Gespräch

Wie viel Theater ist jetzt möglich?

Carsten Brosda, Vorsitzender des Deutschen Bühnenvereins und Hamburger Kultursenator, im Gespräch mit Thomas Irmer über die ökonomischen Folgen der Corona-Maßnahmen für die Theater

von und

Carsten Brosda, Vorsitzender des Deutschen Bühnenvereins und Hamburger Kultursenator
Carsten Brosda. Foto Daniel Reinhardt/Senatskanzlei


Herr Brosda, es gibt in Heidelberg, aber vielleicht nicht nur dort, eine Diskussion um das im vorletzten Jahr gezahlte Kurz­arbeitergeld für Angestellte des Theaters. Unterm Strich wurde am Theater Heidelberg 2020 ein Plus erwirtschaftet, und ein ­Antrag der Grünen fordert nun die Rückzahlung dieser Gelder.

Das Kurzarbeitergeld war ein Segen für die Theater in der Zeit, in der nicht gespielt werden konnte. Es hat geholfen, mit dieser Situation betriebswirtschaftlich klarzukommen. Das war die wirksamste Hilfe für die Kulturbetriebe mit Festangestellten, die wir während der Pandemie gehabt haben. Wir hoffen sehr, dass es diese Hilfe weiter geben wird, denn sie wird wahrscheinlich auch künftig gebraucht. Es mag vereinzelt so sein, dass unterm Strich sogar Rücklagen aufgebaut werden konnten wie offenbar in Heidelberg. Das ist aber keineswegs an allen Häusern so der Fall, sondern von Theater zu Theater sehr unterschiedlich. Es gab Theater, die besonders im zweiten Lockdown intensiv weitergearbeitet ­haben und deshalb gar nicht so viel von der Kurzarbeit Gebrauch machen konnten. Aber ich würde allen Trägern, deren Theater Rücklagen aufbauen konnten, dazu raten, die erst mal in den Häusern zu belassen. Das wird in der zu erwartenden angespannten Haushaltslage nach der Pandemie helfen, wenn der Staat möglicherweise nicht mehr ausreichend Mittel bereitstellen kann. Diese Phase wird voraussichtlich betriebswirtschaftlich für die Theater anstrengend, auch weil ungewiss ist, ob das Publikum wieder im gleichen Umfang wie vor der Krise zurückkommt. Und wenn man da mit Rücklagen arbeiten kann, halte ich das für einen sinnvollen Weg, damit die Theater nicht sofort in eine Schieflage geraten. Im Moment müssen wir alle Prognosen mit vielen Konjunktiven versehen, aber alles, was dazu beiträgt, dass die Theater und Orchester aus eigener Kraft durch diese Zeit kommen, halte ich für sinnvoll. Spätestens 2023 könnten solche Rückforderungen ansonsten schwere Folgen haben.

Einzelne Stimmen behaupten, dass das Kurzarbeitergeld für ­Angestellte in Kulturbetrieben eine Art zusätzliche Subventionierung darstellt und deshalb von den Theatern auch zurückgefordert werden könne. Ist das überhaupt juristisch korrekt?

Ich halte es zumindest nicht für sinnvoll. Wir reden nicht von Subventionen, sondern von Zuwendungen. Es gibt ein staatliches Interesse, den Kulturbetrieb aufrechtzuerhalten. Zudem ist das Kurzarbeitergeld eine Versicherungsleistung, die sich zunächst aus den Beiträgen speist, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer an die Bundesagentur für Arbeit zahlen. Dass es dafür in dieser ­Sondersituation zusätzliche Mittel vonseiten des Staates brauchte, ändert nichts daran, dass es sich im Kern um eine Leistung handelt, für die zuvor Beiträge eingezahlt wurden und für die deshalb ein versicherungsrechtlicher Anspruch besteht.

Die neue Regierung möchte erstmals die Kultur als Staatsziel benennen. Inwieweit wird das solche Diskussionen beeinflussen?

Es ist eine wichtige Absichtserklärung, dass man Kultur als Staatsziel im Grundgesetz verankern will. Das muss jetzt umgesetzt werden. Dafür braucht es eine Zwei-Drittel-Mehrheit, die die Ampel-Koalition von sich aus nicht hat. Das ist keine neue Forderung, schon 2007 hat die Enquete-Kommission den Vorschlag eingebracht, dass man den Satz „Der Staat schützt und fördert die Kultur.“ ins Grundgesetz aufnehmen soll. Für mich bedeutet das, dass es aus staatlicher Sicht nicht damit getan ist, die Kunstfreiheit zu sichern, sondern dass es darum gehen muss, mit Förderung von Kultur und kultureller Produktion dafür zu sorgen, dass künstlerische Freiheit in Anspruch genommen werden kann. Es wäre nach den Verheerungen von Corona ein starkes Signal des Staates zu sagen: Wir übernehmen Verantwortung, wir stehen dafür ein, dass es nicht nur eine ­privatwirtschaftliche Angelegenheit ist, Kunst und Kultur zu ermöglichen, sondern dass die Gesellschaft über den Staat dort entsprechend investiert. Wenn es gelingt, dies im Grundgesetz zu verankern, dann dürfte das auch ein starker Fingerzeig in manche kommunalpolitische Diskussion hinein sein, in denen Kulturausgaben ja oftmals bloß freiwillige Leistungen sind, die nur dann geleistet werden können, wenn alles andere finanziert ist. Da hätten dann in den Städten und Gemeinden diejenigen ein Argument mehr, die dafür eintreten, dass nach der Pandemie nicht zuerst bei der Kultur gespart werden soll.

In Bayern sollen die Kulturaus­gaben pauschal um zehn Prozent abgesenkt werden. In anderen Bundesländern gibt es andere Über­legungen. Was beobachten Sie da?

Wir sehen das im Bühnenverein mit Sorge. Der Zusammenhang für die eventuell gekürzten Ausgaben für Kultur mit den Pandemie-bedingten geringeren Steuereinnahmen ist offensichtlich. Damit muss man umgehen, und ich plädiere dafür, dass man frühzeitig in aller Offenheit gemeinsam Wege bespricht, wie man durch diese Zeit kommt. Dazu braucht es oft einen breiteren Blick. Wenn man vor Ort ein Theater hat, das Rücklagen gebildet hat, dann kann man sich zum Beispiel stärker um die freie Szene und die privatwirtschaftlich geführten Theater kümmern. Es geht um die Folgen für die nächsten drei, vier Jahre. Es wäre widersinnig, jetzt alles zu retten, um dann ungerührt zuzugucken, wie es später zugrunde geht. Die Frage ist doch: Wie erhalte ich ein kulturelles Fundament in einer Gesellschaft, die in und nach dieser Krise viel mit sich selbst verhandeln muss? Dafür brauchen wir die Kultur auf dem Platz, aber eben auch die Mittel, dass Kultur auf dem Platz sein kann. Dabei ist nicht auszuschließen, dass in einem kommunalen Haushalt nicht ausreichend Geld zur Verfügung steht. Was aber auf keinen Fall sein darf, ist der Kurzschluss, dann einfach mal bei der Kunst zu kürzen. Damit ist noch nie und nirgends auf der Welt ein Haushalt saniert worden.

Jetzt nimmt die Öffentlichkeit aber auch wahr, dass bestimmte ­Bereiche der Industrie schon wieder auf Vor-Corona-Niveau ­Gewinne machen, während bei den Theatern klar ist, dass sie über mindestens drei Spielzeiten nicht die geplanten und vielerorts auch ihren Erfolg messenden Eigeneinnahmen erwirtschaften.

Theater haben bis zu 90 Prozent Umsatzeinbußen und gehören damit zu den wirtschaftlich am stärksten betroffenen Branchen überhaupt. Trotzdem muss man genauer hingucken, wo die Beschädigungen besonders groß sind. Auf die Industrie sollte man nicht neidisch sein, denn ihre Gewinne tragen zur schnellen wirtschaftlichen Erholung auch für die Kultur bei. Nicht nur für staatliche und kommunale Kulturträger.

Sie beobachten im Moment die Unterschiede der Theatersituation in den einzelnen Bundesländern. Was fällt Ihnen da auf?

Wir haben eine regional differenzierte Lage. Und es ist sinnvoll, klare Maßstäbe zu entwickeln, entlang derer dann regionale Ge­gebenheiten bewertet werden können. Diese Maßstäbe sollten bundesweit einheitlich sein, damit die Reaktionen regional differenziert sein können. Idealerweise geht es darum, Kultureinrichtungen und also auch Theater so lange wie möglich offen zu halten. Die zentrale Voraussetzung dafür ist, dass sich alle impfen lassen. Das ist der Weg aus der Pandemie.

Die Theater waren auf jeden Fall Vorreiter bei der Entwicklung von innovativen Hygienekonzepten. Mit neuer Technik durchlüftete Räume, die Bewegung von Zuschauern durch die Theater, digitale Registrierung und anfangs auch Testung von Besuchern. Sind all diese Bemühungen wirklich anerkannt worden?

Das ist alles richtig, aber auch die Theater könnten jetzt zum Beispiel noch mehr Anreize zur Impfung bieten. Mit besonderen Angeboten für Besucher. Da ist viel denkbar. Aber es stimmt, dass die Theater im Betrieb gezeigt haben, wie man sicher veranstaltet, Menschenmengen steuert, Luftaustausch technisch so herstellt, dass vom Nachbarsitz sogar keine Aerosole mehr hinüberwirken, sie haben viel investiert, um ihren Vorstellungsbetrieb sicher zu machen. Andere haben da weit weniger getan. Theater sind für ihre Besucher angemessen sicher.

Deshalb ist ja auch der Umstand, dass Theater wieder geschlossen werden, umstritten, wenn sie alle Auflagen sozusagen überer­füllen.

Wir fordern als Bühnenverein, Theater so lange wie möglich offen zu halten und nicht wie bei den Kürzungen, über die wir gerade sprachen, einseitig zu handeln. Anfang November 2020 hat man alle Theater und Kulturorte für den sogenannten Lockdown light auf einen Schlag wieder geschlossen. Das hat aus vorhersehbaren Gründen pandemiebezogen nicht ausgereicht, aber Vertrauen zerstört. Wir müssen Räume ermöglichen, in denen sich die Gesellschaft mit sich selbst befassen kann, dazu gehören auch die Theater. Und darüber muss man sprechen. Da geht es nicht um Extrempositionen. Wir haben doch wie überall – in den Familien, bei der Arbeit und anderswo in der Gesellschaft – die beiden Positionen: Die einen sagen, alles stilllegen, Kontaktsperre auch in der Kultur, und die anderen sagen, so schlimm ist es nicht. Beide ­Positionen halte ich für nicht besonders klug. Die Frage ist, wie kann ich besonders viel Kultur unter Pandemiebedingungen ermög­lichen. //

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