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Trouble um das Bundesverdienstkreuz für Tobias Morgenstern

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Tobias Morgenstern und Thomas Rühmann. Foto Christina Bohin
Tobias Morgenstern und Thomas Rühmann. Foto Christina Bohin

Eigentlich sollten Tobias Morgenstern und Thomas Rühmann, Gründer und Organisatoren des Theaters am Rand in Zollbrücke, in diesem Herbst mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt werden. Kurz vor der Zeremonie wurde die ­Ehrung aber zurückgezogen. Offizielle Begründung: Die Ordenswürdigkeit von Morgenstern sei nicht mehr gewährleistet. Das wirft Fragen auf: Danach, wie ordenswürdig künstlerisches Tun überhaupt zu sein hat und wie viele Kontroversen eine Gesellschaft aushalten kann und sollte.

Dem Theater selbst sieht man die Affäre nicht an. Der alte Oderkahn, der manchmal als Theaterkulisse dient, rostet gelassen weiter vor sich hin. Das Publikum strömte wie gewohnt zur Aufführung der allerersten Operette des Theaters in den unter Nachhaltigkeits­aspekten konstruierten Theaterbau. In „Das heißbegehrte Haus“, Libretto vom Lieder­macher Hans-Eckardt Wenzel, Komposition von Morgenstern, stand Morgenstern auch auf der Bühne. Die Finger glitten wie gewohnt über die Tasten des Klaviers und die Tasten und Knöpfe des Akkordeons. Rühmann saß im Zuschauerraum.

Dennoch ist nicht alles wie immer. Die Bundesverdienstkreuzdebatte hat zu einem Riss zwischen den Partnern geführt. „Wir haben uns entschieden, nicht mehr gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Das bedeutet auch, wir spielen vorerst unser Repertoire nicht mehr“, erzählt Morgenstern Theater der Zeit.

Die Ursache der Entfremdung kann man auf Ende September datieren. „Ein paar Tage vor der Preisverleihung bekam ich einen Anruf vom Bundespräsidialamt, dass ich das Bundesverdienstkreuz doch nicht bekommen sollte, weil sie plötzlich festgestellt hätten, dass ich auf meiner Website verschiedene ­Initiativen, die sich kritisch mit dem Zeit­geschehen beschäftigen, geliked hatte. Darunter war auch die Querdenkerbewegung“, blickt Morgenstern zurück.

Vom Bundespräsidialamt erfuhr Theater der Zeit, dass dieses Bekenntnis die Ordenswürdigkeit herabgesetzt habe. Auf Morgensterns Website stand die persönliche Erklärung: „Zu meiner politischen Einordnung: Freiheit ist das höchste Gut, ich schließe mich den neuen Querdenkern sowie den kritischen Ärzten, Wissenschaftlern, PolitikerInnen des Landes an.“ Das Bundespräsidialamt leitete daraus ab: „Wer seine Zugehörigkeit zu einer Bewegung erklärt, die vom Ver­fas­sungsschutz beobachtet wird und wer Postings von Antisemiten verbreitet, kann nicht mit dem höchsten deutschen Orden aus­gezeichnet werden.“ Auf seinem ­Facebook-Account hatte Morgenstern tatsächlich einen Beitrag der Plattform KenFM verlinkt. Auf Betreiber Ken Jebsen bezog sich die Einschätzung des Antisemitismus. Der Beitrag, den Morgenstern geteilt hatte, stammte ­allerdings nicht von Jebsen, sondern von Dirk C. Fleck – einem preisgekrönten Science-Fiction-Autor, der in seiner Vita angibt, 1943 als Sohn eines „Halbjuden“ geboren worden zu sein und dass sich dessen Eltern mit ihm bis Kriegsende wegen der sogenannten ­Trennungsauflage der NS-Justiz verstecken muss­ten. (https://www.dirk-c-fleck.de/de/vita). Der Beitrag selbst ist eine Kritik an der Impfkampagne, ohne jede Form von Antisemitismus.

Die Kritik am Impfen kann man teilen oder nicht. Aushaltbar sollte sie sein. Als ­Zeichen der allgemeinen Erregungsunkultur darf man werten, dass der Vorwurf des Anti­semitismus, der einem Plattformbetreiber – in diesem Falle Ken Jebsen – gemacht wird, automatisch jedem und jeder, die auf dieser Plattform publizieren, angeheftet wird, ja, dass es selbst jenen, die solche Beiträge ­weiterverlinken, zum Vorwurf gemacht werden kann. Und alles ohne Bewertung des ­Inhalts.

Das ist eine Art argumentative Infek­tionskette – nur dass hier eben nicht das ­Virus selbst übertragen wird, sondern dem­jenigen, der Inhalte weiterverbreitet, gleich die ge­samte Ideologie eines Plattformbetreibers ­angeheftet wird. Das ist dann doch zu viel der Ansteckung. Für Anfang 2022 ist ein klärendes Gespräch zwischen Bundespräsident Steinmeier und den Künstlern geplant. Das bestätigten eine Sprecherin Steinmeiers wie auch Morgenstern. Rühmann war für Theater der Zeit nicht zu erreichen. Er soll die Ehrung zu einem späteren Zeitpunkt erhalten.

Morgenstern zeigt sich von dem Vorfall nicht allzu betrübt. „Mir ist es sogar ganz recht so“, sagte er Theater der Zeit. „Ich habe vor der Verleihung überlegt, ob ich die Auszeichnung überhaupt annehmen soll. Gespräche mit Freunden haben mich dann dazu gebracht, dass ja nicht meine jetzige kritische Sicht auf die Pandemiemaßnahmen im Mittelpunkt stehen, sondern das gesamte Projekt des Theaters am Rand gewürdigt werden soll. Ich hatte es geschätzt, dass man mir trotz meiner Haltung den Preis geben will und dass es ja auch darum geht, Brücken zu bauen“, meinte Morgenstern. Genau diese Brücken sind nun brüchig geworden. //

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