanings refugees have for us in 2021. The political implications of this were noticed and mentioned. Our dream is that this questions of ethnic origin or national affiliation will be struck out of our lives and that we all will create and perform together regardless of those diversities. This will not come, unfortunately, before the uneven reality of the occupation is lifted from our life.

Thank you very much for the talk. Let's hope the desperation will go away.

Yes, that's what we all hope. Thank you.

This interview is an updated and expanded version of the conversation printed in issue 2021/06.

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