Neustarts

Schule der Empathie

Der Start von Hans-Georg Wegners Intendanz am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin

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Julia Keiling als Garance und Vincent Heppner als Mimen Baptiste in der Filmadaption „Kinder des Olymp“. Foto Silke Winkler
Julia Keiling als Garance und Vincent Heppner als Mimen Baptiste in der Filmadaption „Kinder des Olymp“. Foto Silke Winkler

So viel Anfang war nie. Hans-Georg Wegner startete seine Intendanz in Schwerin mit vier Schauspiel-Premieren, dem Opernstart mit György Ligetis „Le Grand Macabre“ und beim Tanz mit vielversprechendem Neuanfang, bei dem die neue Chefin ­Xenia Wiest ihr neues Ensemble „Ballett X Schwerin“ vorstellte mit apokalyptischer „Nacht ohne Morgen“.

Unwillkürlich denkt man an Hermann Hesses berühmte Zeilen „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ Zauber ist zum Abwarten, aber dass Theater, das Schutz braucht, helfen will zu leben, hat der Generalintendant proklamiert: „Wir beginnen mit unserem Programm einen Prozess der Sensibilisierung für die Fragen, die sich eine zukunftsfähige Gesellschaft stellen sollte – und wir wollen Mut machen, an die Veränderbarkeit der Welt zu glauben. Dafür braucht es den ‚Freiraum Theater‘ als eine Schule der Empathie – den Ort, wo wir Menschen gemeinsam denken und fühlen können.“ Es gehe nicht ums Aufsehen fürs Feuilleton, sondern um Theater als Ort der Kommunikation. Dafür gibt es auch das Programm „Späti Deluxe“, das Zuschauer zur Diskussion einlädt. Und geplant ist für die nächste Spielzeit in einer ehemaligen ­Druckereihalle eine Bühne, die in einem Problemviertel unterschiedliche städtische Milieus verbinden möchte.

Zuerst aber dreht sich das Theater um sich selbst. Auftakt mit „Kinder des Olymp“, eine Bühnenfassung von Alice Buddeberg und Nina Steinhilber nach dem gleichnamigen Film von Marcel Carné und Jacques Prévert, der ab 1943 in Frankreich entstand. Belichtet wird die Welt der Schauspieler und jener schillernden Figuren, die im Leben Theater spielen. Als Metapher für fantastisches Ereignis hat Bühnenbildnerin Cora Saller den Mond vom Himmel geholt und als schräge Spielfläche installiert. Pariser Theatermilieu des 19. Jahrhunderts, Dreharbeiten zum Film und die laufende Aufführung fließen ineinander. Buddebergs Inszenierung pendelt tragikomisch zwischen Sinnsuche, Zweifel, Krise und Erfolg der Künstler sowie ums Doppelleben zwischen dem Ich und der Rolle. Eine Liebeserklärung an das Theater und darin eine unerfüllte Liebesgeschichte. Diese ist bei Julia Keiling als Diva Garance und Vincent Heppner als Baptiste Debureau eine melancholische Episode. Sozusagen lässt hier Theater vergnüglich in sein Inneres blicken.

Einmal wird man wissen wollen, wer sie waren, wie sie ­waren. Dieser Vorhersage der Autorin Christa Wolf geht Patrick Wengenroth nach mit seiner literarisch-musikalischen Recherche „Utopia, meinetwegen“. Er holt Frauen mit ihren Texten und ­Gedichten aus der DDR-Zeit wieder hervor. Uraufgeführt im E-Werk, der Bühne für Experimente.

Es geht um jene, die nicht auf der Sie-hat-immer-recht-Linie marschierten. Befragt werden, die nur unter der Bedrängung durch Zensur oder gar nicht publizieren konnten oder für die ­alternative Szene im Untergrund schrieben. Ihre Themen sind Verletzungen, die Zumutungen für Frauen, ihr Zerrissensein im Verhältnis der Geschlechter, der Widerstand gegen das System und vor allem Sehnsucht wie Hoffnung, sich frei verwirklichen zu können. Das alles steckt in dem Ruf „Ich will ein Vaterland von einer Mutter“.

Wengenroth collagiert, ohne jeweils die Autorinnen zu nennen, Texte unter anderen von Christina Berger, Sarah Kirsch, Katja Lange-Müller, Inge Müller, Helga Schubert, Gabriele Stötzer und Bettina Wegner. Und er blättert in Tagebüchern von Brigitte ­Reimann, die von konfliktreichem Dasein zeugen. Die Schauspieler sind Erzähler, hier und da leider verhuschte. Mit Pep vitalisieren Jennifer Sabel und Robert Höller die Reimann-Texte. Präsent ­Hannah Ehrlichmann mit lakonischem Bericht vom banalen ­Alltag und der Panik-Attacke einer Betrogenen. Wengenroth lockert die Berichte aus dem implodierten Land mit Liedern auf. Matze Kloppe als aktiver Musiker setzt kosmisches Rauschen ein, Melodisches und harte Beats, damit das Ensemble auch mal ins Disco-Fieber geraten kann. Zwischen dröhnender Geisterbeschwörung anfangs und leisem Ausklang ist es eine Zeitrückreise zum Mitdenken und Nachdenken darüber, was bleibt von den Dichtern. Am Ende das wehmütige Lied von Karussell mit der Zeile „Nichts ist unendlich ...“. Viel weiter zurück geht es im E-Werk mit der „Odyssee“. Also die abenteuerliche Irrfahrt des Königs Odysseus und seiner Gefährten bei der Heimkehr aus dem Trojanischen Krieg. Die 24 Ge­sänge von Homer nicht akademisch vom Blatt. Jan Gehler zeigt dramatische Momente als szenisches Konzert für fünf exotisch kostümierte Akteure mit Ukulelen. Nur einleitend ein chorischer Bericht wie in der Antike, danach werden Figuren gespielt, befragt, Stationen geschildert samt der Sehnsucht nach Heimkehr. Alles extrem verspielt, und alles wird mit Saiten-Klang rhythmisch gesteuert. Gehler inszeniert keine Historie, er zupft aus dem ­Mythos Szenen in bunter Mischung für den poppigen Zeitgeist. Da heißt es, wenn gegessen wird, natürlich lecker, da wird englisch gesungen „What we need is love“ oder das französische „La Mer“, und mit der Ukulele wird auch gerappt. Na ja. Im ­Ensemble herrscht ausgelassene Spielfreude, und die steigert sich bis zum gehobenen Studentenspaß mit einem alten Stoff. Bei der Schilderung antiker Schrecken auf dem Mittelmeer lässt sich ­gewiss auch an gegenwärtige Flüchtlings-Schicksale denken, aber das bleibt wohl eher dramaturgischer Wunsch als dass es den ­Zuschauer erreicht.

Höhepunkt des Premieren-Reigens ist das Drama von „Mäusen und Menschen“, das Martin Nimz nach dem gleichnamigen Roman von John Steinbeck aus den 30er Jahren in einer Bühnenfassung von Nina Steinhilber inszeniert hat. Es ist die gar nicht so ferne Geschichte zweier eng befreundeter Wanderarbeiter, die sich auf einer Farm das Geld verdienen wollen, um sich ihren Wunsch nach einem kleinen Stück Land mit Farm für ­gemeinsame Arbeit und gutes Leben erfüllen zu können. Ein ungleiches Paar. George ist die coole, treibende Kraft, Lennie ein geistig zurückgebliebener, aber körperlich enorm starker Mann. Bei ihrem Job treffen sie auf sehr unterschiedliche Typen, wie Candy, der sie gedanklich ermutigt, oder den einsamen schwarzen Stallburschen Crooks, fast ein Philosoph (Ramsès Alfa aus Togo), und auch auf die bunte Vögelin Cathy (Jennifer Sabel), Frau des Sohns vom Boss, deren Lebensgier die Tragödie auslöst.

Auf der weiten Bühnenlandschaft von Sabrina Rox mit sandigem Boden, einem Verschlag aus hellen Brettern und Bretterstapeln ringsum, hat Martin Nimz diese Story von Einsamkeit, Heimatlosigkeit, Freundschaft und zerstörtem Lebenstraum mit außerordentlicher Sensibilität inszeniert. Mit einem Rhythmus, in dem, musikalisch gesprochen, das Adagio eines armseligen ­Lebens ins Presto explosiver Gefühle wechselt. Ein paar Tupfer Komik durch den aufgedrehten Sohn (Robert Höller), sonst intensive realistische Situationen. Da überspielt kein modisches technisches Instrumentarium die Schauspieler, Nimz setzt auf sie als Gebieter der Szene, auf Charaktere, die glaubhaft erzählen. Der George von Oscar Hoppe als offener, lockerer Kerl, umsichtiger Organisator und geradezu inniger Helfer für den unbeholfenen Lennie. Diesem gibt Marko Dyrlich, oft in sich gekehrt, plötzlich panisch, gefährdete Gestalt quasi mit dem Wissen eines Psychiaters. Ein Paar mit berührender Schauspielkunst.

Über den Szenen, von einem Gitarrenspieler immer wieder auf Moll gestimmt, liegt gleichsam ein elegischer Hauch von Vergeblichkeit. Man denkt, Theater kann noch zaubern. //

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