Kommentar

Rückwärts nimmer?

Coming soon, aber ohne Ida Müller und Vegard Vinge – Die Berliner Volksbühne gibt unmittelbar vor dem Neustart unter René Pollesch Rätsel auf

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Foto Sebaso, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0 via Wikimedia Commons
Foto Sebaso, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0 via Wikimedia Commons

Es ist der Intendanzneustart der Saison: Mitte dieses Monats, am 16. September, eröffnet die Volksbühne in Berlin unter der neuen Leitung von René Pollesch. Viele Augen sind auf die Hauptstadt gerichtet, viele Theaterherzen pochen auch, denn wohl kaum ein Theater erzeugte in den letzten drei Jahrzehnten so viele Emotio­nen. Auf die Ära von Frank Castorf folgte das kurze Intermezzo von Chris Dercon. Der danach eingesetzte Interimsintendant Klaus Dörr trat im März dieses Jahres infolge von MeToo-Vorwürfen zurück.

Wird nun Pollesch, der zu den prägendsten Volksbühnen-Regisseuren der Castorf-Ära gehörte, das Haus noch einmal ganz neu erfinden können, mit bewährten Arbeitsweisen, aber auch neuen Ästhetiken, wie seine Anhängerinnen und Anhänger glauben? Oder hält mit ihm – wie hingegen die Skeptikerinnen und Skeptiker meinen – einfach ein Back-to-the-Castorf-Roots, nur eben ohne den Altmeister, Einzug am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz? Das ist die große Frage, die über diesem Neustart steht.

Spannungssteigernd wirkt dabei, dass sich Pollesch und sein Team bis tief in den Sommer hinein mit konkreten Spielzeitplänen konsequent bedeckt hielten. Während die anderen Häuser auf ihren Websites bereits bis zum Jahresende prall gefüllte Premierenkalender veröffentlichten, prangte unter der Volksbühnenadresse bei Redaktionsschluss noch immer lediglich der Schriftzug: „Coming soon“.

Herauszufinden war durch wiederholte Nachfrage immerhin zweierlei. Erstens: Das Haus eröffnet mit dem neuesten Stück des Intendanten, „Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein ­Leben dazwischen“. Und zweitens: Nicht beteiligt am Aufbruch werden die Extremtheatermacher Vegard Vinge und Ida Müller sein – was durchaus überrascht, gehörten die beiden doch zu den führenden Figuren, als Pollesch im letzten Jahr sein neues Team vorstellte. Noch in der März-Ausgabe von Theater der Zeit hatte der Komponist Trond Reinholdtsen von einer Vinge-Müller-­Reinholdtsen-Eröffnungsproduktion mit einem „Peer Gynt“-­Gesamtkunstwerk an der Volksbühne gesprochen.

Die Entscheidung, dass man nicht zusammenarbeiten werde, sei schon vor mehreren Monaten gefallen, heißt es nun im Haus. „Gründe für die nicht zustande kommende Zusammenarbeit werden wir nicht nennen“, sagt Lena Fuchs, die neue Pressesprecherin der Volksbühne, Theater der Zeit.

Dass es künstlerisch nicht passen kann, ist nicht ungewöhnlich im Theater. Höheres Gewicht hat die Causa aber deshalb, weil Ida Müller als neue Ausstattungsleiterin angekündigt war, als prägende ästhetische Kraft in der Nachfolge von Bert ­Neumann. Der vor sechs Jahren verstorbene Bühnenbildner hatte das Erscheinungsbild der Castorf-Volksbühne vom kleinsten Flyer bis zum Fassadenschmuck entworfen und weit über den Büh­nen­raum hinaus die Ästhetik wegweisend mitbestimmt. Von Müller konnte man sich eine ähnlich starke Prägung erwarten und erhoffen. Das geschieht nun aber nicht, wie die Volksbühne mitteilt.

„Wir lassen die Position der Ausstattungsleitung derzeit ­unbesetzt“, erklärt Fuchs. Jeder Regisseur, jede Regisseurin, jedes Regieteam bringe eigene Bühnenbildner und Bühnenbildnerinnen mit. Dass diesen Part bei Polleschs Eröffnungsproduktion Leonard Neumann übernimmt, Bert Neumanns Sohn, kann man als Indiz für eine ganz besondere Kontinuität werten: Die Gestaltungsfirma LSD, die von Bert Neumann gegründet wurde und von seiner Witwe Lenore Blievernicht weitergeführt wird, bestimmt weiter das äußere Erscheinungsbild der Volksbühne. Ob es des­wegen zu Konflikten mit der für ihre Gesamtkunstkonzepte ­bekannten Ida Müller kam – eine Vermutung, die aus der Außenperspektive naheliegt –, wollte die Volksbühne gegenüber Theater der Zeit nicht kommentieren. Auch Müller selbst und ihr künstlerischer Partner Vegard Vinge ließen eine entsprechende Anfrage unbeantwortet. Vonseiten der Volksbühne heißt es, Arbeiten der beiden am Haus seien gar nicht mehr geplant.

Die Turbulenzen bei der Zusammensetzung des künstlerischen Leitungsteams überschatten den Neustart. Für die Kulturverwaltung besteht nach Aussage von Staatssekretär Torsten ­Wöhlert aber kein Grund zum Eingreifen. „Wir haben den Intendanten ausgesucht. Die künstlerische Arbeit liegt ganz in seiner Verantwortung. Unsere Aufgabe ist es, ihm die erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen“, sagt Wöhlert gegenüber Theater der Zeit.

Pollesch selbst lebt die neue Leitlinie der wechselnden ­Bühnenraumgestalter bereits vor. Anders als bei der Eröffnungsinszenierung ist bei seiner Produktion für die Wiener Fest­wochen, „Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer“, die von der Volksbühne übernommen wird, seine langjährige Ausstatterin Nina von ­Mechow verantwortlich.

Ob die Absage an Ida Müller sich insgesamt negativ auf den Neustart auswirken wird, ist schwer zu prognostizieren. Schade ist auf jeden Fall, dass das Experiment schon beendet wurde, ­bevor es begann – und bedauerlich, dass keine Gründe für die Differenzen genannt werden. Zum Kreativprozess gehören auch Irrwege. Ein offener Umgang damit könnte zu neuen Anregungen führen. //

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