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Der mit Pixeln malt

Experimentalfilm, Video, bildende Kunst: Luis August Krawen beherrscht alles – und macht damit rasant Karriere

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Still aus Luis August Krawens Online-Serie „Was passiert im leeren Pfauen?“ (Schauspielhaus Zürich 2020). Foto Luis August Krawen
Still aus Luis August Krawens Online-Serie „Was passiert im leeren Pfauen?“ (Schauspielhaus Zürich 2020). Foto Luis August Krawen

„Alright“, sagt er gern. „Alright“ trifft den Nagel auf den Kopf. Sein Leben ist derzeit schwer in Ordnung. Alle Welt – oder wenigstens diejenige, die zählt, die erste Liga der Theater – interessiert sich für Luis August Krawen. Seit seinem Studium, und das ist erst schlappe drei Jahre her, gleicht er einem Bildergenerator auf Hochbetriebstemperatur. Ein Rädchen greift ins andere, und der Mann, der dabei steil nach oben saust, ist noch keine 27 Jahre alt.

Krawen, schon als Kind begeistert vom Film und ein Kino-Freak, Abgänger des Gießener Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft, ist am Theater nicht zufällig heiß begehrt. Als freier Videokünstler deckt er eine Nachfrage nach (digitalen) Bildwelten ab, deren Kreation erst wenige beherrschen und für die noch ­keine formalisierte Ausbildung angeboten wird.

Die Bilder des Künstlers haben nicht nur in den Institutionen, sondern auch im Publikum eine große Fangemeinde. Denn sie gehen Menschen unterschiedlichster Sehgewohnheiten unter die Haut: Krawens poetische, visionär-utopische Projektionen und digitale Bildwelten ziehen Inszenierungen eine zweite, dritte oder vierte Ebene ein. Situiert ist seine Arbeit, so verschieden sie auch anmutet, an einem verbindenden Punkt: der Schnittstelle von ­Experimentalfilm, Video und bildender Kunst.

Tech-Kunst ist das, synthetisch hergestellt. Sie operiert aber nicht selten mit analogen Kräften. In „Afterhour“, inszeniert von Alexander Giesche am Schauspielhaus Zürich, nimmt er sich die Elemente Feuer und Wasser vor, um sie technisch zu verarbeiten. Die Inszenierung war das Ereignis der letzten ­Saison. Ein halluzinatorisches Bildergedicht als zeitkritische ­Gefühlserkundung (nach) der Pandemie. Seine metaphorischen Bilder lassen die Zeit des Danach und Davor unterschiedslos werden. Dank eines ­Videorings aus fünf Monitoren, die eine ­besonders starke Bildkrümmung und eine hohe Auflösung besitzen und beispielsweise in Flugsimulatoren genutzt werden, taucht das Publikum tief ins Geschehen ein. Denn es geht nicht nur darum, was man sieht, sondern auch wie – und auf welchem Bildträger.

Eine Meisterleistung war ebenso „Der Mensch erscheint im Holozän“ nach Max Frisch, wieder eine Zusammenarbeit mit Alexander Giesche, die in Zürich für eine ästhetische Neuorientierung des Schauspielhauses stand. Krawen schlug vor, analoge Naturphänomene wie Wind und Wasser in Dialog mit digitalen Mitteln zu bringen und den Blick auf die Welt so neu zu justieren. Apokalyptische Regengüsse und (technisch erzeugte) Windböen erinnerten daran, dass das Theater ein in allen Interpretationsräumen offenes Sinnenmedium ist. Oder sein kann, sein sollte. Für die digitale Serie „Was passiert im leeren Pfauen?“, mit der das Zürcher Schauspielhaus während der Pandemie seine „Zuhausspielhaus“-Seite schmückte, ließ Krawen die ehrwürdige Bühne wechselweise üppig mit Pflanzen überwuchern oder malerisch schockgefrieren, Eisbärenbesuch inklusive.

Krawen ist Teil der Künstlergeneration, die mit visueller Fantasie und immersiven Effekten die virtuelle Realität von morgen erforscht. Hat er eine Handschrift, pflegt er einen Stil? Von ihm aus ist es viel zu früh, danach zu fragen. „Die Computer­animation ermöglicht sehr viele unterschiedliche Ästhetiken. Ich bin noch nicht so weit, dass ich sagen könnte, das und das ist jetzt mein Ding. Ich möchte erst einmal viele unterschiedliche Richtungen verfolgen.“

In Sachen Geduld und Ausdauer, im Spurensuchen und Spurhalten, hat er jedenfalls den Härtetest längst bestanden. Am Rechner, sagt er, hebt sich für ihn die Zeit auf; ein Arbeitstag ist zu Ende, kaum dass er begonnen hat. Das Ausrechnen wiederum, das Rendern, kann Stunden dauern, oft sogar Tage, da wäre Zeit, Pause zu machen. Oder aber sich einen zweiten, dritten, vierten Rechner anzuschaffen – und weiterzuarbeiten.

Mit der Technik ist er auf Du, und eine Abhängigkeit von Steckdosen und Rechnerkapazitäten gibt es für ihn nicht. Im Gegenteil: „Mich fasziniert, dass man mit nur einem Computer zu Hause, in seinem eigenen Zimmer, ohne Kamera, ohne alles, aus dem Nichts eigentlich, einen Film produzieren kann.“ Kein Team, kein großer organisatorischer Aufwand, sondern lediglich zwei Player gehen gemeinsam in die Schlacht: er und seine Maschine. Luis August Krawens Arbeit ist inzwischen nicht mehr die eines Filmemachers, sondern die eines Malers, der statt mit dem Pinsel mit Pixeln malt.

Den Stein, der alles ins Rollen brachte, trat Krawen schon während des Studiums los: Es handelt sich um die „Tétralogie d’Eau Thermale“, einen surreal-dadaistischen Roadtrip – voll­gepackt mit selbstironischem Humor, der das Kunstmilieu auf die Schippe nimmt. Die Hauptfigur ist ein Kerl, der gezwungen wird, in Bayreuth Wagners „Ring der Nibelungen“ aufzuführen. Bezahlung: ein Euro die Stunde. Dazu läuft Wagners Musik – und die von Bruce Springsteen.

Inspiriert von den computergenerierten synthetischen Bildern und den wissenschaftlich-analytischen Texten der Filme­macherin, Autorin und Künstlerin Hito Steyerl, hat er sich das technische Know-how selbst beigebracht. Der Ort seiner Weiterbildung, klarer Fall: „Das Internet! Viel Tutorials schauen und ­selber machen, Routine bekommen.“

Die bekommt er durch die vielen Eisen, die er im Feuer hat. Am Schauspielhaus Zürich bereitet er mit Alexander Giesche die ­Inszenierung „Momo“ nach Michael Ende vor. „Video ist ja ein Medium, das Zeit einfängt“, er kann damit ideal an das Haupt­motiv der Geschichte anknüpfen. Zudem wird er Ende Oktober gemeinsam mit Giesche das Zürcher Nobelkaufhaus Globus an der Bahnhofstraße bespielen. Interessant am Auftrag ist für den Künstler die Architektur des Gebäudes, die andere Anforderungen stellt als ein Theaterraum.

Ebenfalls im Oktober wird mit Krawens Beteiligung an der Berliner Volksbühne die Uraufführung „Letzter Stand I: allos ­autos“, inszeniert von Leonie Jenning und Martha von Mechow, stattfinden, am Schau­spielhaus Hamburg kommt Anfang Dezember unter seiner Mitwirkung die Produktion „Coolhaze“ von ­Studio Braun heraus. Und selbstverständlich gibt es auch bereits gesetzte Termine in Krawens Agenda 2022. Zum Beispiel eine erste eigene Bühnenarbeit im Frühling an den Münchner Kammerspielen, dem Haus, das ihn als Artist in Residence eingeladen hat. Zum ersten Mal wird er sich dort an der Arbeit mit Schauspielerinnen und Schauspielern versuchen. Unmöglich, jetzt schon über ein Konzept zu reden: „Es kann sein, dass ich das alles nochmals um 180 Grad drehe.“

Denn das kann er: seine eigenen Ideen auf den Kopf stellen, drehen und wenden, oft über mehrere Monate. So entstand auch eine seiner wichtigsten Arbeiten, der Animationsfilm „Pierrot ­Lunaire“ als Hälfte eines Doppelabends an der Hamburgischen Staatsoper. Die Arbeit war anspruchsvoll und brachte Krawen nicht zum ersten Mal an seine Grenze. Denn ist es nicht Selbstüberschätzung, die Regie eines Films zu verant­worten und ihn gleichzeitig selbst zu produzieren, Aufgaben also, für die in der Filmindustrie normalerweise ein großes Team zur Verfügung steht? Krawen arbeitete wie immer allein und nahm sich die – für diese Produktionsbedingungen mons­tröse – Filmdauer von 35 ­Minuten vor. „Ich habe Vollzeit vier Monate daran gesessen und zwischendurch gezweifelt, ob ich das überhaupt stemme.“

Er hat es gestemmt – und gleich eine Einsicht mitgeliefert bekommen: Die Auftragsarbeit hat ihm gezeigt, dass er in der Lage ist, allein Spielfilme zu kreieren. Noch sitzt er nicht daran: Zu viele Aufträge, zu viel Begehr, zu viel Nachfrage ist um seine Person. Doch wie sagt er zu seiner Zukunft als Spielfilmautor und -regisseur: „Da könnte es zu etwas kommen.“ Alright. //

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